Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Daß der Büchsenmacher von Celle nicht weit zu 
suchen war, und daß es keine Stunde brauchte, bis die 
Doppelflinte Eigenthum Seiner Majestät war, und 
der Verkäufer ein erleichtertes Herz und eine mit 
Goldstücken beschwerte Tasche heimtrug, braucht dem 
Leser, der nicht auf den Kopf gefallen ist, nicht die 
Länge und Breite erzählt zu werden. 
Die blinden Hessen. 
Daß wir Hessen blind sind, weiß Jedermann in 
ganz Deutschland, von Ritzebüttel bis Constanz und 
von Wesel bis Insterburg. Was es aber mit 
unserer Blindheit eigentlich für eine Bewandtniß 
habe, daß weiß mit Sicherheit zur Stunde noch 
gar Niemand. Denn daß wir mit unseren leiblichen 
Augen im Allgemeinen so gut sehen wie die andern 
Leute auch, daran kann, Gott sei Dank, kein Zweifel 
sein, und zum Beispiel die hessischen Scharfschützen 
haben es bei nicht wenigen Gelegenheiten manchem 
sehr nachdrücklich bewiesen. Und was unsere geistigen 
Augen angeht, so hat schon jener hessische Bauers 
mann, als ein Nichthesse ihm in plumper Weise ein 
£ für ein U vormachen wollte und, verwundert über 
vie kluge Antwort, die er bekam, sagte, er habe ge 
meint einen blinden Hessen vor sich zu haben, gut 
und treffend bemerkt: »blind sin mä, das hot sine 
Richtigkeit; awwer was grob is, das säh'n mä doch!« 
An jenem Octoberabend 1859, als, wie oben 
erzählt worden, der Schreiber dieser Zeilen bei dem 
alten Arndt in Bonn zu Besuch war, sagte der, 
indem er gestand, die Hessen seien ihm von jeher 
besonders lieb gewesen, den Namen der blinde» 
Hessen trügen sie, weil sie allezeit tapfere Soldaten 
gewesen und immer blindlings auf den Feind los- 
gegangen seien. 
Diese Erklärung unseres Beinamens könnten wir 
Uns nun wohl gern gefallen laßell; aber beim Lichte 
der Wissenschaft betrachtet halt sie keinen Stich. 
Den» unser Beinamen heißt eigentlich nicht schlechtweg 
" blinde Hessen » , sondern »blinde Hundehessen ". 
Das klingt noch schlimmer, ist aber so übel nicht, 
Menn man der Sache auf den Grund geht. Es soll 
Uamlich nicht etwa heißen, hat wenigstens ursprünglich 
uicht heißen sollen, daß wir Hessen hündischer Natur 
seien. Vielmehr hat der Name aller Wahrschein 
lichkeit nach seinen Grund in einer uralten Sage, die 
in der Nachrede von unserer Blindheit verdunkelt 
und von den Meisten unverstanden bis auf diesen 
Dag fortlebt. 
Diese uralte, besonders in Hessen, Schwaben und 
Baiern im Schwange gehende Sage erzählt von drei, 
sieben oder gar zwölf auf einmal geborenen Knäblein, 
die, weil sich ihre Mutter fürchtete, oder eine böse 
Schwiegermutter es veranstaltete, ausgetragen und 
ersäuft werden sollten, durch Dazwischenkunft des 
Vaters aber, dem man sie für blinde Welfer ausgab 
(Welf bedeutete den jungen Hund, daneben auch das 
Junge vom Katzengeschlecht) zur rechten Stunde 
gerettet wurden. Hiernach empfingen sie den Namen 
Welfe, Hunde oder Eitelwelfe, Eitelhunde und wurden 
(so meldet die Sage weiter) Stammherren berühmter 
Geschlechter. 
Ein Mann von unermeßlicher Gelehrsamkeit, ein 
geborener Hesse, der ein ächter Hesse geblieben ist 
sein Leben lang, wiewohl in der Heimath seines 
Bleibens nicht war — er hieß Jacob Grimm und 
ist 1863 in Berlin gestorben — dieser Mann hat 
nun die Vermuthung aufgestellt und mit guten 
Gründen gestützt: Jene Sage oder eine ähnliche 
möge schon in ältester Zeit von einem Urahnen der 
Hessen, Schwaben (welche letztere gleichfalls den 
Beinamen der blinden in manchen Gegenden führen) 
und Barern*) erzählt worden, und im Verlauf der 
Zeit der darauf bezügliche Namen der Welfen, 
Hunde u. s. w. den Söhnen und Nachkominen jenes 
Helden, ja dem gesammten ihm zugehörigen Stamme 
angehangen, und ans dem Volke selbst schließlich der 
Vorwurf der Blindheit, unverstandener Weise, hängen 
geblieben sein. 
Neuerdings haben die Gelehrten aber noch ganz 
andere und höchst wundersame Dinge in Betreff 
unseres Namens ausspiutisirt. Die Hessen gehörten 
wie bekannt einem Stamme zu, der bei den alten 
Römern Chatten oder Kalten hieß. Es ist nun, 
sagen einige Sprachergründer, nicht unmöglich, daß 
der Name der Kalten in sprachlicher Vetterschaft 
mit dein Namen der Katzen stehe, und es ist ferner 
nicht unmöglich, daß eine Verwandtschaft zwischen 
dem Namen der Katze (welche bei den uns stamm 
verwandten Niederländern «Hesse« heißt) und unserem 
hessischen Volksnamen nachzuweisen wäre, für welchen 
Fall freilich der Bezeichnung blinde Hunde Hessen 
keine Berechtigung mehr zugestanden werden könnte. 
Welcher nun unter diesen von den Sprachforschern 
aufgepflanzten Stannnbäumen der wurzelfesteste sei, 
und ob wir blinden Hessen in Betracht unseres 
Namens von der Wissenschaft nicht noch einmal in 
*) Dar Geschlecht der Welfen stammt au» Baiern.
	        

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