Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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und Schaafe mit eintreibe. Er behaupte steif und 
fest: das laufe durchaus wider seinen künftigen Stand; 
deßhalb ihn denn die anderen Jungen im Dorfe, 
weil er sich zu allen Landarbeiten so äußerst ungeschickt 
anstelle, spottweise nur den kleinen Herrn Pfarrer 
von Pöppendorf zu nennen pflegten. Die Leute 
auf dem Lande seien nun einmal so. Wenn sie sähen, 
daß ein Junge Halbweg ein Paar Buchstaben malen 
könnte, so glaubten sie auch gleich, daß etwas ganz 
Außerordentliches dahinter stecke. Wie F. dies aus 
dem Munde des Vaters hörte, ließ er den kleinen 
Poppendorfer näher kommen und fragte ihn, ob 
Pöppendorf eine Stadt oder ein Dorf wäre. — Er 
gab ihm zur Antwort: "Ein Dorf!« — »So wundert 
mich, daß Du erst nach Weimar kommen mußtest, 
um hier zu lernen, was eine Kuh sei. Oder weißt 
Du etwa schon, was wir diesem edeln Thiere zu 
verdanken haben? Es scheint mir nicht so. Um aus 
etwas Anderes zu kommen, sage mir doch: Wenn 
eine fromme Magd früh Morgens aufsteht, mit ihrem 
Korb und ihrer Sichel auf die grüne Wiese geht 
und das feuchte Gras abmäht: nicht wahr, das 
rauscht?« — --Ja!« —"Und wenn ein reicher Lang 
schläfer den schönen Morgen hinter seidenen Vorhängen 
verschläft: nicht wahr, das rauscht auch?» —--Ja!« 
„Und welches Rauschen glaubst Du wohl, mein 
Sohn, daß Gott dem Herrn angenehmer zu hören sei: 
das Rauschen der Sichel im feuchten Grase, die von 
den Händen einer frommen Magd geführt wird, oder 
das Rauschen der seidenen Vorhänge am Bette des 
Müßiggängers?« — »Das Rauschen der Sichel!" — 
„Gut! Aber warum wohl!« — Hier standen die Ge 
danken des kleinen Poppendorfers am Berge und 
konnten, wie es schien, nicht weiter. — »Ich will Dir 
helfen, mein Sohn. Wenn jene seidenen Vorhänge auch 
zehn oder zwölf Jahre rauschen: was wird daraus?« — 
-- Nichts!« — »Wenn aber jene Sichel, von der 
Morgenröthebeglänzt, sechs oder sieben Jahre rauscht, 
und der Korb mit Klee, fleißig und treu, von der 
Wiese in den Stall wandert: was wird wohl aus 
den kleinen Kälbern und Jährlingen, die ihr blumiges 
Futter aus dem Korbe der frommen Magd geduldig 
erwarten und ihr dankbar die Hände lecken?-- — 
»Große, schöne, gesunde Kühe!-- — »Und diese füllen 
die Vorrathskammern mit Milch , Butter und Käse, 
und die Kinder gedeihen, sind fröhlich und bekommen 
rothe Backen, und die Horden springen auf der 
grünen Weide dem Herrn zum Lobe, der sie und 
uns Alle erschaffen hat, und die jener frommen Magd, 
als eines Werkzeuges zu ihrer Erhaltung, keinesweges 
entbehren können. Wie Junge? Und ein so edles 
Thier, dem wir so Vieles zu verdanken haben, willst 
Du, wenn ein liebes Wetter am Himmel steht, nicht 
eintreiben helfen? Da wissen meine Jungen in der 
Stadt wahrlich besser Bescheid, was es mit der edlen 
Beschäftigung eines Landmannes für eine höhere 
Bewandtniß hat. Auf ihr Bursche! Stimmt einmal, 
daß der Poppendorfer es hört und sich seines Hoch 
muths schäme, unser altes schönes Lied, zum Lobe 
des Landlebens an!" Die Kinder sangen: 
1. 
„Was kann schöner sein, 
Was kann edler sein, 
Als von Hirten abzustammen: 
Da zu alter Zeit 
Arme Hirtenleut' 
Selbst zu Königswürden kamen. 
Moses war ein Hirt mit Freuden; 
Joseph mußt' in Sichcm weiden; 
Ja der Abraham 
Und der David kam 
Von der Heerd' und grünen Weiden. 
2. 
Sieh', der Herr der Welt 
Kommt vom Himmelszelt, 
Um bei Hirten einzukehren. 
Laßt uns jederzeit 
Arme Hirtenleut' 
Halten drum in großen Ehren! 
Die auf Seid' und Gold sich legen, 
Sollen billig dies erwägen, 
Daß der Hirten Tracht 
Christus nicht veracht't, 
Und in Krippen dagelegen." — 
„Hast es verstanden, Poppendorfer? Wer war 
Moses? Ein Mann Gottes. Und David? Auch ein 
Mann Gottes, der Psalmen machte, die wir noch 
jetzt in allen unsern Schulen auswendig lernen. 
Du siehst mir eben nicht darnach aus, als ob Du 
je ein David werden oder Lieder und Psalmen dichten 
würdest; und doch schämst Du Dich in Weltdingen 
zu thun, was jene zwei Männer Gottes unbedenklich 
thaten; denn Moses hütete vierzig Jahre die Heerde 
Jethro's, und David besorgte die Hut seines Vaters, 
als seine Brüder mit Saul im Lager wider die 
Philister standen. Geh'! Geh'! Du bist so einfältig 
von Natur; daß Du nicht einmal weißt, was es 
mit einer frommen Magd und einer irdischen Heerde 
auf sich hat: wie sollte Christus, der Herr des Him 
mels, Dir seine Schaafe anvertrauen, oder Dich zu 
seinem Knechte annehmen?" 
Ebener Erde ist gut wohnen. 
Die meisten Eltern haben bei der Erziehung ihrer 
Kinder im Sinn, daß dieselben viel besser gerathen 
müßten, als sie selbst früher ihren eigenen Eltern 
gerathen sind. Die Fehler der Alten sollen bei den 
Jungen vermieden werden. Das ist vernünftig und 
ehreizwerth, nur mögen sie sich hüten, daß die Kinder 
nicht in die entgegengesetzten Fehler verfallen. Ost 
aber meinen die Eltern, sie müßten ihre Kinder nicht 
allein zu tüchtigeren Menschen, sondern auch zu einem 
sogenannten höheren Stande heranbilden. Da soll 
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