Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Gulden über unser jarlichcs Einkommen zusetze» müssen. 
Hätten Wir nun solches nicht in vorigen Jahren erspart, 
hätten Wir dies Jahr uns ohne Schulden nicht können 
hinbringen. Solches verursacht aber neben dem Mis- 
wachs das vornehmlich, daß Wir Gebrüder unseres 
Herrn Vaters Gottseliger treue Warnung und Testa 
ment nicht genugsam in Acht nehmen, darin uns 
Seine Gnaden zur Sparsamkeit und zu einiger Haus 
und Hofhaltung gar treulich ermahnt, sondern unan 
gesehen, daß Wir nunmehr in Vier Teile zerstückelt, 
untersteht sich doch ein Jeder einen großen ansehn 
lichen Hof von Edeln und Unedel» zu halten. In 
sonderheit nehmen auch Etliche von uns die großen 
Scharhansen in den güldenen Ketten an Hof, samint 
Weibern und Kindern, denen man nichts versagen 
darf, sondern Küche und Keller Tag und Nacht offen 
stehen lassen muß; geben dazu groß Dienstgeld ans, 
meinen uns dadurch großen Respect zu erwerben, 
da sie doch darnach mit ungewischtem Maul davon 
ziehen, Uns dessen nicht allein keinen Dank wissen, 
sondern Unser noch in die Zäne dazu spotten. 
Zudem so laßen Wir es dabei nicht, sondern 
wollen unsere Frauenzimmer, deßzleichen Edelknaben, 
auch die Junker selbst Alle in Sammt und Seide 
kleiden; item unsere Pferde alle mit Federn und 
sammeteuen Zeugen ausputzen, anders nicht alö wären 
Wir welsche Zibetkatzen. Unser Herr Vater Gott 
seliger harte das ganze Land alleine, schämte sich 
aber nicht, seine Frauenzimmer in schlichtem Zeug 
mit AtlaS verbrämt, item seine Jungen in gut 
lundisch Tuch desgleichen verbrämt (auch wann 
Seine Gnaden auf Reichstage zogen) zu kleiden 
und Wir, die Wir Sc. Gnaden Lande in so viel 
Teile zerstückelt haben, fahren so hoch daher, wel 
ches wahrlich in die Länge schwer fallen und besorg- 
lich einen bösen Ausgang gewinnen wird; sonderlich 
wann dermaleins ein rauher wird kommen, daß Wir 
in Krieg und dergleichen ge> aten würden, davor Uuö 
doch Gott der Herr gnädiglich behüten wolle. Denn 
wahrlich die welsche und deutsche Pracht dienen nicht 
zusammen, sintemalen, ob sich gleich die Welschen 
mit Kleidung stattlich halten, so eßcn sie desto 
schlechter und sparsamer, laßen sich mit einem Gerichte 
Eier und Salat begnügen, da die Deutschen daö 
Maul und Bauch voll haben wollen, darum unmög 
lich Beides, deutsch und welsch Gepränge, mit ein 
ander zu ertragen. Es verderben auch Fürsten, 
Grafen und Edelleute, so solches anstellen, und kom 
men darüber in Leiden und Not, richten darnach, 
wann sie verdorben sind, Jammer und Not an, wie 
Ew. Lbd. in Frankreich und den Niederlanden vor 
Angen seyen. Dabei laßen Wir es nicht, sondern 
behängen uns auch noch neben den Vielen von Adel 
und stattlichen Frauenzimmern an Hof mit einem 
Schwarm Doctoren und Kanzleischreibern, daß unser 
keiner ist, der auf seiner Kanzlei nicht schier so viel, 
wo nicht mehr Doctoren, Secretarien und dazu in 
höherer Besoldung hat als unser Herr Vater Gott 
seliger selbst. Zudem hält unser jeder so ein Haufen 
Jäger, Köche und Hausgesinde, daß schier zu jedem 
Berg ein eigener Jäger, zu jedem Topf ein eigener 
Koch und zu jedem Faß ein eigener Schenke ist. 
Welches Alles wahrlich die Länge nicht gut tun, 
sondern die hohe Notdurft erfordern wird, wollen 
Wir anders nicht verderben und in Schulden geraten, 
sondern den Landständen Dasjenige halten, was Wir 
ihnen zugesagt, nämlich die alten Schulden tilgen, 
(dazu sie uns auch schier all ihr Vermögen vor 
gestreckt), daß Wir unsere Haus- und Hofhaltung 
anders anstellen, alles unnütze und unnötige Gesinde 
vom größesten bis auf den kleinsten, was man im 
mer entraten kann, abschaffen und uns dahin richten, 
daß Wir etwas für uns bringen. 
Was daun ferner betrifft, ob Wir Gebrüder 
allerseits unsere Gemahlinnen mit nach Naumburg 
auf den daselbst bevorstehenden Erbverbrüderungstag 
mitnehmen möchten, achten Wir dafür, daß WirS 
dem -alten deutschen Brauche nach halten und die- 
selbigen daheim haushalten lassen, sintemal solches 
nicht allein zur Ersparung großer Unkosten gereicht, 
sondern auch zur Verhinderung hönischer Nachreden 
dienlich, daß nicht die Leute sprechen, Wir könnten 
nicht eine Meile Wegs ziehen, Wir müßten denn 
die Tasche an der Seite hängen haben. 
Wollten Wir Ew. Lbd. hinwieder freundlichen 
antworten, dero Wir zu brüderlicher Diensterzeigung 
wolgeneigt. 
Gegeben Cassel am 4ten März Anno 1575. 
Wilhelm, Landgraf zu Hessen rc. 
Etwas vom Wetter. 
Wenn Menschen zusammenkommen, so fangen sie 
in neunzig unter hundert Fällen ein Gespräch vom 
Wetter an. Ueberhaupt wird über Nichts in der 
Welt so viel gesprochen als über das Wetter und das 
ist leicht erklärlich. Diejenigen irdischen Dinge, welche 
dem Menschen die wichtigsten sind, hängen alle mehr 
oder minder vom Wetter ab. Was wir arbeiten, 
wo wir wohnen, womit wir uns neuen und kleiden, 
wodurch wir uns vergnügen, unser Säen und Ernten, 
unser Reisen und Zuhausebleiben, unser Frohsinn und
	        

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