Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Unterhaltendes und Belehrendes. 
Neujahrs - Überraschung. 
Herr W. nennt sich einen guten Wirth, seine 
Feinc-e schreien ihn für einen Geizhals aus, — 
wir wollen, um chm nicht zu nahe zu trete», und 
Jene nicht geradezu Lügen zu strafe», ihm das Prä 
bifat eines allzu genauen Mannes beilegen, 
j Er hat sich von den Geschäften zurückgezogen, 
lebt als Renner ziemlich bequem, und könnte wohl 
noch etwas bequemer leben, wenn er nickt eben ein 
allzu genauer Rechner wäre. Er versagt sich selbst 
die Erfüllung manchen Wunsches, den er, seinen 
Mitteln nach, recht gut realisirerl könnte, und ist 
im Stande, Tage und Wochen hindurch nach einem 
Gegenstände zu seufzen, den er irgend .wo gesehen, 
der ihm gefallen, und den er gern sein nennen möchte, 
wüste er nur nicht, um ihn zu erlangen, den Geld 
schrank ausschließen, und aus demselben ein außerge 
wöhnliches Opf r bringen. 
So war es ihm mit einer eleganten Weste er 
gangen, welche er an dem Schaufenster eines Kleider 
wagazins, nicht da, wo man Rock, Hose und Weste für 
drei Thaler kauft, — hatte hängen sehen. Diese 
»der eine gleiche wäre das höchste Ziel seiner Wünsche 
gewesen; — aber sie war theuer. — W. mußte sich 
begnügen, das Prachtwerk seufzend anzustaunen: — 
das Opfer dafür schien ihm unerschwinglich. 
Lange trug er sich mit der ungestillten Sehnsucht 
umher; täglich nahm er sich vor, das tückische Sckau- 
fenster zu meiden, wo der Gegenstand seiner heißen 
Wünsche wie höhnend auf ihn herabsah: — und 
kaum verließ er das Haus, um seiner Gewohnheit 
"ach eine kleine Promenade zu machen, so schlugen 
seine Füße unwillkürlich den Weg dorthin ein, wo 
Lust und Schmerz seiner harrten, und ehe er es 
sich versah, stand er mit der Brust voll Sehnsucht 
dvr den- Gegenstand derselben. — 
_ Dem trauten Ehegespons hatte er sein Herz 
geöffnet; die liebevolle Gattin, gerührt von seinem 
schmerze, redete ihm freundlich zu, er solle durch einen 
Griff in die Schatulle des Busens Sehnen stillen: 
fast wäre es ihrer süßen Beredsamkeit gelungen, den 
guten Wirtb zu dieser Ausschweifung zu verführen, 
-7 scheu schwankte er, — aber neun Thaler für 
eine Weste! — nein, es war zu unerhört! — 
Der verrälherische Wunsch mußte niedergekämpft 
werden. — 
Frau W. sah das stille Leiden des geliebten 
Gatten. Sie wußte es um so mehr zu achten, da 
auch tief in ihrem Busen geheime Wünsche wohnten, 
deren Realisirung von der "Genauigkeit ihres Ge 
mahls nimmer zu erwarten war. 
Eine ihrer Freundinnen war im Besitze eines 
Tuches, — eines Tuches, dessen Besitz die gute Frau 
W. zur glücklichsten Sterblichen hätte machen können. 
Sie hatte gewagt, rem Gatten leise des Herzens 
Wunsch anzudenken; aber mit Entsetzen hatte er sich 
abgewendet, als der Preis ihm genannt worden, ein 
Schauder erfaßte ihn über die Höhe desselben. — 
So seufzten denn Beide im Stillen; oft aber 
wollte das gerrückte Herz sich nicht bändigen lassen, 
der stumme Schmerz hörte auf stumm zu sein, und 
— „O, wäre sie nicht gar zu theuer!" stöhnte er; — 
„Ach, könnte ich es erringen!" jammerte sie. 
Monate waren vergangen. Merkwürdigerweise 
schien der Schmerz bei der Frau W. früher nachzu 
lassen, als bei ihrem Eheherrn, der fort und fort 
mit seinen melancholischen Empfindungen kämpfte. 
Frau W. war wieder heiter geworben, ein auf 
merksamer Beobachter konnte sogar ein schalkhaftes 
Lächeln um ihren Mund spielen sehen, wenn der 
von Sehnsucht gepeinigte W. sich trüben Angesichts 
in seiner Sopha-Ecke hin- und herdrückke. — 
Im November war sein Wiegenfest. Er war 
daran gewöhnt, daß die liebende Gattin von dem 
ihr nicht zu reichlich zugemessenen Wirthschastsgelve 
schon einige Monate vorher zu sparen begann, um 
ihm zu dem Tage, an welchem er das Licht der 
Welt ervlickt, eine kleine Ueberraschung zu bereiten. 
Auf eine solche rechnete er auch diesmal. 
Der frohe Tag war da. W. wurre mit einem 
Kusse von der Gattin geweckt und nahm bankend 
ihren Glückwunsch hin. Aber nickt wie sonst hielt 
sie ein kleines Päckchen in der Hand, weiches daS 
Angebinde enthielt. W. wunderte sich, aber er schwieg. 
Verstohlen blickte er spähend umher, ob vielleicht — 
aber nichts war zu sehen; und doch schien das heut 
vorzugsweise standhafte Lächeln seiner Frau auf 
irgend Etwas zu deuten, was ihm nicht recht klar 
werden wollte. 
Erwartungsvoll stand er auf und kleidete sich 
an. Jetzt tritt er in das Zimmer, wo der Kaffee 
seiner wartet: — da — 0 Himmel! — 0 ihr 
Götter! Er steht erstarrt, reibt sich die Augen, 
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