Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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einschlugen. Jedermann im Lande Hannover wußte, 
daß der lustige und listige Herr von S. des Königs 
Liebling war, der sich viel herausnehmen durfte und 
häufig Dinge durchzusetzen vermochte, wegen deren 
Niemand anders auch nur leise auf den Busch zu 
klopfen wagte. 
Einmal war ein Büchsenmacher aus der Hanno 
verschen Stadt Celle in die Residenz gekommen, um 
eine kostbare Doppelflinte zu verkaufen, auf deren 
Ertrag der in Geldnoth gerathene Mann die Hoffnung 
gesetzt hatte, sich vor seinen andrängenden Gläubigern 
zu retten. Aber wo er auch anfragte, wollte Niemand 
den Preis, den er für das prachtvoll gearbeitete 
Gewehr forderte, zahlen. Endlich rieth dem be 
kümmerten Mann Jemand, die Flinte dem König 
selbst anzubieten. Und, setzte der Rathgeber hinzu, 
wenn Sie sicher sein wollen, daß Seine Majestät 
Ihnen das Gewehr abkauft, müssen Sie den Herrn 
von S. bitten, den Mittelsmann zu machen. Der 
bringt's fertig. 
Der General-Adjutant empfieng den Büchsen 
macher freundlich, vernahm sein Anliegen und sagte: 
Guter Freund, Sie sind zu schlimmer Zeit gekoinmen. 
Der König ist seit einigen Wochen nicht zum besten 
aufgelegt, und zudem hat er neuerdings so viel 
Ausgaben für Hülfsbedürftige gehabt, daß er auf's 
Strengste befohlen hat, ihm alle Bittsteller vorläufig 
fern zu halten und seiner Gelbschatulle eine Weile 
Ruhe zu laßen, daß sie sich wieder erholen kann. 
Dem Büchsenmacher sank das Herz in der Brust. 
Mit traurigen Mienen empfahl er sich dein Freiherrn 
und war schon in der Thür, als der ihn nochmals 
zurückrief. Es thut mir leid, daß ich Ihnen nicht 
helfen soll, sagte er und ich wiü's doch versuchen, 
auf Gefahr, Seiner Majestät Ungnade auf mich zu 
laden. Heute Nachmittag von vier Uhr an ist 
Hoftafel. Kommen Sie gegen sechs Uhr in's Schloß 
und laßen Sie mich herausrufen. Ich will sehen, 
was sich machen läßt. 
Als am Nachmittag an der Hoftafel das Knallen 
der Champagnerpfropfen anzeigte, daß die große 
Eßschlacht ihrem Ende nahe, trat ein Lakai in den 
königlichen Speisesaal und flüsterte dem General- 
Adjutanten von S. etwas in's Ohr. Der Freiherr 
erhob sich sogleich und verließ den Saal. Nach 
einer Weile kam er zurück und nahm seinen Platz 
gegenüber dem Könige wieder ein. 
Was war denn? fragte der König den General- 
Adjutanten, den dessen ungewohntes Aufbrechen neu 
gierig auf den Grund der Entfernung gemacht hatte. 
Nichts von Bedeutung, Majestät, erwiderte der 
Freiherr, indem er Miene machte, das vorher abge- 
brochene Gespräch wieder anzuknüpfen. 
Gerade dies Ausweichen reizte den König, der 
fraglichen Sache auf den Grund zu kommen. Er 
verlangte jetzt bestimmt zu wißen, warum der Ge 
neral-Adjutant von Tafel gerufen sei. 
Wenn Majestät darauf bestehen, antwortete der, — 
es war wieder einmal eine Attacke auf Eurer Majestät 
Großmuth, was mich von Tisch aufstörte. Diese 
Leute laßen einen nicht einmal in Ruhe eßen, und 
sie meinen, Majestät, seien der kauflustigste Herr 
unter der Sonne. 
Was sollte mir denn wieder verkauft werden? 
fragte der König, den des Freiherrn Art und Weise, 
von der Angelegenheit zu sprechen immer gespannter 
machte, Genaueres davon zu hören. 
Eine Doppelbüchse, Majestät, — allerdings eine 
sehr schöne Doppelbüchse, ein wahres Prachtstück 
von Arbeit. Ich habe aber den Menschen, ob er 
schon ein armer Teufel und in Noth scheint, ganz 
rasch wieder weggeschickt. Majestät kaufen jetzt keine 
Gewehre, habe ich ihm kurz und bündig gesagt; 
Majestät können jetzt gar keine derartigen Sachen 
kaufen; Majestät haben so viel Ausgaben für der 
gleichen in neuester Zeit gehabt, daß cs ganz unver 
antwortlich wäre, noch mehr Geld dafür auszugeben. 
Der König sah seinen General - Adjutanten mit 
großen Augen an. 
Ei, Herr von S.! rief er in halb gereiztem/ 
halb heiterem Tone (er konnte seinem Günstling uu» 
einmal nichts ganz übel nehmen). — Ei, Herr 
von S.! seit wann haben Sie denn Vormundschaft 
über meine Schatulle? Wer gibt Ihnen ein Recht/ 
mir zu verwehren, daß ich kaufe, was ich will? Wer 
sagt, daß ich jetzt keine Gewehre kaufen darf? Ganz 
gewiß will ich die Doppelbüchse kaufen, wenn sie 
gut ist, und ich untersage Ihnen ein für allemal " 
Aber, Majestät haben ja wirklich — 
Ich sage Ihnen, ich will die Flinte haben. §ie 
sind mir gut dafür, daß sie binnen einer Stunde in 
meinem Kabinet liegt, sehen Sie zu, wie Sie de» 
Mann wieder herbeischaffen, und ich wiederhole Ihne»/ 
daß kein Mensch auf der Welt mir vorzuschreiben 
hat, was und wann ich kaufew-soll oder nicht. 
Der Freiherr zuckte die Achseln, erhob sick 
anscheinend verdrießlich und verließ abermals den 
Saal. 
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