Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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»Das hab' ich auch gedacht, Meierhöfer,« ant 
wortete der Wirth. »Die ganze Nacht ist mir es im 
Kopf herumgegangen, wie wir den Jungen loskriegen 
könnten; aber ich muß gestehen, nichts hat sich mir 
dargestellt, was zum Ziele führte.« 
»Nun, was ist da sich lange zu besinnen, Adam,« 
erwiderte rasch der Meierhöfer, »Gewalt freilich können 
wir nicht brauchen, aber wir setzen uns auf die Gaul' 
und reiten mit, laßen den Jungen nicht aus den Augen 
und ruhen nicht eher, bis wir den Obersten von dem 
Regiment oder einen noch Höhern, einen General, 
getroffen und ihm unser Anliegen vorgebracht haben. 
Der wird meiner Seel' doch ein Einsehens haben.« 
»Aber da laufen wir ja gerade dem Fuchs in 
den Bau,« meinte der Wirth. »Wird das Kriegs 
volk uns in Ruh laßen oder wohl nicht gar über uns 
herfallen, als Über verdächtige Leut' und Kilndschafter!« 
»Macht es, wie Ihr wollt, Nachbar! Ich gehe, 
und der Junge muß wieder loskommen und sollt' ich 
darüber selber zu Schanden werden!« 
«Nein, das werdet Ihr nicht!« fiel ihm der Wirth 
ins Wort. »Ich begleite Euch unv bleib' Euch allzeit 
zur Seite. Hier habt Ihr meine Hand. Jetzt sind 
all' meine Bedenklichkeiten aus dem Felde geschlagen, 
ist Gefahr bei der Sache, so darf man ihr nicht 
furchtsam aus dem Wege gehen.« Und sein Gesicht 
leuchtete von Muth und Entschlossenheit. 
In kurzer Zeit waren die beiden Männer reise 
fertig. Sie nahmen ihren Weg in der ihnen bekannten 
Gegend so, daß sie wo möglich, ohne doch Verdacht 
und Aufsehen zu erregen, den ganzen Zug im Auge 
hatten und dem Knaben, wenn er ihrer Hülfe bedürfen 
sollte, alsbald nahe sein und ihm durch ihre Gegen 
wart Trost und Beruhigung gewähren konnten. Wohl 
mochte ihnen das Herz bluten, wenn sie sahen, wie 
der Unglückliche, der dazu verurtheilt war, neben den 
Pferden herzulaufen, durch Püffe und Stöße zu grö 
ßerer Eile angetrieben wurde, wenn sie hörten, wie 
er laut stöhnend und voll Angst um Mitleid schrie. 
Endlich erbarmte man sich seiner; ein Reiter nahm 
den völlig Erschöpften vor sich auf das Pferd und 
reichte ihm zur Stärkung von seinem Brot und Fleisch. 
Nach einem zweistündigen Ritt näherte man sich wieder 
der Heerstraße, die von Soldaten zu Pferd und zu 
Fuß, von Wagen, Kanonen, Pulverkarren, so weit 
das Auge reichte, bedeckt war. Als die Reiter Halt 
machten, um wieder einzutreten in die Reihen des 
großen Zuges, war auch für die beiden Freunde die 
Zeit gekommen zu handeln und den Obersten des 
Regiments, zu welchem die von ihnen begleitete Ab 
theilung gehörte und dessen Abzeichen sie sich genau 
gemerkt hatten, unter den Hunderten und Tausenden 
aufzufinden. Nach vielem Hin-und Herfragen, indem 
sie bald hierhin, bald dorthin geschickt und dabei geneckt, 
gefoppt und ausgelacht wurden, erlangten sie endlich 
Zutritt zu dem, den sie so erwartungsvoll suchten. 
Das feste und doch freundliche Wesen des Mannes 
machte ihnen Muth, und in einfacher, schlichter Weise 
gaben sie getreuen Bericht von dem Vorfall, der sie 
mitten unter die französische Armee getrieben. Und 
bald bildete sich ein bunter Kreis von Soldaten um 
sie, mochten doch viele gar gerne wißen, was die 
beiden so eifrig gestikulirenden Bauern auf offener 
Landstraße mit einem ihrer hohen Offiziere wollten. 
Mit steigender Theilnahme hörte der Kommandirende 
ihrer Erzählung zu und konnte sich mehrmals eines 
lauten Ausrufs der Verwunderung und des Unwillens 
nicht enthalten. 
»Seht, so ist es, Herr, und nicht anders!« fuhr 
der Meierhöfer warm und eindringlich fort. »Und 
was will der Offizier mit dem Knaben? Sich doch 
nur an diesem rächen für das, was ihm von dem 
Vater zugefügt ist. Aber ich meine, des grausamen 
Spieles wäre es nun genug. Einen unschuldigen 
Menschen für ein unvernünftiges Thier als Lösegeld 
nehmen, das ist doch kein richtiger Handel, das läßt 
sich meiner Seel' doch nicht verantworten!« 
»Allerdings,« lächelte der Oberst, »ist dies kein 
richtiger Handel. Des Blutes ist schon zu viel ge 
stoßen, und es erscheint daneben als Frevel und Ruch 
losigkeit, einen schuldlosen Menschen unnützer Weise zu 
quälen und zu martern. Ich gebe Euch mein Wort, 
Ihr sollt das Kind des Schulmeisters wieder haben!" 
Am folgenden Tage kehrte der Gast des Busch 
müllers wieder in sein Dorf zurück. Der Entflohene 
hatte geglaubt, bei seiner Wiederkehr lauter vergnügten 
und fröhlichen Gesichtern zu begegnen, und überall 
fand er Trauer und Niedergeschlagenheit und in seinem 
Hause nur Schmerz und Jammergeschrei. 
»Großer Gott,« rief er mit bebender Stimme/ 
als er in das trübe, verweinte Auge seines Weibes 
sah, »was geht hier vor? Nun ich wieder da bin 
und die Gefahr für mich vorüber ist, mein' ich, solltet 
ihr auch gutes Muthes sein.« . 
»Ach,« schluchzte die Frau, »könnt'ich mich doch 
deiner Rückkehr so recht von Herzen freuen! Aber, 
verzeihe mir es Gott, ich kaun es nicht; denn als 
sie dich nicht greifen konnte», haben sie unser Kind, 
unsern Jacob, trotz meines Flehens, trotzdem daß 
ich ihnen alles geben wollte, was sie verlangten,
	        

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