Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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schlosserten Schwadronen heran zu kommen, während 
das Fußvolk frei unter ihnen wegzuschreiten vermag. 
So gewinnt dieses allmählich immer mehr Vorsprung, 
während der Feind zaudert und zaudert, das in muster 
hafter Ruhe und Ordnung dahinziehende Bataillon an 
solcher Stelle anzugreifen, indem erdarauf rechnet, dieses 
später mit mehr Glück thun zu können, da es, um an 
einen der Edcr-Uebergänge zu gelangen, ja doch endlich 
wieder aus dem Walde heraus kommen müsse. 
Mittlerweile aber war dem Herzoge von Broglie 
der Vorfall gemeldet worden. Er eilte selbst herbei, 
um sich durch eignen Augenschein von der ihm als 
beispiellos geschilderten Haltung des Bataillons zu 
überzeugen. Und da er es fand, wie ihm gesagt 
worden, ward er so von Bewunderung hingerissen, 
daß er nicht nur voll Hochherzigkeit den Befehl er 
theilte, das Bataillon ruhig seinen Weg ziehen zu 
lassen, indem er zu seinem Gefolge gewendet die 
Worte sprach: "Ehren und schonen wir diese Braven!« 
sondern auch noch, voll ritterlichen Sinnes, einen 
Trompeter an den Herzog von Bräunschweig absandte, 
demselben — seinen Glückwunsch abzustatten, daß er 
so brave Truppen unter seinem Commando habe. 
Ich denke, dieses Beispiel dürfte es klar machen, 
welche Zauberkraft militärische Zucht und pünktlicher 
Gehorsam zu üben und wie solcher selbst unter ganz 
verzweifelt erscheinenden Umständen doch noch Rettung 
zu bringen vermag. Denn hätte nur einer von den 
400 Mann, die das Bataillon etwa zählen mochte, 
von Angst bewegt oder ungehorsamer Weise den Fin 
ger gekrümnit und sein Gewehr auf die anstürmenden 
feindlichen Reiter abgefeuert, so würde dadurch wahr 
scheinlich ein unordentliches Plackerfeuer entstanden 
sein, welches die Angreifenden schwerlich abgehalten 
haben würde, ans das Bataillon einzuhalten. Doch 
selbst wenn dieses sich solcher Weise des Angriffs 
erwehrt und den Hntewald erreicht hätte, so würde 
es da, von allen Seiten umstellt, sich doch endlich 
haben gefangen geben müssen, denn der Widerstand 
hätte, wenn er auch noch so brav war, kein so außer 
ordentlicher sein können, daß der Herzog von Broglie 
aus Bewunderung für denselben einen so hochherzigen 
Entschluß gefaßt haben möchte. 
Bescheidene Ehrlichkeit. 
Thu', was Jeder loben müßte. 
Wenn dk ganze Welt es wüßte; 
Thu' es, daß es Niemand weiß. 
Und gedoppelt ist der Preis. 
„Es ist die Ehrlichkeit eine gar seltne Pflanze, 
und wo sie noch wächst, da kommt sie gar häufig! 
aus keinem guten Grund, und ihre Blume hat darum 1 
nur Farbe aber keinen Wohlgeruch." : ' 
So hört man häufig sagen, und meint damit, 
es gäbe wenig Ehrliche, und die es seien, die wollten 
damit groß thun, oder etwas erlangen. So mag's 
im Handel und Wandel oft sein; aber der Handel 
ist nun auch einmal kein ganz heller Bach. Willst 
Du Ehrlichkeit finden, dann geh' in's Volk hinein, 
in's gute, stille Christenvolk, da kommt sie lauter 
und rein, ohne Rumor und Gleißnerei aus dem 
guten Schatze des Herzens, in dem der Herr Woh 
nung hat. Das lehrt uns folgendes Beispiel von 
Ehrlichkeit. 
Es lebte in Haingründau, einem Dörfchen unweit 
Büdingen, seit Jahren ein katholischer Leinweber 
geselle, aus dem Auslande gebürtig. Der Leinweber 
gehörte zu den stillen, begnügsamen Naturen, denen 
es überall wohl ist, wo sie ihr Stück Brod haben 
und in ihrem Glauben nicht gestört werden. Viele 
Jahre hatte er schon bei einem Meister gearbeitet, 
und war im Orte heimisch geworden, also daß ihn 
Alt und Jung lieb hatte. Wer in augenblicklicher 
Noth war, der ging zu dem Webergesellen, denn er 
hatte beständig Geld übrig, weil er sehr sparsam 
war; auch half er gerne. 
Im Winter 1842 starb der Leinwebergeselle nach 
kurzer Krankheit in dem Hanse seines Meisters, und 
auf die Anzeige erschien das Gericht, um seine Ver 
lassenschaft zu versiegeln. In seiner Stube und 
zwischen seinen wenigen Habseligkeiten fand man ein 
zelne kleine Summen Geldes. „Das ist nicht Alles, 
was der Leinweber an Geld gehabt hat," sagte der 
Bürgermeister zu dem Assessor, der das Inventar 
aufstellte, „ich weiß, daß der Verstorbene Diesem 
und Jenem aus der Noth geholfen hat; wer aber 
die Schuldner sind, kann ich nicht sagen. Wenn's 
Ihnen recht ist, so lasse ich durch, die Schelle im 
Orte bekannt machen, wer dem verstorbenen Lein 
weber etwas schuldig sei, der solle sich melden." 
Der Herr Assessor, dem in seiner Praxis wohl 
schon manche Unehrlichkeit vorgekommen war, sah 
den Bürgermeister kopfschüttelnd an und sprach: „Es 
kann nicht schaden, aber helfen wird es auch nichts!" 
Schweigend ging der Bürgermeister weg, um dem 
Ortsdiener den Befehl zu geben, und bald hörte 
man durch das Fenster den Ruf: „Wer dem ver 
storbenen , Leinweber etwas schuldig ist, der soll sich 
sogleich melden; das Landgericht ist da!" 
Es waren seitdem keine zehn Minuten vergangen, 
so kam eine Frau, und brachte eine kleine Summe
	        

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