Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Unterhaltendes und Belehrendes 
Althessische Erinnerungen. 
Landgraf Wilhelm der Neunte (Kurfürst Wil 
helm der Erste) und das Haus Rothschild. 
Im Jahre 1800, es kann auch ein wenig früher 
oder später gewesen sein, suchte der Landgraf Wil 
helm der Neunte von Hessen für seinen Dienst einen 
neuen Hofagenten, daß heißt einen Mann, der ihm 
seine Geldgeschäfte besorgen sollte (und der Land 
graf, als einer der reichsten deutschen Fürsten, hatte 
deren sehr viele zu besorgen). Zu einem solchen 
Amte Pflegten die hohen Herren ehemals meist Juden 
zu wäleu, deren Klugheit und Geschäftßgewandtheit 
sie für derartige Angelegenheiten vorzugsweise empfahl. 
Unter den Personen, welche der Landgraf wegen An 
stellung eines neuen Hofagenten zu Rate zog, befand 
sich auch der hannoversche General von Estorsf, ein 
dem hessischen Fürsten vertrauter und nahe befreundeter 
Mann. Der nun schlug ihm einen Juden in Frank 
furt am Main vor. „Ich habe", sagte der General, 
„diestn Menschen in einem Bankhause zu Hannover 
kennen gelernt, in welchem ich wegen meiner Güter 
viel aus und eingehe, und habe ihn als einen gescheidten, 
gewandten und zuverlässigen Mann erfunden; Maier 
Amschel Rothschild heißt er." 
In Frankfurt in der engen Jut engaffe, von der 
bald keine Spur mehr vorhanden sein wird, da man 
im Begriffe steht, die letzten ihrer elenden gichtbrü 
chigeu Häuslein abzubrechen, (ohnehin wohnen jetzt die 
Frankfurter Juden meist ganz wo anders und die 
eigentliche Judengasse ist heutzutage die „Zeil", die 
prachtvollste Straße der Stadt) sieht man zur Stunde 
noch eine finster ausschauende Behausung, nicht mehr 
als sechs Schritte breit, eng und niedrig, aus nun 
morsch gewordenem Gebälk mit Fachwerk erbaut. Darin 
wohnte seit zwanzig Jahren der Handelsmann Maier 
Amschel Rothschild, als er die Aufforderung erhielt, 
nach Cassel zu reisen und sich dem Landgrafen von 
Hessin vorzustellen. 
Maier Amschel war dazumal zwischen fünfzig und 
sechzig Jahre alt. Der Sohn ein 's Frankfurter Han 
delsmannes, hatte er schon als kleiner Junge im Auf 
trag seines Vaters Geschäfte zu machen gelernt. Mit 
einem Geldsäckchen mußte er bei den Banquiers her 
umgehen und größere Geldstücke in klein Geld" um 
wechseln; wobei ihm zuweilen seltene Münzen in die 
Hände und vor die Augen kamen, die er genau ken 
nen lernte, so daß er später durch den Tauschhandel 
mit dergleichen Stücken manchen guten Gewinnst machte. 
Als er in's Jünglingsalter getreten war, schickte ihn 
sein Vater, der ihn zum Rabbinm bestimmt hatte, 
nach Fürth, damit er dort jüdische Theologie studiere. 
Jedoch das warte nicht lange. Maier Amschel war 
zum Kaufmann geboren, wenn jemals einer. Er ließ 
die Gelehrsamkeit bald im Stich, ging auf kurze Zeit 
nach Frankfurt zurück und trat dann als Handlungs 
diener in das Oppenheimsi'che Bankhaus zu Hannover, 
wo ihm bald die wichtigsten Geschäfte anvertraut 
wurden, und wo ihn auch, wie schon bemerkt, der Ge 
neral von Estorsf kennen und schätzen lernte. In 
seine Vaterstadt heimgekehrt, gründete er dann ein 
selbständiges Geschäft, war als Geldwechsler, Makler, 
Münzhändler u. s. w. tätig und rürig, kaufte 1780 
das Häuschen in der Judengasse (außerhalb derselben 
durste damals in Frankfurt seit Jahrhunderten kein 
Jude wohnen, noch sich ankaufen) und wohnte darin 
mit seinem frommen Weibe Gutta, geborenen Schnap 
per, die er 1770 heimgeführt hatte. 
Als Maier Amschel in Kassel eingetroffen war, 
wurde er dem Landgrafen angemeldet, wärend dieser 
mit dem mehrgenaunien General von Estorsf eine 
Partie Schach spielte. Der Landgraf ließ den Juden 
eintreten, beachtete ihn aber, in's Spiel verliest, eine 
Zeit lang gar nicht. Endlich blickte er im Unmut über 
das für ihn sehr schlecht stehende Spiel um sich und 
sah den ihm zum Hofagenteu vorgeschlagenen He 
bräer. „Versteht er auch das Schachspiel?" redete 
er ihn an. Rothschild antwortete mit Ja, bat um 
Erlaubniß, seinen Rat zur Rettung der Partie (die 
er, hinter dem Rücken des Fürsten stehend, statt, wie 
mancher andere an seiner Stelle, gedankenlos in die 
Lust zu starren, aufmerksam beobachtet hatte) er 
teilen zu dürfen und gab dann mehrere Züge an, 
durch welche das Spiel zum Vorteil des Fürsten 
entschieden wurde. Dies und die darauf folgende Un 
terhaltung des Landgrafen mit Maier Amschel machte 
einen so günstigen Eindruck auf Ersteren, daß er zu 
Estorsf sagte: „Herr General, Sie haben mir keinen 
dummen Manu empfohlen!" 
Es dauerte nicht lange, so hatte sich Maier Am- 
schel durch seine Klugheit und Zuverlässigkeit das un 
begrenzte Vertrauen des Landgrafen, der seit 1803 
den Titel Kurfürst Wilhelm der Erste fürte, erwor 
ben, und dies Vertrauen wurde wiederum der Grund 
für den unermeßlichen Reichthum des Rothschild'schen 
Hauses. Als nämlich der Kurfürst im November 1806, 
von den Franzosen vertrieben, sein Land verlassen 
mußte, wußte er den größten Teil seines gewaltigen 
Vermögens nicht sicherer zu bergen, als indem er
	        

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