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aufeinanderfolgenden Jahre zu erleichtern. So tritt
die zeitliche Schwankung des Frühlingseinzuges in
Marburg mit aller Deutlichkeit hervor, und zwar um
so überzeugender, je mehr sich die Linien verschiedener
Arten der gleichen Verschiebungsrichtung nähern,
wie besonders 1919/20, 1921/22 und 1922/23. Ein
Vergleich zwischen 1915 und 1916 läßt am Anfang
des letzten Jahres einen Vorsprung von ungefähr
vier Wochen erkennen, lehrt aber weiter, daß der Be
trag des Unterschiedes weiter in den Frühling hinein
allmählich kleiner wird. Die Robinie (gewöhnlich
Akazie genannt) wird von der Schwankung in diesem
Falle kaum noch betroffen. Dagegen erstreckt sich die
Verfrühung von 1919 auf 1920 fast gleichmäßig auf
alle berücksichtigten Arten. 1921 verdient gegenüber
1920 besondere Beachtung: Anfangs finden wir vom
Buschwindröschen (Anemone) bis zur Birne einen
durchschnittlichen Vorsprung von einigen Tagen;
dann folgt vom 4. bis zum 27. April eine große Lücke,
in deren Mitte nur das Wiesenschaumkraut verein
samt steht; danach folgen in ziemlich gleicher Ver
spätung gegenüber dem Vorjahre die übrigen Arten,
bis die Schwankung wieder bei der Robinie ausläuft.
Den Ursachen hier im einzelnen nachzuspüren, ist
nicht beabsichtigt; doch mag an dieser Stelle daran
erinnert werden, daß um die Mitte des April 1921
nach wärmeren Tagen Nachtfröste einsetzten, die das
Auftreten jener Lücke wenigstens mitverursacht haben
dürften. Die Verspätung des Frühlingseinzuges
1922 erscheint verschärft durch die Wirkung des
Gegensatzes, der durch die beiden unmittelbar an
grenzenden Jahre gegeben ist. Gegenüber 1919 er
scheint sie gering, 1924 wird sie sogar von einigen
Arten noch überboten. Die Robinie fällt 1923
— 20. Juni — ganz aus der Rolle, nicht ganz so
stark der Goldregen 1924. Die Unregelmäßigkeit der
Zeichnung an diesen Stellen beruht nicht etwa auf
einem Beobachtungsfehler, sondern beide Pflanzen
haben es, wenigstens in Marburg, in den betreffen
den Jahren überhaupt nur zu einer sehr kümmer
lichen Blüte gebracht. Sollte bei der Robinie etwa
der lange Winter 1921/22 noch nachgewirkt haben?
Ähnlich wie in der Wetterkunde können auch in der
Phänologie die schönsten Erfolge erst erzielt werden,
wenn man sich nicht damit begnügt, die Beobach
tungen von einem Orte durch die Reihe der Jahre
hindurch zu verfolgen, also bloß zeitliche Schwan
kungen festzustellen, wenn man vielmehr für be
stimmte Zeitpunkte auch den gleichzeitigen
Stand der Blütenentfaltung an mög
lichst vielen verschiedenen Orten, so
zusagen im Querschnittsbilde, vergleichend betrachtet.
Das ist erst möglich geworden durch die Schaffung
der oben erwähnten Sammelstellen.
Unser Bild 2, dessen Unterlagen — mit Ausnahme
von Marburg — ich sämtlich Herrn Professor Ihne
verdanke, soll die örtlichen Unterschiede im Mittel
der Aufblühzeiten einiger Frühlingsblüher veran
schaulichen. Leider ist die Darstellung einseitig im
buchstäblichen Sinne des Wortes, weil mir aus dem
Norden unseres Gebietes keine vollständigen Beob-
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April 10. 20. 30 . 10. Mat
Bild 2.
achtungsreihen zur Verfügung standen und die An
gaben aus Schreufa (vgl. unten) sich zum Teil auf
andere als die von mir beobachteten Arten beziehen.
Die vollständigsten Aufzeichnungen liegen aus Darm
stadt (Professor Ihne) und Frankfurt am Main
(Frau Professor Zieglers vor. Aus der stattlichen
Zahl der dort regelmäßig beobachteten Pflanzen
wurden sechs Arten ausgewählt, die für den Ver
gleich mit den Angaben aus noch drei anderen, süd
lich von Marburg gelegenen Orten, nämlich Büdes
heim (Obergärtner Neuling), Laubach (Lehrer Weil)