Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Unterhaltendes und Belehrendes. 
Eine Hessische Bauern-Antwort. 
doctor Jonas hing einmal dem Doctor Luther 
einen schönen Ast voll Kirschen über den Tisch und 
lobte dabei den herrlichen Segen Gottes an solchen 
Früchten. Da sprach Doctor Martinus: Warum 
bedenkt Ihr das nicht vielmehr an Euren Kindern 
als Eures Leibes Früchten, welche trefflichere und 
schönere, auch herrlichere Kreaturen Gottes sind, denn 
aller Bäume Früchte. Und ein ander Mal sagte 
kr: Kinder sind die lieblichsten Früchte und Bande 
bor Ehe, die binden und erhalten das Band der 
Liebe. Es ist die beste Wolle am Schaf. 
Besagte beste Wolle sprießt kaum irgendwo in 
so regelmäßiger Fülle, und jene lieblichsten Früchte 
der Ehe wachsen fast nirgends so reichlich wie in 
deütschevangelischen Pfarrhäusern, in die, wie Ihr 
>^ißt, Doctor Luther den Ehebaum erst wieder 
eingepflanzt hat. Es ist, als ob die Fruchtbarkeit 
geistlicher Ehestände recht sichtbar erweisen sollte, 
baß Kinder ein besonderer Segen Gottes sind; je 
»lehr, desto besser. 
Bor nun dreißig bis vierzig Jahren hatte solcher 
Segen auch in einem Pfarrhaus der alten Hessen- 
stadt H. reichliche Einkehr gehalten. Die heilige 
Siebenzahl in Gestalt eines Häufleins gesunder und 
solglich schier niemals recht satt zu machender Jungen 
b>ar dort kaum zwölf Jahre nach des Pfarrers Hoch- 
Kit voll geworden. Das irdische Amtsbrod aber, 
bas der Pfarrer für das geistliche Lebensbrod, welches 
^ seinen Kirchkindern spendete, empfing, war kärglich 
bemessen und mußte sorgsam und genau eingetheilt 
werden, wenn es das Jahr hindurch für neun Münder 
l>nd mehr ausreichen sollte. An seine eigene Person 
wnnte der Hausherr nur wenig wenden, wiewohl er 
besonderer Leibespflege mehr als mancher Andere 
bedurfte; denn er war kränklich, und vor Allem fiel 
>hm das weite Gehen schwer, weil er eine schwache 
^rust hatte. Da er nun außer in der Stadt all- 
lonntäglich in zwei stundenweit abgelegenen Dörfern 
iu predigen hatte, kam es ihm überaus erwünscht, 
ein Bewohner der Stadt H. ihm zur Benutzung 
den beschwerlichen Filialwegen für sehr geringe 
Vergütung sein Pferd anbot. 
. Es war das beste und flinkste Pferd in H.; 
ledoch hatte es Einen Fehler. Der bestand darin, 
baß der Mann, dem es gehörte, Niemand- anders 
I. 
war als — der Waseumeister der Stadt. Das 
Geschäft, welches dieser Mensch trieb, ist ein gar 
nützliches, ganz unentbehrliches und, wenn es nur in 
Ehren betrieben wird, auch ein völlig ehrbares Ge 
schäft. Gleichwohl galt es (ob es noch heute dafür 
gilt, weiß der Erzähler nicht) in deutschen Landen 
seit uralten Zeiten für ein »anrüchiges-- Gewerbe, 
und die sich damit befaßten, waren bei den meisten 
Leuten nicht wohl angesehen. Darum gehörte die 
herzliche Liebe, welche der Pfarrer zu H. in seinen 
städtischen und ländlichen Gemeindeangehörigcn sich 
erweckt und groß gezogen hatte, dazu, daß diese 
seine Benutzung des muntern, wohlgenährten Abdeckers- 
rößleinS nicht als etwas Unziemliches ansahen, be 
redeten oder gar verspotteten. Vielmehr ließen sie 
den getreuen und vielgeplagten Mann, der tu seinem 
schlichten Sinne nicht einmal daran gedacht hatte, 
die in pfarrkindlicher Zuneigung ihm angebotene Er 
leichterung seines saueren Dienstes zu verschmähen, 
ruhig und ehrerbietig manches,Jahr hindurch in der 
Sonntagsfrühe vor dem Stadtthor, wo Bleister Häm 
merleins Behausung lag, dessen Thier besteigen,^ und 
die Bauern in P. und H. wie die Stadtleute vernahmen 
nach wie vor von ihrem Pfarrer gern den Trost des 
Evangeliums, und was er aus der Tiefe seines treuen 
Herzens deutend und vermahnend dazu that. 
Da geschah es aber, daß ein Amtsbruder des 
Pfarrers in der Nachbarschaft von ungefähr erfuhr, 
weß das Thier sei, dessen sich dieser auf seinen Dienst 
wegen bediente. Der war ein liebearmer Mensch, 
und seine amtsunbrüderliche Seele fühlte sich von 
der Spottlust so lange gekitzelt, bis er sich nieder 
setzte und in einem Aufsatz, den er mit den Worten: 
»Der Pfarrer und sein Pferd-- überschrieb, sein 
Müthlein kühlte. Darin war in höhnischer Weise 
auseinandergesetzt, wie die Benutzung des Wasen 
meisterpferds durch den Pfarrer von H. etwas den 
geistlichen Stand Verunzierendes sei, und es war dem 
Verfasser des Aufsatzes dabei nicht eingefallen, daß 
liebloser Spott doch wohl etwas noch Unziemlicheres 
ist, zumal für einen Pfarrer, als das Reiten auf 
einem Schinderspferd> wenn man kein besseres hat. 
Der Schmähartikel ward in einer vielgelesenen 
Zeitung, natürlich ohne daß-sich der Urheber desselben 
nannte, abgedruckt. Unter den vielen Augen aber, vor 
welche das Blatt mit dem Aufsatz: »Der Pfarrer und 
sein Pferd-- kam, waren zufällig auch die zwei Augen eines 
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