Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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fein, 
He» 
von 
her 
und 
dem 
Ute 
ruch 
oeiß 
just 
spazieren laufen können. Zwar (fuhr er zn dem 
Matrosen gewendet fort) auf die See hätt' ich auch 
keine Lust; lieber bleib ich noch, was ich bin. Denn 
die neungeschwänzte Katze macht einem Katzenjammer, 
ohne daß man was getrunken hat, und das Secwasser 
hat keine Balken. Eher möcht' ich noch Jäger sein 
oei vornehmer Herrschaft wie Ihr (sagte er zu dem 
Andern), wenn nur des Aufwartens nicht so viel 
Wb des Lohnes nicht so wenig wäre. Ich hab' mir 
die Sache hin und her überlegt und weiß was ich thu'. 
Und nun pries er mit beredter Zunge das Sol 
datenwesen und den Kriegerstand, und wie es ein 
sreies frisches Leben im Felde sei, und wer Courage 
habe, es in heutiger Zeit vom Gemeinen zum Oberst 
dringen könne und noch weiter hinauf. 
Kamerad, erwiderte der Matrose, so Unrecht habt 
Ihr nicht. Im Grunde genommen hab' ich's auch 
satt, wie ein Affe im Tauwerk herum zn klettern, 
Wb dürrer Zwieback mit ranzigem Speck ist mein 
Leibgericht auch nicht. 
Und der Jäger nickte mit dem Kopfe, wie wenn 
rr mit den Reden des Hauptmanns gleichfalls ein 
verstanden und drauf und dran wäre, das grüne Tuch 
»it dem doppelte» zu vertauschen. Der vermeintliche 
Schuster aber dachte bei sich: Wartet nur, ihr armen 
Teufel; morgen komm' ich wieder her, aber nicht 
allein, und dann wird euch die Fuchtel bald zeigen, 
>ras eine Sache ist. Und in der Hoffnung, endlich 
dem General i» Berlin Etwas "vom Anstand" schicken 
su können, ließ er von der Alten, die in der Ecke 
saß und schweigend dem Gespräch zuhörte, die Gläser 
kär die Andern frisch füllen und stieß mit ihnen lustig 
W auf »beßere Zeiten«. 
Plötzlich aber geschah, was er nicht erwartet hatte. 
Der Jäger war von seinem Platze aufgestanden und 
hatte den Hauptmann, der bis jetzt nüt dem Rücken 
W die Wand gelehnt saß, gebeten, ein wenig Platz 
A machen, damit er hinter ihm her gehen und seine 
pfeife von der Wand nehmen könne.. Der Haupt- 
'»ann rückt vor nach dem Tisch zu, und jener kommt 
wdurch hinter ihn zu stehen. Mit einem Male fühlt 
** sich von hinten durch zwei stramme Arme umfaßt, 
°^ß er die seinigen nicht regen kann. Diese Arme 
8(hörten dem Jäger. Der Matrose packt von der 
Wdern Seite unter dem Tisch her die Füße des 
Hauptmannö und zieht sie an sich, so daß dieser, an 
J» Tisch geklemmt, sich nicht zu rühren vermag. 
einen Pfiff des Matrosen thut sich die Thür zur 
(ebenstube auf, und drei verrucht aussehende Kerle 
kurzen in's Wirthszinimer. Haben wir den Preußen 
hund endlich, der den Christel und den langen Henner 
nach Spandau gebracht hat, ruft der Vorderste. Im 
Nu ist der Hauptmann geknebelt an Händen und 
Füßen; der Jäger holt ihm einen schweren Beutel 
mit Gold aus der Tasche, und sofort wird vor den 
Augen und Ohren des Gefesselten Rath gehalten, 
wie man ihn unbeschrieen aus der Welt schaffen könne. 
Unfähig, ein Glied zu bewegen, muß der Haupt 
mann dieses furchtbare Gespräch Wort für Wort mit 
anhören. Eine Weile liegt er schweigend und nach 
denklich da. Plötzlich bricht er in ein lautes Ge 
lächter aus. 
Was lacht der Hallunk? fragt der Jäger seine 
entsetzlichen Gesellen, die mit betroffener Miene da 
stehen, verwundert, daß ein Mensch in so unheilvoller 
Lage noch lustig geblieben scheint. 
Warum ich lache — willst du wissen? entgegnet 
der Hauptmann. Ich lache über Eure Dummheit, 
Ihr albernen Hänse. Wenn ich Dich hätte (fuhr 
er zum Jäger gewendet fort), wie Ihr mich habt, 
ich wüßte, wie ich Dich abmuckste, daß kein Huhn 
und kein Hahn nach Dir krähete. 
Nun — wie würdest Du's denn anfangen, Du 
Großmaul? erwidert nach einer Weile stummen Stau 
nens der Matrose. 
Siehst Du den Balken da? antwortet der Haupt- 
mann in seltener Kaltblütigkeit. An den hing ich Dich, 
Du Seeschlange, mit den Füßen ans, ließ Dir das Blut 
in den Kopf laufen, bis der Schlag Dich gerührt hätte, 
und würfe Dich dann bei Nacht und Nebel in die 
Elbe. Wenn sie Dich fänden, hieß es: der Schuft hat 
sich ersäuft, und kein Mensch außer mir müßt' eS besser. 
Das ist den entsetzlichen Gesellen doch zu viel. 
Sie stehen da wie erstarrt vor Verwunderung und 
Grausen. Denn dem rohen Verbrecher, der vor dem 
eigenen Tod und dem Ende seines schuldbeladenen 
irdischen Daseins einen unüberwindlichen Schauder 
fühlt, ist es unbegreiflich, ja erschreckend, wenn er 
sieht, daß ein Anderer dem letzten Feinde mit ruhigem 
Muthe und furchtlos in die Augen sieht. 
Der Hauptmann benutzt die respektvolle Stimmung, 
in die er seine Feinde auf einen Augenblick versetzt 
hat. Was steht Ihr da, wie die Schafe, wenn's 
donnert, Ihr Feiglinge? redet er sie weiter an. Hört 
zu; ich will Euch einen Vorschlag zur Güte machen. 
Ich habe Euch jetzt einen Gefallen gethan und Euch 
verrathen, wie Ihr mich abthun könnt, ohne daß die 
edle Polizei davon Witterung bekommt. Thut mir 
nun auch einen Gefallen. Es ist ein alter Brauch, 
daß Jedem, dem's an den Hals gehen soll, zu guter
	        

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