Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

Am 14., 16. u. 18. Aust, fanden um die fran 
zösischc Festung Metz schwere blutige, für die Deutschen 
aber stets endlich siegreiche Kämpfe Statt. Besonders 
heiß war das zwölfstündige Ringen am 16. Aug. 
bei Mars-la-Tour und die neunstündige Schlacht 
am 18. bei Gravelotte. Durch die letztere wurde 
der Marschall Bazaine niit seiner ganzen Armee von 
Paris abgeschnitten und in die Festung Metz („ gleich 
wie in einen eisernen Geldschrank" hat Jemand 
gesagt) eingeschlossen. Der Sieg bei Gravelotte war 
vermuthlich das wichtigste Ereigniß im ganzen Kriege. 
Auch die entscheidenden Tage bei Leipzig, Waterloo 
und Düppel waren Achtzehnte im Monat. Dies 
Datum ist also in der Kriegsgeschichte besonders denk 
würdig geworden. 
Am 17. Aug. wurde General Bonin zum General- 
gouverneur von Lothringen, Gencrattieutenant Graf 
Bismark-Bohlen (ein Better des „eisernen Grafen") 
zum Generalgouvernenr deö Elsaß ernannt. Beide 
Provinzen sind einst von den Franzosen dem deutschen 
Reich g e st o h l e n; sie werden hoffentlich fortan wieder 
zu Deutschland gehören auf Rimmerwiederverlieren. 
Am 18. Aug. wurde auch die deutsche Nordsee- 
küste in Blokadezustand erklärt. Am Tage zuvor 
hatte ein Teil der deutschen Flotte gegen einen weit 
größeren der berümten französischen bei Rügen ein 
Gefecht, ohne überwunden zu werden. 
erließ General Trochn, zum Gouverneur 
in Paris ernannt, eine Proclamation. Jetzt war 
schon von der Rettung der französischen Hauptstadt 
die Rede. Kurz zuvor hatten die Franzosen noch 
von einem Spaziergang „von Paris nach Berlin" 
geprahlt, den sie zu machen für ein Kinderspiel hielten. 
Am 19. Aug. wurden von Straßburg aus (gegen 
das Völkerrecht ) in der unbefestigten Stadt Kehl 
acht Hauser in Brand geschossen und in Asche gelegt. 
Am 20. Aug. verlangte der ehemalige französische 
Minister (und Haupt-Kriegshetzer von 1840) Thiers 
in der Pariser Kammer die Absetzung des Kaisers 
Napoleon. Niemand widersprach. Die sogenannten 
Anhänger des Kaisers zeigten sich als „stumme Hunde." 
Napoleon floh an demselben Tage aus Metz nach 
Rheims. 
Am 21. August räumten die Franzosen Eh alons, 
ihr weltberümtes und noch vor einem Monat welt- 
gefürchtetes Kriegslager. 
Am 30. Aug. u. 1. September wurden in der \ 
Nähe der Festung Sedan (an der belgischen Grenze)! 
furchtbare Kämpfe gestritten zwischen den Deutschen z 
und der Armee des Marschalls Mac Mahon, der! 
von Eh alo ns nördlich gezogen war, um dem in Metz 
eingeklammerten Bazaine zu Hülfe zu kommen. Auch 
an diesen Tagen blieben die Deutschen (darunter 
abermals unsere kurhessischen Söhne und Brüder) 
überall Sieger. 
Am 2. September, einem der denkwürdigsten Tage 
der Weltgeschichte, ergab sich die ganze Armee 
des Mac Mahon und daneben der Kaiser 
Napoleon selbst dem König Wilhelm auf 
Gnade und Ungnade. Dies unerhörte Ereignis 
lieferte, außer 25,000 in der Schlacht von Sedan 
gefangenen, 83,000 Mann, darunter über 4000 Offi 
ziere, 14,000 Verwundete, über 400 Feldgeschütze, 
darunter 70 Mitrailleusen, 150 Festungskanonen und 
10,000 Pferde in die Hände der deutschen Sieger.. 
Am 4. Septbr. wurde in Paris von der Stände 
kammer Kaiser Napoleon für abgesetzt und 
Frankreich zur Republik erklärt. Die „Getreuen" 
des Kaisers saßen abermals stumm dabei. 
Am 5. Septbr. traf der Exkaiser Napoleon als 
Gefangener in Wilhelmshöhe bei Kassel ein, welches 
paradiesisch gelegene Schloß von dem hochherzigen 
Sieger König Wilhelm seinem tief gedemüthigten 
Gegner (wiewol er es nicht verdient hatte) zum 
Aufenthalt angewiesen war. An demselben Tage hielt 
König Wilhelm seinen Einzug in Rbeims, der alt- 
berümten Krönungsstadt der französischen Herrscher. 
Am 6. Sept. erließ der Kronprinz von Preußen 
einen Aufruf zur Gründung einer allgemeinen deutschen 
Jnvalldenstiftung. 
Am 7. Sept. traf der Sohn des Kaisers Napoleon 
(der bei Saarbrücken fenergetauste, nachmals aber 
nicht feucrconfirmierte Prinz Lulu) in England ein. 
Am 9. Sept. ergab sich die Festung Laon den 
Deutschen. Als diese in die Citadelle eingerückt 
waren, wurde durch scheußlichen französischen Verrat 
das Pulvermagazin in die Luft gesprengt, wobei 
beinah 100 preußische Jäger, aber auch gegen 300 
französische Soldaten getödtet oder verwundet wurden. 
begann das Bombardement von Metz, wo 
Bazaine mit beinahe 200,000 Mann eingezwängt von 
einem eisernen Gürtel (sieben deutschen Armee-Corps) 
saß. Zahlreiche Ausfälle, welche der französische 
Feldherr in den nächsten Wochen mit seinen Trup 
pen machte, wurden durch die Deutschen sämmtlich 
zurückgeschlagen. 
Am 10. Sept. kam auch die Kaiserin Eugenie 
(die Gemahlin Napoleons, welche einen schweren 
Teil der Schuld an dem Beginn des Kriegs trägt) 
als Verbannte in England an.
	        

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