Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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mußten, erzogen oder zur Confirmation herangebildet 
werden. Er hilft den ärmsten Gemeinden in den 
katholischen Ländern ihre Pfarrer und Lehrer besolden, 
daß sie bei ihnen bleiben können, und ermuthigt 
Letztere in ihrem Amte, indem er die Witwen der 
selben, die in solchen Ländern gar keinen Witwen 
gehalt beziehen, unterstützt. 
Seid 
einig! 
Ein österreichischer und ein baierischer Bauern 
bursche, welche in Grenzdörsern wohnten, geriethen 
einst in einem Wirthshause über Kleinigkeiten in 
Streit. Im Fortgange des Wortgefechtes kamen sie 
auf das Kapitel des Vaterlandes, — natürlich war 
der Baier ein guter Baier, der Oesterreicher ein 
guter Oesterreicher, — sie arbeiteten sich in immer 
heftigeren Zorn hinein, auf anzügliche Redensarten 
folgten grobe Schmähungen, endlich gab es, wie es 
so zu geschehen pflegt, Ohrfeigen hin und her. 
Drei solcher Dachteln waren abgeliefert. Der 
Baier hatte die Mehrzahl erhalten und dachte in sei 
nen dummen Gedanken: Morgen will ich's dem Oester 
reicher schon eintränken. Der Letztere tröstete sich: 
Basta für heute, ich habe ja noch eine unschuldige 
Backe, auf der ich diese Nacht schon schlafen kann; 
hat der Baier morgen noch nicht genug, so will ich 
ihn schon besser treffen. 
Sie gingen auseinander und schwuren im Herzen, 
sich das Schlimmste anzuthun. Aber nicht lange 
darauf hatte ein jeder von den Burschen das Unglück, 
daß er wegen Wilddieberei aus seiner Heima'th fliehen 
mußte, und so kamen sie nach Frankreich, um sich 
für Afrika werben zu lassen, wo die Franzosen 
damals Krieg gegen den Beduinenhäuptling Abd-el- 
Kader führten. 
Beide Bursche kamen in Afrika an, der Baier 
früher, der Oesterreicher später; einer war als Reiter 
angeworben, der andere als Musketier; beide schwitzten 
gehörig unter der glühenden afrikanischen Sonne, beide 
waren aber tapfer, wie es Deutschen ziemt, und es 
dauerte nicht lange, so hatte jeder ehrenvolle Wun 
den auf der Brust, 
Das war wohl alles löblich und gut und auch 
der lustige Kelch des Soldatenlebens wurde unsern 
Burschen geschenkt. Aber einen recht bitteren Tropfen 
hatte er doch in sich. Oder ist es nicht recht bitter, 
so weit vom Vaterlande fort zu sein, seine Mutter 
sprache nicht mehr zu hören, Eltern, Verwandte, 
Landsleute und Freunde so fern zu wissen über Berg, 
Thal und Meer? In Afrika wurde immer nur von 
Frankreich, vom Kaiser von Marokko, von Abd-el- 
Kader und den Arabern gesprochen, — von Deutsch 
land keine Silbe, und wenn es ein Franzose einmal 
beiläufig nannte, so hieß es l’Allemagne und nicht 
Deutschland. 
Einst stand der Baier Wache in der stillen Wüste, 
über sich den Himmel, unter sich nur Sand, vor sich 
Sand und Himmel. Dort drüben, dachte er, dort 
muß mein Deutschland liegen, mein Vaterland, — 
mein Baiern, meine Heimath; dort leben meine Brü 
der, dort spricht man meine Sprache: und ich stehe 
allein hier, so weit hinweg in einem fremden Lande, 
unter fremden Menschen, und will ich meine Sprache 
reden, so rede ich nur zu tauber Luft und zu todtem 
Sand. 
Er stieg vom Pferde und drückte weinend sein 
Gesicht in die Mähnen desselben. "O hätt' ich jetzt 
nur einen deutschen Bruder, sei's Oesterreicher oder 
Württemberger, Preuße, Sachse oder Hesse! Wie 
wollte ich meinen Oesterreicher jetzt herzen, statt ihn 
wie früher anzufeinden!« 
Und wie er so spricht und voll Trauer ist, mar- 
schirt ein Trupp Musketiere vorüber und macht halt 
und der Anführer spricht in schlichtem Französisch: 
"Nun, guter Freund! kein Araber zu sehen gewesen? 
Alles rund herum in Ordnung?« 
Der Baier wischt sich schnell die Augen, schaut 
auf und will sagen: »Nein, Alles in Ordnung« — 
aber er kann kein Wort hervorbringen: sieht den 
Andern starr an und wird weiß wie Kreide. Dem 
Musketier geht es nicht anders. Er glaubt zu träu 
men, heftet seinen Blick fest auf den Baier, — seine 
Angen werden feucht, seine Wangen bleicher — plötzlich 
werfen beide von sich, was sie in den Händen haben, 
fallen sich um den Hals, der Eine ruft: »Jst's mög 
lich, bist Du's? bist Du's wirklich, lieber Baier?« — 
der Andere: "Habe ich Dich wieder, Du lieber Oester 
reicher?« — und so küssen sie sich und schwören, sich 
zu lieben ihr ganzes Leben. 
Diese Geschichte erinnert uns wohl lebhaft genug 
an das Schicksal unseres deutschen Volkes, welches so 
oft als Preuße, Sachse, Oesterreicher, Baier rc., allein 
oder gegen den Landsmann gestritten hat, bis es, 
durch fremde Macht so recht in eine Wüste des 
Elends geführt, zur Besinnung kommt und ausruft: 
«Wir sind Alle Deutsche, laßt uns einig sein, dann 
sind wir stark und dürfen auch von einem Vaterlande 
reden.« 
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