Die Bürger von St. Jean de Saone.
dem Kriege Oesterreichs mit Frankreich im
fiebenzehnten Jahrhundert drangen im Jahre 1636
der kaiserliche General Galasund der Herzog
von Lothringen mit 80,000 Mann in die
Grenzen der Bourgogne, wo ihre Truppen, da
das Land von den Einwohnern größtentheils ver
lassen war, mit Grausamkeit wütheten. Nur
einige kleine Städte batten noch) eringe Besatzun
gen. Von diesen wollten die beiden Anführer
noch vor dem Winter eine erobern, die ihnen
zum Waffenplatz und zum Schutz des Rückens
ihrer Armee dienen sollte. Sie wählten dazu das
nur aus 200 Häusern bestehende Städtchen St.
Jean de Saone, von dessen 1400Einwohnern
höchstens nur 200 waffenfähig waren. Die sämmt
lichen Festungswerke des Städtchens waren eine
Mauer von Backsteinen, ein 15 Fuß breiter Wall
mit Bastionen und vier hölzernen Thürmrn, und
ein mit dem Wasser der Saone angefüllter
Graben.
Bei der ersten Nachricht von der Annäherung
des Feindes rüstete sich das kleine Völkchen des
Orts zu einem tapfern Widerstande. Von den
benachbarten Edelleuten fand sich eine beträchr-
licheAnzahl mit ihren Familien und allem ihrem
beweglichen Gute in demselben ein, in der Ab
sicht, ihn, der nun Alles, was ihnen werth und
theuer war, in sich schlösse, mit dem letzten
Blutstropfen zu vertheidigen. Unter ihnen war
auch der Baron des Bar res, der reiche Vater
eines einzigen noch jungen Sohnes, die Beide
vor Begierde brannten, in den Mauern dieses
Stäbchens für das Vaterland zu fechten. Einige
Freunde fanden diesen Entschluß des Mannes
bei seinem hohen Alter unüberlegt, und baren ihn,
wenigstens den Sohn, als den einzigen Erben
seines Namens und seiner großen Güter, der
Gefahr nicht auszusetzen. Allein der alte, er
fahrne Krieger verwarf diesen Rath mit dem höch
sten Unwillen und sagte, daß er selbst seinem
Sohne den Dolch in die Brust stoßen wolle, wenn
derselbe Theil an diesem schimpflichen Vorschlage
habe. Dieses Vorbild eines tapferen Entschlusses
trug nicht wenig dazu bei, dem Muthe der Bür
ger noch mehr Festigkeit zu geben, so höchst un
bedeutend auch die vorhandenen Vertheidigungö-
mittel waren ; denn dre ganze Artillerie des Oert-
chens bestand in sechs kleinen eisernen Kanonen,
und von der königlichen Besatzung, die eigentlich
acht Compagnien ausmachen sollte, waren so
viel Leute an der Pest gestorben, daß man nur etwa
150 Mann zahlte, von denen noch Manche an
diesem furchtbaren Uebel krank lagen. Sogar der
Kommandant, Rochefort d'Ally de Saint
Point, ein Mann von geprüftem Muthe, war
zwei Tage vor der Ankunft des starken Feindeö
von dieser Krankheit ergriffen worden. Der an
seiner Stelle das Kommando führende Offizier»
M ach ault, war dagegen ein Mann ohne Math
und sein Beispiel verbreitete Schrecken und
Zaghaftigkeit unter den Offizieren und Solda
ten , von denen die kühnsten bei dem Gedanken
schauderten, daß sich 150 Mann, die kranken mit
gerechnet, gegen 80,000 gesunde Krieger wehren
sollten. Die Bürger, welche dieses bemerkten,
zogen in großen Haufen nach dem Hause des
kranken Kommandanten, klagten über die Zag
haftigkeit der Besatzung und machten ihm ihren
Entschluß bekannt, selbst die Stadt zu vertheidigen.
Der kranke Kommandant bewunderte den
Muth der Bürger, und ließ sogleich seinen Stell
vertreter, M a ch a u l t, nebst sämmtlichen Offizie
ren, zu sich kommen. Sie erhielten die verdien
ten Verweise, erklärten aber aus einem Munde,
daß es bei den obwaltenden Umständen Thorheit
wäre, an eine Vertheidigung zu denken, und ihnen
unmöglich zur Dchande gereichen könne, wenn sie
den Feinden ohne all,en Widerstand die Thore
öffneten, der bei demselben durch das erste Ka
nonenfeuer den eienden Wall weit genug, uw
hineinbringen zu können, durchlöchern und dann
in seinem Zorn Stadt und Leute vernichten
werde. — Dagegen ließen sich die Abgeordnete»
der Bürgerschaft dahin vernehmen: daß, weil
ihre Stabt die erste in Bourgogne sey, welche
der Feind bedrohe, auch ihre Pflicht fordere,
zuerst Beweise der Tapferkeit zu geben, indem,
wenn sie sich muthlos ergäben, alle übrigen
Städte sich für berechtigt halten würden, das
selbe zu thun; dagegen eine ernsthafte Gegeo-
wehr sie Alle dazu ermuntern würde; daß
man ihnen überdies Entsatz versprochen habe,
und, wenn dieser auch ausbleibe, es ja kein«
größere Ehre gebe, als für König und Vaterland
zu sterben; daß ihre Stadt freilich nur schwach,
desto fester aber ihr Muth sey, und daß blos die
Furcht sie niederschlage, in Denen, welche ihre
Beschützer seyn sollten und die Kunst des Krieges
gelernt hätten, vielleicht ihre Verräther zu ft»'
den. — Diese Reden der braven Bürger wach
ten auf die Offiziere solchen Eindruck, daß diese
ihnen beschämt die Hand gaben und versprachen,
das getreulich zu seyn, wozu sie ihr Eid be
stimmt habe.
Indessen waren die Feinde herangekommen
und hatten die Laufgraben eröffnet. Ga las, der
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