Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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mal gar umständlich und weitläufig gemacht wurde. 
Während er aber noch in den langen Formnlarien 
und Titeln herumirrte, siel ihm der Landgraf in die 
Rede und sagte: Ja, ja, Meinen freundlichen Gruß 
und alles Guts zuvor, und was mehr? Der Abge 
sandte, ein versuchter Politicus, merkte wohl, daß 
ihm hier zu Land seine künstliche lange Rede mitsammt 
allen Titeln und Präambeln nicht viel helfen werde, 
also antwortete er behend und kurz: Geld, gnädiger 
Herr! Der Landgraf fragte wieviel? »r. Beuterich: 
Hunderttausend Gulden. Der Landgraf: Ich will 
Euch die Hälfte geben. 0r. Beuterich: Ich thue mich 
unterthänig bedanken. Und damit war die ganze 
Verhandlung abgemacht. 
Jobst Sackmann, 
weiland Pastor zu Limmer bei Hannover. 
Jobst (oder Jacob) Sackmann stand als 
Prediger zu Limmer, nahe bei Hannover, und trat 
sein Lehramt bei der dortigen Gemeinde im Jahre 
1680 an. Ehrlichkeit und alte deutsche Treue, mit 
einer frommen Einfalt der Sitten verbunden, machte 
den Hauptzug in der Gemüthsart dieses Mannes 
aus, sie leitete alle seine Schritte und erwarb ihm 
eine allgemeine Liebe und das ganze Zutrauen seiner 
Eingepfarrten. Sie liebten und ehrten ihn als ihren 
Vater. Nicht leicht unternahm einer aus ihnen einen 
Kauf, einen Proceß, oder eine andere Sache von 
Wichtigkeit, ohne vorher die Meinung seines Predigers 
darüber eingeholt zu haben; und sehr oft vermittelte 
dieser unter ihnen, durch seine vernünftigen Vor 
stellungen, eine Zwistigkeit, die vielleicht ftir beide 
Theile verdrießliche Folgen gehabt haben würde. 
Sein öffentlicher Bortrag war mit allem Bedacht, 
nach der Fähigkeit seiner Zuhörer eingerichtet, deut 
lich, populär und faßlich; freilich wohl mit dem 
Maaße der Aufklärung jener Zeit übereinstimmend. 
Zuweilen konnte er auch bei Bestrafung einiger Laster 
und Thorheiten einen satyrischcn Einfall nicht ganz 
zurückhalten. Dies mochte die Veranlassung geben, 
daß im Sommer viele Einwohner aus Hannover 
einen Spaziergang nach Limmer machten, um Sack 
mann zum Zeitvertreib zu hören. Nicht selten 
fuhren auch vornehme Damen zu seiner Predigt, 
welche denn gewöhnlich, so gut als jene, ihre Lection 
bekamen. 
Daß er sich im Predigen sehr oft der Nieder 
sächsischen Mundart bediente, bei deren Gebrauch in 
unsern Tagen die Würde einer heiligen Rede gar 
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sehr verlieren würde, das war gar nichts Unerhörtes ^ 
und vielmehr dem Geiste jener Zeit vollkommen * 
gemäß; denn sogar noch in der letzten Hälfte des 
vorigen Jahrhunderts hörte man hin und wieder 
diesen Dialect von den Kanzeln der Landkirchen in : 
Niederdeutschland. Sackmann hatte einmal Ge- > 
legenheit, sich dieserhalb zu rechtfertigen. Der ver- 1 
witweten Herzogin von Hannover hatte man von j 
ihm gesagt und sie wünschte ihn in der Schloßkirche j 
zu hören. Sackmann reifete, sobald er den Befehl , 
erhalten, ohne Umstände dahin und zeigte, daß er ' 
seinen Vortrag nach dem Zustande seiner Zuhörer 1 
einzurichten verstand. Die Fürstin äußerte, daß sie 
das Sonderbare gar nicht fände, was ihr von ihm \ 
hinterbracht worden. Bei einer Audienz fragte sie 
ihn, ob er in seiner Kirche eben so predigte, wie sie 
ihn gehört hätte? „O nein! gnädigste Landesmutter" 
war seine Antwort, „wie würden mich meine armen 
Schaafe verstehen, wenn ich nicht anders predigen 
wollte? Mit den Einfältigen muß ich einfältig 
reden, woferne ich ihnen nützen will." Sie entließ 
ihn hierauf mit der Versicherung ihrer Zufriedenheit, 
und mit der Ermahnung, in seiner Amtstreue fort 
zufahren. Dabei wird von Sackmann erzählt, daß 
als er am Hofe haben predigen sollen und er zu 
Fuße dorthin ging, und nicht den gesandten Hof 
wagen benutzte, und in Folge dessen gefragt sey, 
warum er nicht habe fahren wollen, geantwortet 
habe: es stünde nicht geschrieben: „Fahret hin in 
alle Welt", sondern: „Gehet in alle Welt und pre 
digt das Evangelium aller Creatur." 
Die Besuche aus der Stadt zu seinen Predigten 
dauerten unterdessen fort und wurden nach diesem 
Vorgänge noch zahlreicher. Der gute Sackmann 
ging aber seinen geraden Weg vor sich hin, ohne 
durch etwas sich irre niachen zu lassen. 
Eines Sonntags bemerkte er, daß eine zahlreiche 
Gesellschaft auö Hannover zur Kirche kam. Schnell 
unterrichtete er seinen Küster davon, ließ denselben 
eine außerordentlich lange Predigt lesen, die längsten 
Gesänge singen und Gebete vorlesen. Die Kirche 
wurde geschloffen, so daß keiner vor Beendigung 
dieses langen Gottesdienstes dieselbe verlassen konnte. 
Die Hannoveraner wurden durch diese Maßregel 
die Angeführten. Statt des gehofften Vergnügens, 
sich über den Prediger lustig zu machen und reichen 
Stoff zu Scherzen über ihn nach Hause tragen zu 
können, brachten sie, als endlich ihre Befreiungsstunde 
schlug, als Nachwirkungen des verfehlten Ziels und 
der empfundenen Langenweile, Mißbehagen und üble
	        

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