Full text: Kurhessischer Kalender (1830-1835)

Die Bürger von St. Jean de Saone. 
dem Kriege Oesterreichs mit Frankreich im 
fiebenzehnten Jahrhundert drangen im Jahre 1636 
der kaiserliche General Galasund der Herzog 
von Lothringen mit 80,000 Mann in die 
Grenzen der Bourgogne, wo ihre Truppen, da 
das Land von den Einwohnern größtentheils ver 
lassen war, mit Grausamkeit wütheten. Nur 
einige kleine Städte batten noch) eringe Besatzun 
gen. Von diesen wollten die beiden Anführer 
noch vor dem Winter eine erobern, die ihnen 
zum Waffenplatz und zum Schutz des Rückens 
ihrer Armee dienen sollte. Sie wählten dazu das 
nur aus 200 Häusern bestehende Städtchen St. 
Jean de Saone, von dessen 1400Einwohnern 
höchstens nur 200 waffenfähig waren. Die sämmt 
lichen Festungswerke des Städtchens waren eine 
Mauer von Backsteinen, ein 15 Fuß breiter Wall 
mit Bastionen und vier hölzernen Thürmrn, und 
ein mit dem Wasser der Saone angefüllter 
Graben. 
Bei der ersten Nachricht von der Annäherung 
des Feindes rüstete sich das kleine Völkchen des 
Orts zu einem tapfern Widerstande. Von den 
benachbarten Edelleuten fand sich eine beträchr- 
licheAnzahl mit ihren Familien und allem ihrem 
beweglichen Gute in demselben ein, in der Ab 
sicht, ihn, der nun Alles, was ihnen werth und 
theuer war, in sich schlösse, mit dem letzten 
Blutstropfen zu vertheidigen. Unter ihnen war 
auch der Baron des Bar res, der reiche Vater 
eines einzigen noch jungen Sohnes, die Beide 
vor Begierde brannten, in den Mauern dieses 
Stäbchens für das Vaterland zu fechten. Einige 
Freunde fanden diesen Entschluß des Mannes 
bei seinem hohen Alter unüberlegt, und baren ihn, 
wenigstens den Sohn, als den einzigen Erben 
seines Namens und seiner großen Güter, der 
Gefahr nicht auszusetzen. Allein der alte, er 
fahrne Krieger verwarf diesen Rath mit dem höch 
sten Unwillen und sagte, daß er selbst seinem 
Sohne den Dolch in die Brust stoßen wolle, wenn 
derselbe Theil an diesem schimpflichen Vorschlage 
habe. Dieses Vorbild eines tapferen Entschlusses 
trug nicht wenig dazu bei, dem Muthe der Bür 
ger noch mehr Festigkeit zu geben, so höchst un 
bedeutend auch die vorhandenen Vertheidigungö- 
mittel waren ; denn dre ganze Artillerie des Oert- 
chens bestand in sechs kleinen eisernen Kanonen, 
und von der königlichen Besatzung, die eigentlich 
acht Compagnien ausmachen sollte, waren so 
viel Leute an der Pest gestorben, daß man nur etwa 
150 Mann zahlte, von denen noch Manche an 
diesem furchtbaren Uebel krank lagen. Sogar der 
Kommandant, Rochefort d'Ally de Saint 
Point, ein Mann von geprüftem Muthe, war 
zwei Tage vor der Ankunft des starken Feindeö 
von dieser Krankheit ergriffen worden. Der an 
seiner Stelle das Kommando führende Offizier» 
M ach ault, war dagegen ein Mann ohne Math 
und sein Beispiel verbreitete Schrecken und 
Zaghaftigkeit unter den Offizieren und Solda 
ten , von denen die kühnsten bei dem Gedanken 
schauderten, daß sich 150 Mann, die kranken mit 
gerechnet, gegen 80,000 gesunde Krieger wehren 
sollten. Die Bürger, welche dieses bemerkten, 
zogen in großen Haufen nach dem Hause des 
kranken Kommandanten, klagten über die Zag 
haftigkeit der Besatzung und machten ihm ihren 
Entschluß bekannt, selbst die Stadt zu vertheidigen. 
Der kranke Kommandant bewunderte den 
Muth der Bürger, und ließ sogleich seinen Stell 
vertreter, M a ch a u l t, nebst sämmtlichen Offizie 
ren, zu sich kommen. Sie erhielten die verdien 
ten Verweise, erklärten aber aus einem Munde, 
daß es bei den obwaltenden Umständen Thorheit 
wäre, an eine Vertheidigung zu denken, und ihnen 
unmöglich zur Dchande gereichen könne, wenn sie 
den Feinden ohne all,en Widerstand die Thore 
öffneten, der bei demselben durch das erste Ka 
nonenfeuer den eienden Wall weit genug, uw 
hineinbringen zu können, durchlöchern und dann 
in seinem Zorn Stadt und Leute vernichten 
werde. — Dagegen ließen sich die Abgeordnete» 
der Bürgerschaft dahin vernehmen: daß, weil 
ihre Stabt die erste in Bourgogne sey, welche 
der Feind bedrohe, auch ihre Pflicht fordere, 
zuerst Beweise der Tapferkeit zu geben, indem, 
wenn sie sich muthlos ergäben, alle übrigen 
Städte sich für berechtigt halten würden, das 
selbe zu thun; dagegen eine ernsthafte Gegeo- 
wehr sie Alle dazu ermuntern würde; daß 
man ihnen überdies Entsatz versprochen habe, 
und, wenn dieser auch ausbleibe, es ja kein« 
größere Ehre gebe, als für König und Vaterland 
zu sterben; daß ihre Stadt freilich nur schwach, 
desto fester aber ihr Muth sey, und daß blos die 
Furcht sie niederschlage, in Denen, welche ihre 
Beschützer seyn sollten und die Kunst des Krieges 
gelernt hätten, vielleicht ihre Verräther zu ft»' 
den. — Diese Reden der braven Bürger wach 
ten auf die Offiziere solchen Eindruck, daß diese 
ihnen beschämt die Hand gaben und versprachen, 
das getreulich zu seyn, wozu sie ihr Eid be 
stimmt habe. 
Indessen waren die Feinde herangekommen 
und hatten die Laufgraben eröffnet. Ga las, der 
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