Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

sehen, neue und verbesserte Saug- und Druck-Pumpen 
herzustellen. 
Da sich schon vor zweitausend Jahren Natur 
forscher mit Erfindungen dieser Art viel abgegeben 
haben, so kann man wohl ohne Uebertreibung sagen, 
daß das Menschengeschlecht bereits ein hübsch Stück 
lein Zeit über die Verbesserung dieser nützlichen 
Instrumente nachdenkt, und sicherlich ist jeder Fort 
schritt darin mit großem Jubel und als etwas Neues 
aufgenommen worden, das dem Erfindungsgeiste der 
Menschen unendliche Ehre macht. 
Wie aber, wenn man jetzt weiß, daß schon der 
erste Mensch eine Saug- und Druck-Pumpe von 
unübertrefflicher Meisterhaftigkeit mit sich herumtrug? 
Wie, wenn wir bedenken, daß das Herz ein herrliches 
Pumpwerk ist, das unermüdlich schon im Mutterleibs 
den wesentlichsten Theil seiner Arbeit beginnt, das 
uiit einer wichtigen Abänderung im Augenblick der 
Geburt seine Arbeit fortsetzt und unausgesetzt saugt 
und drückt, bis der Mensch am Ende seiner Erden- 
>vallfahrt anlangt! — 
So alt das Menschengeschlecht auf Erden ist, so 
lange schon trägt der Mensch einen der wunderbarsten 
Apparate mit sich in der Brust herum, und doch hob 
sich diese Brust so stolz, als der Kopf auch nur den 
geringfügigsten Theil dieses Apparates herzustellen 
und als neue Erfindung auszugeben vermochte! — 
In jedem erwachsenen Menschen werden ungefähr 
dreißig Pfund Blut etwa 500 mal in einem Tage 
>nit einer Saugbewegung vom Herzen aufgenommen 
und mit einer heftigen Druckbewegung durch ein 
Unendlich verzweigtes Röhrenwerk, das man Adern 
Nennt, getrieben. Was ist alle künstliche Wasser 
leitung gegen diesen feinen Mechanismus, der das 
Blut durch Wege hindurchzwängt, die so fein sind, 
daß man die Röhrchen nicht einmal mit dem Auge 
kehr sehen kann! An siebzig- bis achtzigmal ist das 
Herz in jeder Minute des Lebens mit dieser Arbeit 
beschäftigt und versetzt dem Menschen von innen eben 
su oft einen sanften Stoß, gleich als wollte es ihn 
aufmerksam machen auf seine Wirksamkeit und ihn 
Auffordern, darüber nachzusinnen. — Wie lange aber 
hat es gedauert, ehe der Mensch, der Alles erfindende 
Mensch, auf die Ahnung kam, was das Herz ist, das 
e * im Leibe trägt? 
Die Antwort hierauf ist wirklich sehr beschämend! 
Von den dunkeln Zeiten vor Erfindung der Pump- 
^urke wollen wir gar nicht sprechen; aber in den 
Jahrtausenden, die seitdem verflossen, in diesen Zeiten, 
lallte man meinen, hätte jeder Pulsschlag den Menschen 
lehren müssen, welch' eine bekannte Maschine er mit 
sich herumträgt. Allein dem war nicht so. Erst 
im Jahre 1619 hat ein englischer Arzt und sinniger 
Naturforscher William Harvey die Thätigkeit des 
Herzens und die Bewegung des Blutes richtig erkannt, 
so daß es demnach mehr als Jahrtausende nach Er 
findung der Pumpwerke bedurft hatte, um einen aus 
gezeichneten Menschen auf solche Gedanken zu bringen. 
Das ist wahrlich schon sehr demüthigend! — Wie 
aber nahmen seine Zeitgenossen und seine Mitgelehrten 
diese Wahrheit auf? — Es ist noch demüthigender, 
es zu erzählen, daß Harvey mit Schimpf und Spott 
verfolgt wurde, daß seine Collegen ihn anfeindeten, 
und die Patienten — sich von ihm als einem rohen 
Menschen, der das Herz wie eine Pumpe behandelt 
wissen wollte, zurückzogen. 
Zum Glück nahm sich's Harvey nicht sehr zu 
Herzen; er erreichte ein hohes Alter und hatte die 
Freude, daß er als Greis die Anerkennung fand, die 
man dem verdienstvollen Manne früher versagte. 
Vielleicht macht einer den Einwand, daß Lunge 
und Herz von der Brusthöhle eingeschlossen, also der 
Wahrnehmung der Menschen zu sehr verborgen sind. 
Lunge und Herz kann man nur an Leichen offen dar 
legen und also nur sehen, wenn sie nicht mehr wirksam 
sind. Lunge und Herz sind auch in ihrer Thätigkeit 
unabhängig von unserem Willen und Wissen, und 
daher gerade käme es, daß sie sich der Kenntniß 
der Menschen entzogen haben. Lägen sie offen im 
Leben dar, würde man Gelegenheit gehabt haben, ihre 
Geschäftigkeit zu beobachten, so wären die klugen 
Menschen gewiß weit früher hinter all' diese sinn 
reichen Einrichtungen gekommen. 
Leider jedoch können wir diese beschönigende Aus 
rede nicht gelten lassen. 
Was liegt in seiner Wirksamkeit offener als das 
menschliche Auge? Merkt nicht jedes Kind, daß man 
mit dem Auge sieht? Bietet nicht jedes Thier, das 
man schlachtet und zerstückelt, um den leiblichen Hunger 
zu stillen, die leichteste Gelegenheit, ein Auge näher 
zu untersuchen und den geistigen Hunger zu stillen? — 
Und doch dauerte es Tausende und aber Tausende von 
Jahren, bevor der erfindungsreiche Mensch dahinter 
kam, was das Licht im Auge für eine Rolle spiele! 
Und wie kam er dahinter? Wiederum durch eine 
neue, nagelneue Erfindung, die vor zweihundert Jahren 
ein Italiener Namens Porta machte, und die man 
eine "dunkele Kammer« oder »Camera obscura» nennt, 
das Ding, vor das man sich jetzt hinsetzt, wenn man 
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