Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Am 11. Sept. verlieh ein Teil der berümten 
französischen Flotte, welche im Krieg gar Nichts 
ausgerichtet hat, die Nordsee und kehrte rühmlos 
heim. Die französischen Schiffe in der Ostsee folgten 
bald nach. 
Am 13. Sept. verkündigte die neue (republi 
kanische) Regierung Frankreichs, welche der alten 
an Großmäuligkeit es noch zuvortut, daß kein Fuß 
breit Landes und kein Stein einer Festung den 
Deutschen abgetreten werden solle. Schon am 6. Sep 
tember war diese hohle Prahlerei von einem der 
neuen französischen Minister ausgesprochen worden. 
Die Zukunft wird die Antwort darauf geben. 
Am 17. Sept. begann in. der Gegend von Paris, 
welches um diese Zeit von den Deutschen beinahe 
völlig eingeschloßen war, eine Reihe von Gefechten, 
die stets mit Zurückweichen der Franzosen endeten. 
In der Stadt wurden Vorbereitungen getroffen, die 
Deutschen, wenn sie einziehen wollen, durch Feuer 
und Schwefel zu vernichten. 
Am 7. Octbr. brachte ein geringer Teil des 14ten 
Armee-Corps ungefähr 14,000 Franzosen bei Stremy 
zu eiligem Davonlaufen. An demselben Tage machte 
Marschall B a za i ne abermals einen vergeblichen 
Ausfall ans Metz. Derselbe wurde von deutscher 
Seite (namentlich durch die Division Kummer, 
welche in diesem Kriege schon oft ihre Tapferkeit 
bewärt hatte und welcher auch Kürhelsen zugehören) 
siegreich zurückgeschlagen. 
Am 8. Octbr. jagten Truppen des 14. deutschen 
Armee-Corps (welches nach der Uebergabe von Straß 
burg den Vormarsch von dieser Festung nach Westen 
gegen die Loire hin angetreten hatte) ansehnliche 
Massen französischer Soldaten und Franctireurs, d. i. 
Freischärler, in die Flucht. Zahlreiche deutsche Siege 
änlicher Art folgten in de» nächsten Wochen. 
erließ die provisorische Regierung der fran 
zösischen Republik ein Schreiben, worin ausgeführt 
wurde, daß das liberale Frankreich niemals Erobe 
rungsgelüste gehabt und die deutsche Einheit niemals 
bekämpft habe. Es ist dies die alte Geschichte vom 
Lamm und vom Wolf. 
Am 9. Octbr. begann die Belagerung der Veste 
Neu-Breifach im Elsaß. 
Am 11. Octbr. wurde nach neunstündigem Kampfe 
die französische Ost-Armee über die Loire zurück 
geworfen und Orleans (die berümte Stadt der 
Ieanne d'Arc) von deutschen Truppen erstürmt. 
Auch an der Ehre dieses Sieges haben kurhessische 
Soldaten ihren rümlichen Anteil. Es wurden in der 
Schlacht bei Orleans wie fast in jedem der zahl 
reichen Gefechte dieser Tage Tausende von Franzosen 
zu Gefangenen gemacht. 
Am 12. Octbr. begann die Belagerung der Festung 
Soissons. 
Am 13. October schossen die Verteidiger von 
Paris ohne jede Veranlassung das herrliche Schloß 
Saint-Cloud, die ehemalige Sommer-Residenz des 
Kaisers Napoleon (welche die deutschen Soldaten 
gänzlich verschont hatten), in Brand. 
Am.14. Octbr. traf der berümte italienische Frei« 
schaarenheld Garibaldi (der „Befreier Italiens") 
in Besanyon ein, nach Frankreich von der repu 
blikanischen Regierung gerufen, um die französischen 
Freischaaren gegen die Deutschen zu füren. Er wird 
seinem Ruhmeskranze in diesem Kampfe für eine 
schlechte Sache schwerlich neue Lorbeeren zufügen. 
Am 16. Octbr. ergab sich Soissons nach vier 
tägiger hartnäckiger Artillerie-Verteidigung. Aber 
mals sielen Tausende von Gefangenen und weit über 
hundert Kanonen den deutschen Siegern in die Hände. 
Am 18. Octbr. schlug die 22. Division (zu der 
vorzüglich Kurhessen gehören) bei Chateaudun den 
Feind, erstürmte die Stadt und machte viele Ge 
fangene. 
Am 24. Octbr. capitnlierte (ergab sich) die Festung 
Schlettstadt. 
Am 27. October erfolgte nach zweimonatlicher 
Belagerung die Uebergabe der für uneinnehmbar ge 
haltenen Festung Metz, in welcher seit dem 18. Aug. 
MarschallBazaine von den Deutschen eingeklammert 
war. 173,000 Gefangene, darunter 3 Marschälle 
und über 6000 Officiere streckten die Waffen, sodaß 
nun über 300,000 Franzosen in deutsche Gefangen 
schaft geraten sind. Die Bezwingung von M e tz, 
welche auch unermeßliche Borräthe von Waffen u. s. w. 
den Deutschen zufürt, ist eines der glorreichsten 
Ereignisse des ganzen Feldzugs. 
(Die hoffentlich erfreuliche Fortsetzung und der 
Schluß der Chronik sollen im nächstjärigen Kalender 
folgen, da zur Zeit, in welcher dieser abgeschlossen 
werden muß, der Krieg leider »och fortdauert).
	        

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