Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Wie ein Menschenleben einmal wirklich an 
einem Haare hing. 
Friedrich der Zweite, König von Preußen, oder 
schlechtweg gesagt, der alte Fritz, hatte zu den vielen 
und lange» Kriegen, die er führte, mehr Soldaten 
nöthig, als in seinen eigenen Landen aufzutreiben 
waren. Deßhalb ließ er, wie denn das im vorigen 
Jahrhundert überhaupt ein schlimmer Regentenbrauch 
war, in den Nachbarstaaten durch sogenannte Werbe- 
Officiere junge kräftige Bursche anlocken und mit List 
oder Gewalt der preußischen Armee zuführen. Die 
Aufgabe eines solchen Werbe-Ofsiciers war schwierig 
und sogar gefährlich. Denn nicht nur, daß die ein 
gefangenen Opfer sich oft auf's tapferste und bis zum 
Aeußersten entschlossen ihrer Haut wehrten, sondern 
es hatten auch die ausländischen Regierungen das 
Werben in ihren Gebieten (obschon, sie in fremden 
es selbst eifrig treiben ließen) streng verboten und 
mit schwerer Strafe bedroht. 
Unter den von dem großen Preußenkönig zu dem 
abenteuerlichen Gewerbe verwendeten Ofsicieren war 
ein besonders geschickter und verwegener, ein Haupt 
mann F. Gegen den Schluß der siebziger Jahre 
wurde dieser commandirt, sich nach Hamburg zu be 
geben und dort in's Geheim das Werbegeschäft zu 
betreiben. Zur Begleitung erhielt er zwölf Unter- 
officiere, hie aber in Civilkleidern gingen, wie auch 
der Hauptmann selbst seinen bunten Rock mit einem 
einfarbigen vertauscht hatte, um dem Magistrat und 
der Polizei in Hamburg, welche das Werben im 
Gebiete der Stydt wiederholt untersagt hatten, keinen 
Verdacht zu erwecken. Der Hauptmann nahm mit 
seinen Begleitern in einem kleinen Gasthause Quartier, 
und der Wirth desselben war der einzige Mensch in 
Hamburg, dem er unter dem Siegel unverbrüchlicher 
Verschwiegenheit anvertraute, weßwegen er nach der 
Elbstadt gekommen sei. Dabei verabredete der Ofsi- 
cicr mit dem Wirth, so oft er in Gegenwart fremder 
Menschen von seinen Leuten, den Unterofficieren, zu 
sprechen habe, wolle er sie als --Champagnerflaschen" 
bezeichnen und überhaupt, um, Verdacht zu vermeiden, 
so thun, als sei hon solchen die Rede. Der Wirth 
begriff den Vorschlag vollkommen, und es war um so 
weniger Gefahr, daß er die Ausdrucksweise seines 
Gastes jemals mißverstehen könne, als dieser, gleich 
dem Schwedenkönig Carl dem Zwölften und gleich 
dem General Tilly, miemqls Wein zu trinken pflegte. 
Einige Wochen hindurch wollte dem Hauptmann 
keine Beute in's Garn laufen. Schon fing er an 
mißmuthig au feinem alten Jägerglück zu verzweifeln, 
als ihn eines Tages, da er müßig durch die Straßen 
schlenderte, ein altes Weib anhielt, das er schon von 
einem früheren Werbe - Aufenthalt in Hamburg her 
kannte, als --recht wie auserlesen zum Kuppler- und 
Zigennerwesen--, das ihm auch bereits einmal ehedem 
ein paar kräftige Burschen in die Hand gespielt hatte. 
Gnädiger Herr, sagte die Alte, wenn es Euch 
jetzt auf ein hübsch Stück Geld nicht ankommt, weiß 
ich Euch wieder ein paar frische Jungend, die just 
reif sind für die Muskete. 
Dem Hauptmann leuchteten die Augen auf bei 
dieser Nachricht. Denn die Menschenjagd kann ebenso 
eine Leidenschaft werden für den, der sie treibt, wie 
die Hirsch- und Wildschweinsjagd. Er verhieß der 
alten Hexe eine reichliche Belohnung, wenn sie ihm 
zu einem Fang verhülfe, und verabredete mit ihr, daß 
er am Nachmittag desselben Tages die beiden junge» 
Männer im Hause der Alten (es war eine elende 
Kneipe in einem Gäßchen des verrufensten Stadt 
viertels von Hamburg) treffen solle. 
Als der Hauptmann, nachdem er sich wie ein 
etwas zerlumpter Handwerksgeselle angezogen hatte, 
zur bestimmten Stunde am bestimmten Orte eintraf, 
fand er die zwei Leute schon vor. Der eine trug 
einen Jägerrock, wie die Bedienten vornehmer Herr 
schaften sie manchmal anhaben; der andere war als 
Matrose gekleidet. Jung und kräftig beide, stachen 
sie dem Ofsicier verlockend in die Augen, aus denen 
die verstohlene Lüsternheit, einen rechten Capitalfang 
zu machen, blinzelte. Er nahm an dem Tisch, wo 
die beiden saßen, Platz, ließ sich von der Wirthin 
ein Glas Grog vorsetzen und unversehens hatte er 
mit den zweien ein Gespräch angeknüpft, wie es aus 
gar mancher Wirthshausbank in dieser Welt geführt 
wird und in dem unzufriedenen Sinn der meisten 
Menschen reichlichen Stoff hat, das alte Gespräch 
nämlich davon> wie die Zeiten schlecht sind, die Ar 
beit sauer und der Verdienst gering. 
Ja, wahr muß es sein, sagte der Hauptmann, 
als die Unterhaltung so eine Weile herüber und hin 
über gegangen war, es ist ein Hundeleben heutzutage 
für unser einen und es wird auch nicht besser, r 
lange die Reichen das Geld haben und die Armen 
keins. Will man mal in einer Woche zwei Tage 
blau machen, jagt einen der Meister — mir ist's mehr 
wie einmal passirt — fort. Dabei wird alsfort vom 
vielen Saufen geredet; vom großen Durst spricht 
keiner. Ich bin'S lange müd', auf dem Schusterschemel 
zu sitzen und dafür zu arbeiten, daß andere Leute
	        

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