Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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geeignete Anpflanzungen auf solchen Stellen, welche 
roch für die Kultur nicht benutzbar oder ungeeignet 
lind, wie z.B. steile Abhänge, sumpfige Niederungen x. 
zu entschädigen. Kann es da wundern, daß die Vögel 
solche Fluren, auf denen ihnen die Zufluchtsörter 
genommen wurden, für immer verlassen? Oder darf 
man darüber klagen, wenn verschiedene Insektenarten 
als Hauptfeinde unserer Kulturpflanzen auf solchen 
Strecken in auffallender Weise überhand nehmen, und 
Käfer, Raupen und Blattwespenlarvcn die Rübsaat, 
die Kohlarten, die Blüthen der Fruchtbäume, die 
Rosen- und Stachelbeersträucher rc. zerstören? 
Wenn ferner um die bewohnten Orte herum' 
Planken an die Stelle lebendiger Hecken treten, und 
modernes Gitterwerk die dichten Umzäunungen und 
alten Mauern verdrängt, so werden auch hier viele 
Vögel verscheucht und nehmen an anderen geeigneten 
Orten ihren Aufenthalt. Finden sie nun zunächst 
in den Bosquets der Gärten oder in Ristwäldchen 
ein Unterkommen, so begegnen sie dort gewöhnlich 
einem anderen Hauptfeinde, den Hauskatzen. 
Die Verheerungen, welche diese listigen und ge 
wandten Räuber unter den Vögeln anrichten, sind 
unglaublich. Hat erst einmal die Katze Geschmack 
an dem Herumstreifen in den Gärten und Feldern 
gefunden, dann ist ihr die Hausarbeit, das Mausen, 
Nebensache; ihr Hauptgeschäft, in welchem sie bald 
eine große Fertigkeit erlangt, ist dann der Vogelfang 
und die Zerstörung der Vogelnester. Cie lauert 
nicht allein auf der Erde, unter Büschen und Blatt 
werk versteckt, auf ihre Beute, sondern sie klettert 
auch auf die Bäume, frißt die Brut aus den in die 
Zweige gebauten offenen Nestern und versteht es auch 
vortrefflich, mit der rechten oder linken Vorderpfote, 
je nachdem eS die Stellung erheischt, in die hohlen 
pöcher der Stämme zu langen und die kleinen Vögel 
einzeln hervorzuziehen. In Gebäuden, die von ver 
schiedenen Familien bewohnt werden, findet man oft 
zwei, drei und mehr Katzen; da aber eine gute 
Katze genügt, um das Haus von Mäusen zu säubern, 
so wäre es sehr wünschenswcrth, alle übrigen in 
demselben abzuschaffen und auch jede Katze, die im 
Freien herumstreift und auf Vögel Jagd inacht, 
ohne Weiteres tobten zu lassen.*) 
*) Es sei hier bemerkt, daß erstens Katzen mit abge 
stutzten Obren nicht in dar Feld gehen solle», weil 
sie dann Thau und Regen scheuen und daß Ivettens, 
künstliche Nistkästen an Häusern und Bäumen angc- 
bracht, wenn sie dem Geschmack der verschiedenen 
Vogelarten zusagen, von denselben gern bewohnt werven, 
wodurch dem Umfug der Katzen bedeutend gesteuert wird. 
Ferner ist das Fangen der Singvögel, namentlich 
! der Insektenfresser, bei Strafe verboten. Wie viele 
! Leute gibt es aber, die sich an solche Verbote nicht 
im Geringsten kehren, sondern sich des Vergnügens 
! oder des Nutzens halber systematisch auf den Vogel 
fang legen und von Morgens früh, wenn der Tag 
graut, bis zum Abend herumlungern, um ihre Käfige 
zu füllen. Kaum hat sich im Frühjahr ein Roth- 
kehlchcn, eine Nachtigall, eine Singdrossel rc. in 
einem Garten oder einem Bosquet niedergelassen 
und der neuen Heiinath flötend oder schmetternd den 
ersten Gruß gespendet, so hat auch schon das geübte 
Ohr des Herumstreichers die bekannten Töne ver 
nommen, und in kurzer Zeit, selbst an den belebtesten 
Plätzen, ist der Vogel in seinem Besitz. In dieser 
Beziehung gibt es für die Aufsichtsbehörde noch 
viel zu thun, »in solche Personen zur Rechenschaft 
zu ziehen und ihnen ihr sauberes Geschäft zu 
verlegen. 
Aber auch das sangen der Vögel in Dohnen 
stiegen, sowie der Lerchenfang im Kleinen und Große» 
sollten nicht mehr geduldet werden. Bei dem Dohnen- 
strich werden zugleich andere Drosseln, z. B. Amseln, 
Singdrosseln u. s. w. zu Tausenden den Vogelsteller» 
zur Beute, und der Lerchenfang raubt uns jährlich 
eine halbe Million lieblicher Sänger und zugleich 
für die Kultur durch Vertilgung von Kerbthieren und 
Sämereien des Unkrautes nützliche Vögel. 
Rechnet man zuletzt noch das Zerstören vieler 
Vogelnester durch Knaben, um Eiersainmlungen 
anzulegen, hierher, und sieht man »och zur Stunde 
das Blasrohr in der Hand böser Buben, — so liegt 
es ja klar ain Tage, daß wenn allem diesein Umfug 
nicht mit der größten Energie gesteuert wird, die 
Zahl unserer lieblichen Sänger mit jedem Jahre 
geringer, und die Menge der schädlichen Insekten 
immer größer werden muß. 
Herr Universitäts-Forstmeister Wiese, sagt in 
dem ersten Hefte des Journals für Ornithologie 
1867: „Der Schutz der für Feld und Wald nütz 
lichen Thiere liegt bei uns noch in den Windeln; 
das Meiste ruht noch in den Büchern u»d 
wartet auf Verwirklichung. Lächerlich sind mir 
immer die Bestrebungen vorgekoinmen, die Italiener 
zu bekehren, so lange wir vor unseren Thüren noch 
zu fegen haben." 
Dr. Schwaab.
	        

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