Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

weniger Pracht und mehr Aufrichtigkeit habe. Deutsche, 
die nach Frankreich kamen, waren ihr stets willkom 
men, besonders wenn sie „noch auf den alten teutschen 
Schlag waren, wie die Leute zu meiner Zeit gewesen 
seyn.« «Ich höre als recht gern, wie es 
in Deutschland zugeht, bin wie die alten Kutscher, 
die noch gern die Peitsche klacken hören, wenn sie 
nicht mehr fahren können", äußert sie in ihrer drol 
ligen Weise. Natürlich war es ihr die größte Freude, 
pfälzische Landsleute in der Fremde begrüßen zu kön 
nen. Ein pfälzisches Sprichwort, ein pfälzisches Volks 
lied versetzte sie ganz zurück in den Kreis ihrer hei 
matlichen Freuden. 
' Es läßt sich danach leicht denken, wie das Herz 
der Prinzessin litt, als in den Jahren 1689 und 1698 
ihre unglückselige Heirat für den König Ludwig den 
Vierzehnten den Vorwand hergab, ihre geliebte Heimat 
durch den General Melac auf das Greulichste ver 
wüsten zu lassen. Noch lange nachher sagte sie: »Ich 
kann an die gute Pfalz nicht denken; es macht mich 
zu traurig.« Und wenige Jahre vor ihrem Tode: 
»Wenn ich Mannheim, Schwetzingen oder Heidelberg 
wieder sehen sollte, glaube ich, daß ich es nicht würde 
ausstehen können und vor Tränen vergehen müßte; 
denn wie alles Unglück dort geschehen, bin ich länger 
als sechs Monat gewesen, daß, sobald ich die Augen 
zugetan, habe ich die Oerter in Brand gesehen, bin 
mit Schrecken aufgefahren und länger als ein Stund 
geweint, daß ich geschlozt hab.« Merkwürdiger Weise 
wuchs das Heimweh mit den Jahren bei der Prin 
zessin. Je älter sie wurde, desto lebendiger wurden 
in ihr die Erinnerungen an die liebe Jugendzeit. Da 
sah sie ihr altes Heidelberg mit allen Straßen und 
Gäßchen, wußte noch in jedem Winkel Bescheid, erin 
nerte sich aller Personen noch genau und fragte nach 
diesem und jenem, wie z. B. was die kleine Spina 
mache, von der sich ihr Herr Vater Selig »als 
Märcher erzälen ließ.« 
Diese Vorliebe für das Vaterländische erstreckte 
sich auf Alles, selbst auf Speise und Trank: Nie 
konnte sich die Prinzessin mit den Delikatessen und 
Leckereien der französischen Kochkunst befreunden. 
»Guter brauner Kohl«, schrieb sie au ihre Stief 
schwester die Raugräsin Luise, »Sauerkraut, 
Schinken und Knackwurst schmeckten mir viel besser, 
und ein guter Krautsalat mit Speck, diese delicaten 
Speisen sind mein Sach.« Auch darin blieb sie 
kerndeutsch, daß ihr niemals die französischen Weine 
munden wollten; bis in ihr spätes Alter trank sie 
ihren edlen Bacharacher. 
Wie einsam stand diese Frau mit ihrem warmen, 
deutschen Herzen mitten in der kalten, übertünchten 
Welt des Versailler Hofes! Wie stark war der Ge 
l gensatz zwischen ihrer naiven Einfachheit und all dem 
verkünstelten Wesen, daö sie umgab! In allen Stücken 
eine Erscheinung der alten Zeit, eine Deutsche von 
ächtem Schrot und Korn, sah sie das, was sie selbst 
erfüllte, strenge Sittlichkeit, Liebe zu den Verwandten, 
Heiligkeit in der Ehe, schlichte Einfachheit der Lebens 
art, rings um sich in's Gegenteil umgeschlagen. Der 
Aufenthalt in dem glatten, falschen Frankreich macht 
mich oft, schrieb sie einmal, «grittlich wie eine Wand- 
laus». Gleichwol behielt ihr von Natur heiterer 
Sinn die Oberhand über allen Verdruß und jegliche 
Widerwärtigkeit des Fremdelebens. Das fröliche 
Pfalzblut machte sich immer wieder siegreich geltend, 
und die Briefe der Prinzessin sind reich an Proben 
ihres unverwüstlichen Humors. Sie besaß auch jene 
Neigung zu jovialer Selbstverspottung, welche ein 
untrügliches Zeichen für den heiteren -Seelenfrieden 
derjenigen ist, die den Scherz gegen ihre eigene Per 
son zu kehren lieben, wie denn Liselotte unter Ande 
rem von dieser ihrer Person wiederholt briefliche 
Schilderungen geliefert hat, welche beweisen, daß sie 
von Eitelkeit frei war wie Wenige; z. D.: »Ich habe 
kleine Augen, kurze dicke Nase, platte lange Lippen, 
große, hangende Backen, ein groß Gesicht und bin 
gar klein von Person, dick und breit; Summa Sum 
marum, ich bin ein gar häßlich Schätzchen«. 
So war die Frau, welche die Stammutter der 
Königsdynastie Orleans geworden ist. Am 8. Oktober 
1722 entschlief sie sanft und ruhig, in getroster Hoff 
nung, ihre Lieben, wie sie einst an ihre Schwester ge 
schrieben hatte, »im Tale Josaphat wiederzusehen«. 
In früheren Tagen hatte sie manchmal geäußert: 
»Wir Kinder des sel. Kurfürsten haben uns wenig 
vom zeitlichen Glück zu berühmen; Gott gebe, daß 
wir das ewige finden mögen.« 
Allerlei Ernst und Scherz. 
Der Glockcnmaler zu Dortrecht. 
Es war einmal ein Maler in der guten Stadt 
Dortrecht in Holland, der verstand weiter nichts zu 
malen als Wirtshausschilder und auf alle Wirtshaus- 
schilder, die er zu malen bekam, wußte er weiter nichts 
zu malen, als eine Glocke. Der einzige Unterschied, 
den er anbrachte, lag in der Farbe; zur blauen, zur 
roten, zur gelben Glocke und so weiter. Und anders 
wußten es die unschuldigen Dortrechter nicht seit Men 
schengedenken, — bis endlich ein junger, von der Wan 
derschaft heimgelehrter Gelbschnabel den seltsamen Ein 
fall hatte, statt der beliebten Glocke einen spanischen 
Reiter auf sein Wirtshausschild gemalt haben zu 
wollen. Unser Maler sträubte sich dagegen und stellte 
vor, es würde sich das schlecht machen; es sei wider 
die Mode und den guten Ton; die Leute würden 
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