Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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den dänischen Uebermuth führten, hatte ein österrei-! 
chischer Soldat vom Regiment „König der Belgier", 
Karl Stempf mit Namen, tapfer mitgefochten. Aber 
den einer feindlichen Kugel darniedergeworfen, mußte 
er Pflege und ärztliche Hülfe in dem Hospitale der 
Stadt Schleswig suchen. Da lag er nun mit seiner 
stechenden und schmerzenden Wunde in- der Brust. 
Trübe Ahnungen durchzogen seine Seele, daß er sein 
theuereö Vaterland, wo er als munterer Bursche die 
Gemse gejagt und den Horst des Adlers aufgesucht, 
- , twhl nie wieder sehen werde. Bittend wandte er 
auf I sich an einen Kameraden, daß er seiner Mutter, einer 
j>icht unbemittelten Hammerschmiedin in Steiermark, 
in seinem Namen Nachricht von seiner Verwundung 
kleben und sie bitten möge, ihn doch eiligst hier im 
Nazareth aufzusuchen, wenn sie ihn noch einmal sehen 
tvollte. Die Bitte wurde von dem Kameraden ge- 
tvissenhaft erfüllt. Vierzehn Tage vergingen indessen 
bem armen Verwundeten in trostloser Einsamkeit. 
Men ihm jammerte in großen Schmerzen ein ge 
sungener Däne, welcher gleichfalls schwer verwundet 
^ar und so viel deutsch redete, daß er sich ziemlich 
^stündlich machen konnte. Der Steiermärker erfuhr 
°°n ihm, daß er Vater zweier Kinder sei und mit 
bangen Sorgen daran denke, wie es den armen Kleinen, 
tvenn er nicht wieder genese, ergehen würde. 
Bor Jahren schon war die Mutter eingegangen 
den ewigen Frieden, und legte er jetzt sein Haupt 
Zum Sterben nieder, so standen die, nach denen sein 
M sich sehnte, allein und verlassen in der Welt. 
Bittere Thränen stürzten aus seinen Augen. Da 
Wete sich die Thür und zwei hübsche Kinder wur- 
ben von einem Wärter in das Krankenzimmer geführt. 
Tengsilich suchten ihre Blicke umher. Plötzlich 
Wandte sich das größere, ein Knabe, mit einem 
basbunterdrückten Schrei dem Bette des Dänen zu. 
hr. | Ihm folgte die kleinere Schwester. Voll Schmerz 
and Wehmnth schloß der Verwundete die Kinder in 
'k>ne Arme, indem er für einen Augenblick seiner 
sassetzlichen Qualen vergaß. Bald aber sank er er- 
Mpft auf sein Schmerzenslager zurück; doch die 
dande der Kleinen hielt er mit den seinigen fest 
Mammert. — Da trat auch die Hammerschmiedin 
ut Wer vermöchte aber den Schmerz einer Mutter 
jjl schildern, die ihren einzigen Sohn, der vor wenigen 
Lochen noch als ein blühender, kräftiger Jüngling 
1 den Kampf zog, am Sterben findet! Ihre Seele 
d? .^^brübt bis in den Tod. Doch ruhte ihr Auge 
^bki mit inniger Theilnahme auf dem sterbenden 
ater und den weinenden Kindern. Und bebenden 
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Herzens flüsterte sie leise: «Heilige Maria, bitte für 
meinen Sohn. Ich will mit Freuden die Kinder 
dieses armen Mannes zu mir nehmen und treu für 
sie sorgen, wenn mir nur mein Karl nicht stirbt.« 
Der Sohn hatte die Worte vernommen, und wäh 
rend er sich halb aufrichtete, sagte er mit schwacher 
Stimme: «Schau, Mutterl, gräm di nit, mir hilft 
nichts mehr, ich fühle, daß der liebe Gott hats so 
haben wollen. Und ob etwas früher oder später, 
das macht nit gar ein so gewaltiger Unterschied. 
Ich muß einrücken und mein Nachbar mit mir. 
Willst mir a Gefallen thun, so nimm dir seine 
Kinder, sie werden dir den Karl ersetzen, und viel 
leicht erlebst du mit ihnen gerade die Frend', als 
mit dem eignen Sohn.« 
Mit gwaltsam unterdrücktem Schluchzen stand die 
unglückliche Mutter auf und trat zu dem Bette des 
seiner Auflösung von Stunde zu Stunde näher rücken 
den Dänen. «Sorgt Euch nicht um Euere Kinder, 
guter Mann,» sprach sie sanft; «sie sind von dieser 
Stund' an die meinen.« Ein unaussprechlich dank 
barer Blick war die einzige Antwort des Schwer 
verwundeten, er hatte nicht mehr die Kraft, ein 
Wort hervorzubringen. Dann glitt ei» heiteres, 
zufriedenes Lächeln über feine blaffen Lippen, ein 
letzter, tiefer Athemzug und — die Kinder hatten 
keinen Vater mehr. 
Wieder saß die Mutter des Steierers an dem 
Schmerzenlager des Sohnes, und die beiden Kinder 
hatten sich weinend an sie gelehnt. — Da erhob der 
Kranke plötzlich sein Haupt in die Höhe und hauchte 
mit letzter Kraft die Worte: «Lieb Mutterl', nimm 
mich auch mit nach Haus; hier mag ich als Todter 
nit liegen.« . Dann starb er. 
Zwei Tage darauf reiste die Hammerschmiedin 
mit den beiden Kindern des Dänen in ihre Heimath 
ab. Ihr folgte in einem einfachen Sarge die Leiche 
des Sohnes. Gott segne die wackere Frau. 
Räthst l. 
Ein Frühlingsbote bin ich, mit süßem Dust getränkt, 
Bis mir die hohe Sonne mein prächtig Kleid versengt. 
Die eigennützige» Menschen verfolgen meine Spur, 
Mit Messern und mit Gabeln, mich zu verderbe» nur; 
Dann andre ich meinen Namen und meine Färb' geschwind, 
Und bring' mich so verwandelt dem reichen Menschenkind. 
Doch rückwärts biet' ich weise dem oft so müden Gast 
Nach einer kurzen Reise dann eine lange Rast. 
Auflösung des Räthsels im vorjährigen Kalender. 
- Waldmeister.
	        

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