Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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der Kirchenältesten des einen Filialdorfes von H. 
Der Mann, als er merkte, auf wen der Spott zielte, 
ward in seinem Herzen zornig, daß man ihm seinen 
lieben Pfarrer und Seelsorger in solcher Weise ange 
griffen hatte. Er berief eine Versammlung der ehren- 
werthesten Bauern seiner Gemeinde und hielt Rath 
mit ihnen, was geschehen könnte, den Spötter zu 
züchtigen. Da wurden sie einig, daß auf eine solche 
Anrede eine Antwort gehöre, und zwar eine Hessische 
Bauern-Antwort. Also wurde der Schriftgelehrteste 
der Versammlung beauftragt, mit Beihülfe des Herrn 
Schulmeisters die Antwort abzufassen, und nicht lange 
danach stand in derselben Zeitung, welche den Schmäh 
artikel gebracht hatte, zu lesen: 
Antwortschreiben an den Verfasser des Aus 
satzes: »Der Pfarrer und sein Pferd». 
Wir endesunterschriebene Bauern von P. wissen 
gar wohl und schon lange, wem das Pferd gehört, 
auf weichern unser Pfarrer allen Sonntag vorr H. 
herüber zu uns geritten kommt. Weil wir aber unsern 
Pfarrer als einen frommen und getreuen Seelsorger 
lieb haben und ehren, ist er uns jederzeit willkommen, 
mag er geritten kommen, wie er will. Ja, es sollte 
ihni an unserer Ehrerbietung keinen Abbruch thun, 
wenn er sich auch von einem Esel zu uns tragen 
ließe-, welches Thier ja unser Herr und Heiland selbst 
zu besteigen einstmals nicht verschmäht hat. Nur das 
würden wir uns verbitten und niüßten in allem 
Respect dagegen protestieren, wenn sich unser Pfarrer 
zu seinen Filialritten desjenigen Esels bedienen wollte, 
welcher den Aufsatz: »Der Bauer und sein Pferd« 
in diesen Blättern hat ausgehen lassen. 
Die Bauern in P. bei H. 
So oft der Kalenderschreiber die Straße entlang 
wandert, die zwischen Cassel und Fulda läuft, und so 
oft er das Kirchlein links vom Wege auf dem Berge 
anschaut, "das dem Dorf angehört, darin jene Hessische 
Bauern - Antwort ersonnen ist, wirft er ihm einen 
freundlichen Gruß mit Blicken zu, und fast wolle» 
ihm dabei die Augen ein wenig übergehen. Denn der 
Pfarrer, der in diesem Kirchlein das Evangelium ver- 
kündigthat und auf dem Pferd des WasenmeisterS von 
H. den Bergweg viel hundertmal herauf und hernieder 
geritten ist, der war ihm gar wohl bekannt, und der 
Kalendermann darf von ihm, der nun lange zu seiner 
Ruhe eingegangen ist, die Worte sagen, die der edle 
Matthias Claudius seinem Vater nachgesungen hat: 
Sie haben r" : :r 
Etnen guten Mann begraben, 
llnd inst war er mehr! c. *. 
Ein Held ohne Ruhm. 
Als der Kalenderleser zu seiner Zeit in der Schule 
erfuhr, durch welche hochherzige Handlung Arnold 
Struth von Winkelried am 9. Juli 1386 in 
der Schlacht bei Sempach seinem Schweizervolk de» 
Sieg über Herzog Leopold von Oesterreich ver 
schafft hat, ist ihm vielleicht der Gedanke durch den 
Kopf gefahren: heutzutage kommen solche Thaten 
nicht mehr vor. Denn das Herz der Menschen, aller 
irdischen Behausungen wunderlichste, herbergt neben 
anderen närrischen Stammgästen auch die Neigung, 
das was in seiner Nähe Gutes, Großes oder Schönes 
geschieht, zu übersehen oder gering zu achten , dagegen 
aber die Dinge und Begebenheiten in räumlicher oder 
zeitlicher Ferne zu bewundern und eher über Gebühr 
zu schätzen. Das ist einer von den Gründen, warum 
das Lied von der „guten alten Zeit" gesungen worden 
ist und gesungen werden wird, so lange Menschen 
auf Erden wohnen. Die Erinnerung ist eine Schön 
färberin von Profession und bemalt das Vergangene 
gar zu gern mit lichten hellen Farben, daß es von 
Weitem aussieht wie eitel Glanz und Herrlichkeit. 
Der Gegenwart aber sehen wir scharf und dicht in's 
Gesicht, und da ist denn immer Unliebliches in Menge 
zu gewahren. Jedoch die Gerechtigkeit, die zu den 
allerköstlichsten Tugenden gehört, danach ein Mensch 
trachten soll, fordert, daß man neben den häßlichen 
Zügen der Zeit, in der man lebt, auch die schönen 
und edlen in's Auge faßt, und deren hat Gottlob eine 
jede Zeit aufzuweisen. 
.Einen solchen schönen und edlen Zug aus unserer 
Zeit will der Erzähler hier aufzeichnen. Eine That, 
so groß und herrlich, daß die Heldengeschichte aller 
Völker keme größere und herrlichere kennt. Und 
doch eine That, von per ^ nur Wenige wissen, und der 
Held, der sie vollbracht hat, ein „Held ohne Ruhm" 
Die Begebenheit mit Arnold Struth von Winkel 
ried hat sich vor nun fast einem halben Jahrtausend 
in weiter Ferne von uns ereignet, und doch wird sie 
unsere» Kindern in der Schule noch heute unter 
Preis und Lob erzählt. Das Ereigniß dagegen, von 
dem hier Kunde gegeben werden soll, ist vor einem 
halben Jahrzehnt in unserem deutschen Vaterland 
geschehen, und heute gedenkt desselben fast Niemand 
mehr. Ja auch zur Zeit, Pa sich die Begebenheit 
zugetragen, haben ihrer kaum einige dürftige Zeile» 
in der einen oder andere» Zeitung Erwähnung gethan- 
Und so sehrist der Held meiner Geschichte ein Hck° 
ohne Ruhm, daß ich Euch nicht einmal seinen Name»
	        

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