Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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tung, alles deutsche Gebiet, welches auf dem linken 
Rheinufcr liegt, gehöre von Rechts wegen zu Frank 
reich. Besonders im Jahre 1840 verkündigten die 
Schreier über dem Rhein, die den Frieden nicht ver 
tragen können, diese freche Forderung. Damals ant 
wortete ihnen ein deutscher Mann (er hieß NicolauS 
Decker) mit einem Gedichte, welches bald in allen 
Gauen unseres Vaterlandes von Alt und Jung gesungen 
wurde. Es hob an mit den Worten: „Sie sollen 
tim nicht haben, den freien deutschen Rhein, ob sie 
wie gier'ge Raben sich heiser darnach schrei'n". Und 
auch eines anderen Deutschen Lied ist in jenen Tagen 
entstanden, welches aber erst volle dreißig Jahre 
später zum deutschen Volkslied und in den letzten 
Monaten für Millionen der Ausdruck ihrer Liebe zum 
Vaterland geworden ist: es ist das Lied von der 
„Wacht am Rhein", gedichtet von Max Schnecken 
burger, der schon seit 1848 in der külen Gruft 
ruht, in Musik gesetzt von unserem hessischen Lands 
mann Carl Wilhelm (geboren in Schmalkalden und 
jetzt dort wohnhaft), der durch seine Tonweise zu 
jenem Lied über Nacht zum weltberümten Manne 
geworden ist. Wer hat in diesem Sommer nicht 
hundert- und aberhundertmale gehört anstimmen den 
Gesang: 
Es braust ein Ruf wie Donnerhall, 
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: 
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! 
Wer will des Stromes Hüter sein? 
Lieb Vaterland, kannst ruhig sein, 
Fest steht und treu die Wacht am Rhein. 
Zu dem alten Ingrimm der Franzosen über die 
Niederlagen von 1813 und 1815 war vor einigen 
Jahren ein neuer Ingrimm gekommen. Die glän 
zenden Siege der Preußen in 1866, vor Allem der 
bei Königgrätz, ließen die Neidharte über'm Rhein nicht 
ruhen. Zum Kampfgeschrei „Rache für Waterloo" 
gesellte sich der Ruf „Rache für Sadowa" (so nennen 
die Franzosen die Schlacht bei Königgrätz), und der 
Kaiser Napoleon III. harrte, um seinem kriegswütigcn 
Volke den Willen zu tun, auf die erste beste Gelegen 
heit, den Frieden Europas zu brechen. Wer aber 
Gelegenheit zum Hader sucht, der findet sie leicht. 
So hat sie auch französische Lügenhaftigkeit und 
Frechheit im Juli 1870 gefunden. 
Das spanische Volk hat im vorigen Jahre seine 
leichtfertige Königin weggejagt, und seitdem stand der 
Tron von Spanien leer. Er sollte aber wieder besetzt 
werden; mancherlei fürstliche Herren waren dafür in 
Vorschlag gebracht worden; aber keiner davon war 
den Männern, welchen die Spanier einstweilen die 
Regierung über ihr Land anvertraut haben, genehm. 
Da verbreitete sich plötzlich im Anfang Juli 1870 die 
Nachricht, jene Männer hätten die Krone von Spanien 
dem Erbprinzen Leopold von Hohenzollern, einem Ver 
wandten unseres Königs Wilhelm von Preußen, an 
geboten, und der Prinz habe sich bereit erklärt, die 
selbe anzunehmen, falls die spanische Nation ihn zutn 
Könige wälen werde. Natürlich ging dieser ganze 
Handel nur die Spanier und den Erbprinzen Leopold 
etwas an; die französische Regierung aber behauptete, 
sie habe dabei ein Hauptwort mitzureden, und sie 
werde es nicht geschehen laßen, daß ein Zetter des 
Königs von Preußen sich auf den spanischen Tron setze. 
Ja die Franzosen — Kaiser Napoleon III. und seine 
Minister voran, die Zeitungsschreiber und alle Frie 
densfeinde und Preußenhaßer in Frankreich hinterher — 
verlangten, der preußische König solle seinem Vetter, 
der inzwischen aus freien Stücken auf die Annahme 
der spanischen Krone verzichtet hatte, dieselbe auch 
für alle Zukunft verbieten. Das war einfach unver 
schämt. König Wilhelm hielt sich im Ansang des 
letzten Juli in Ems auf, um eine Badecur zu brauchen. 
Dort stellte ihm der französische Botschafter am 13tcn 
des Monats im Namen seines Kaisers jene freche 
Forderung. Der greise Monarch lehnte sie in wür 
diger, ruhiger Weise ab. Diese Ablehnung war, was 
man in Paris wollte. Es entstand dort in den 
Zeitungen und in der französischen Ständekammer 
ein wüstes Geschrei, untermischt mit Lügen und 
Verläumdungen elendester Art. Die Ehre Frankreichs 
(so hieß es) sei von dem preußischen Herrscher ge 
kränkt, und nur Blut könne die Schmach abwaschen. 
Eine ungeheure Aufregung entstand über die frevel 
hafte Bedrohung des europäischen Friedens in der 
ganzen civilisirten Welt und steigerte sich zum Aenßer- 
sten, als die furchtbar gewichtigen Worte durch den 
Telegraphen in alle Weltgegenden getragen wurden: 
Paris 15. Juli, Nachmittags 2 Uhr 2 Minuten: 
Der Krieg ist erklärt (nämlich von Frank 
reich gegen Preußen). 
3. 
Chronik des Kriegs. 
Am 15. Juli 1870 reiste König Wilbelm (am 
zweiten Tage, nachdem er die auf der Promenade 
zu Ems unverschämter Weise an ihn von dem fran 
zösischen Gesandte,t gestellte Forderung abgelehnt 
hatte) nach Berlin zurück; hier wie überall auf der 
Reise von Ems — besonders auch in Cassel —
	        

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