Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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befriedigt, werfen etwas kleine Münze ans den 
Recepturtisch unv gehen ab. 
Da, als der Apotheker die Flasche wieder an 
ihren Platz stellen will, wird er etwas gewahr, das 
ihm eine Gänsehaut über den Leib zieht und seine 
Wangen leichenfahl färbt. Die Flasche nämlich 
trägt nicht die Inschrift aqua vitae (d. i. Lebens 
wasser — es dürfte aber für Manchen richtiger den 
Namen »Wasser des Todes» führen), sondern aqua 
sortis, zu Deutsch Scheidewasser. Der Apotheker 
hat in seiner Verbaselung den beiden Männern statt 
Branntweins von der ätzenden Säure eingeschenkt, 
die einem Stier das Eingeweide zerfressen und ihn 
todten kann, geschweige einen Menschen. Eine un 
sägliche Angst überfällt den Mann, der im Friedens- 
arsenal über Büchsen und Pulver herrscht. Er sieht 
in seinem Geist die Kosacken den ihrigen aufgeben, 
sich selbst als Giftmörder standrechtlich verurtheilt 
und vor die Mündung russischer Gewehre gestellt, 
sein Weib verwittwet, seine Kinder verwaist. 
Jeden Augenblick müssen die Rächer eintreten und 
ihn fortschleppen; wenn die Klingel der Apotheken 
thür ertönt, hört er ihm das Todtenglöckchen läuten, 
und er, der so manches Kraut gegen den Tod um 
sich hat, sagt sich, daß gegen den seinigen, der vor 
der Thür steht, keins gewachsen ist. 
Aber Stunde auf Stunde verrinnt, ohne daß 
die Häscher sich einstellen. Die Zeit kommt heran, 
zu welcher die Russen auf dem Marktplatz sich zum 
Weitermarsch versammeln. Da endlich (das Schlimmste 
ist besser, wenn es da ist, als das Fürchterliche, 
wenn es nur droht) geht die Thür der Apotheke 
ans und herein treten abermals zwei Kosacken. Der 
Apotheker traut seinen Augen kaum, denn es sind 
dieselben Männer, denen er den Tod in's Eingeweide 
gegossen hat. Er glaubt zwar nichts Anderes, als 
daß sein letztes Stündlein geschlagen habe, nur, 
meint er, werde die Execution mit noch weniger 
Umständen, als das Standrccht zu machen pflegt, 
von den beiden Männern, die vor ihm stehen, kurzer 
Hand besorgt werden. Tie aber, mit den freund 
lichsten Gesichtern von der Welt, treten an den 
Tisch und lassen abermals das Wort »Wodki!» er 
tönen. Diesmal ergreift die zitternde Hand des 
Apothekers statt der aqua sortis die aqua vitae und 
sogleich stehen die hohen Kelchgläser wieder zum 
Rande gefüllt da. Die Kosacken kosten, schütteln 
den Kopf, aber anders als zuvor, setzen die Gläser 
vom Munde ab und sagen: Nix ma Dobri, Wodki, 
Wodki! Jetzt fällt es dem Apotheker wie «Schuppen 
von den Augen; er leert den Schnaps aus den 
Gläsern gutes Muthes wieder in die Flasche, gießt 
dieselben abernials mit Scheidewasser voll, die 
Kosacken lassen die schärfe Fluth mit unsäglichem 
Behagen durch die Kehle rollen, drücken höchst ge 
müthlich dem vom Alpdruck befreiten Büchsenmaune 
die Hand und eilen dann dein inzwischen vorbeigerittenen ; 
Zuge ihrer Landsleute nach. Der Apotheker aber, tief 
ans seiner befreiten Brust ausathmend, sagt zu sich: 
Es geht doch nichts über einen guten Magen. 
Grüßt mir auch den Herrn Schulmeister. 
Während der Schlacht bei Leipzig (es war am 
ersten der blutigen Tage, ant 16. des Oktobers 1813) 
war einem badische» Offizier, der mit dem Säbel , 
gezwungenermaßen ans Seiten des Napoleon, mit j 
dein Herzen aber auf Seiten seiner deutschen Lands 
leute stand, befohlen, mit einigen anderen, nicht deutsch 
gesinnten Offizieren der französischen Armee vom 
Thurme des kleinen Joachimsthals aus die Bewegungen 
der verbündeten deutschen Truppen zu erspähen. Als 
er so dadrobcn stand, sah er einen rheinländischen 
Kameraden drunten vorüberreiten, der ihn bei Namen 
rief und fragte: »Wie stehts?» — »Bei mir gut, lautete 
die Antwort, die Herren hier aber laßen den Herrn j 
Schulmeister grüßen.» Ueber diese seltsame Mittheilung : 
freute sich der Reiter unbändig. Denn, während von den 
Anderen niemand begriff, was sie bedeutete, hatte er 
sofort weg, daß es mit den Franzosen schlecht stehe. , 
Um das zu faßen, muß man Folgendes wißen. 
Die beiden Badenser, der auf dem Thurm, und der 
unten ans.der Straße, waren im Winter 1812 auf 
1813 zu Carlsruhe die Stammgäste einer Schöpple- 
gesellschaft gewesen, deren Mittelpunkt und geistiges 
Haupt der Mann war, welcher wohl von allen 
Menschen, die je gelebt haben, das Geschichtenerzählen 
am besten verstand. Er war dazumal Schuldirector 
in der badischen Hauptstadt und daneben Kalender 
macher (alle anderen Kalenderschreiber find, gegen 
ihn gehalten, elende Stümper), hieß Johann Peter 
Hebel und der Leser wird ihn nun schon kennen. 
Unter den Geschichten, die er an jenen Winterabenden 
erzählte (der Ton und die Manier der Erzählung 
that das beste dabei und wenn an einer Geschichte 
selbst nicht viel war, Johann Peter Hebel machte 
schon Etwas daraus) kam auch die nachstehende vor: 
Als im spanisch-französischen Krieg auch badische 
Truppen ausmarschieren mußten, um auf der phre- 
näischen Insel mitzukämpfen, von woher nicht viel
	        

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