Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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schenden Klängen der Musik gelauscht, bald im wir 
belnden Tanz sich gedreht, oder auch zu traulichem 
Geplauder und heiterer Geselligkeit sich vereinigt. 
Unter der Linde war es auch, wo sich einmal ein 
Vorfall ereignete, der für meinen Großvater und 
sein ganzes Haus gar ernste und traurige Folgen hatte. 
Napoleon hatte die Schlacht bei Leipzig verloren und 
sein noch vor kurzem so stolzes Heer eilte flüchtigen 
Fußes durch die deutschen Lande. Aus Thüringen 
ging der Zug in hellen Haufen durch das Hessische 
über Fulda dem Kinzig- und Mainthale zu. Eine 
Abtheilung französischer Reiter hatte sich von der 
großen Masse abgeschlagen und war auf den Einfall 
gekommen, in meinem Heimathsdorfe zu fouragiren 
und die Nacht über Rast zu halten. Die Pferde 
sollten auf dem Kirchhofe untergebracht werden und 
die Mannschaft wollte in der Kirche Quartier nehmend 
Schon fing es an dämmerig zu werden, als die Glocke 
der Dorfkirche noch --unter die Linde« läutete. Die 
Männer des Dorfes folgten dem bekannten Zeichen 
und eilten bestürzt und neugierig, was da noch zu 
so später Stunde verhandelt werden sollte, zu dem 
gemeinschaftlichen Sammelplätze. Der Schulze, wel 
cher in Begleitung eines martialisch aussehenden fran 
zösischen Offiziers und mehrerer Reiter gekommen 
war, trat hervor und machte mit Widerstreben die 
Nachbarn mit dem Verlangen und Begehr der frem 
den Gäste bekannt. 
--So, Leute", nahm hierauf der Offizier in ziem 
lich geläufigem Deutsch das Wort, --jetzt wißt ihr, 
was wir wollen, Quartier, Brot und Fleisch für 
unö und Stroh und Futter für die Pferde. Und 
nun öffnet die Kirche.« 
Man deutete auf meinen Großvater, welcher auch 
herbeigekommen war und zugleich den großen Kirchen- 
schlüßel in der Hand hielt. Der aber sagte ruhig und 
fest: --Das thue ich nicht!« »Und warum nicht?« fuhr 
der Offizier hitzig auf. »Weil es«, antwortete der 
Greis, »nicht recht und heilsam ist, das Gotteshaus 
zu einer Nachtherberge für Soldaten zu machen.« 
»Laßt das Gerede, alter Graukopf«, schrie der 
Franzos zornig. »Wenn Ihr nicht wollt, so werd' 
ich Euch zwingen«, und dabei wies er auf seine be 
waffneten Begleiter. 
»Wagt cs nicht, mich anzugreifen, Herr!« rief 
ihm mein Großvater mit funkelndem Auge entge 
gen. „Mit meinem Willen kriegt Ihr den Schlüße! 
nicht.« 
Ein Bcifallsgemurincl ging bei diesen Worten 
durch die versammelten Männer. 
I Jetzt aber sprang der Offizier, außer sich vor 
Wuth, auf meinen Großvater zu und hielt ihm die 
geballte Faust vor das Gesicht. Nun hatte der Fran 
zose einen schönen, großen Hund bei sich, so eine 
Art Wolfsfänger, ^ ein starkes, muthigeö Thier. Als 
der die Bewegung seines Herrn sah, fletschte er die 
weißen Zähne, hob sich in die Höhe und wollte de» 
Greis auf der Brust packen. Schnell gefaßt aber 
versetzte ihm dieser mit dem schweren Schlüße! eine» 
solchen Schlag auf die Nase, daß er jäh zu Boden 
fiel und alle Viere streckte. 
Für den Augenblick war die drohende Gefahr 
von dem Haupte des allgemein geliebten Mannes 
abgewendet, denn der Offizier und seine Begleiter 
machten sich sofort mit dem zuckenden, sterbende» 
Thier zu schaffen. 
»Macht, daß Ihr fortkommt, Nachbar», mahnte 
jetzt eifrig der Schulze, »wir sind nicht im Stande, 
Euch vor dem Zorn und der Rache des fremden 
Volkes zu schützen. Fort, fort", als dieser zauderte, 
»Ihr habt keine Minute zu verlieren«, und drängte 
mit starkem Arm ihn zur Flucht. 
Und in der That, es war die höchste Zeit; den» 
als der Offizier von dem Tode seines Lieblings sich 
überzeugt hatte, sprang er mit einem fürchterliche» 
Fluche vom Boden auf und riß den Pallasch aus der 
Scheide, um den Thäter zu strafen. Auch die anderen 
Reiter zogen blank, und es sammelten sich bei dem 
weithin schallenden Rufen und Schreien immer mehr 
Franzosen um die Linde. Nun gab es ein Wälsche» 
lind Parliren, ein Zetern und Toben und Klirren 
mit den Säbeln, daß wohl alle, die versammelt wäre», 
mit Schrecken auf den Ausgang sahen. Und in wil 
der Aufregung schrien die Reiter durcheinander: Wo 
ist der deutsche Hund, daß wir ihn massacriren! 
Aber keiner von den Bauern gab Antwort, keiner 
von den Feinden hatte den Flüchtling gesehen. Er 
war eilends durch ein Seitengäßchen gesprungen und 
hatte seinen Weg quer über das Feld dem nahen 
Walde zu genommen. Ohne noch weiter zu fragen, 
stürzten die Reiter auf das Schulhaus zu; jede Stube, 
jede Kammer, der kleinste Raum vom Boden bis 
zum Keller, Scheuer und Stall ward durchsucht, 
aber alle Nachforschungen blieben natürlich vergeblich- 
Und meine Großmutter, eine noch rüstige und berz- 
hafte Frau, konnte mit gutem Gewißcn sagen, daß 
sie von dem Verschwinden und dem Aufenthalte ihres 
Mannes auch nicht das Geringste wiße. Aber jetzt 
sollte ihr jüngster Sohn Jakob, ein frischer, kräf 
tiger Knabe von 15 Jahren, der von vielen Geschwl-
	        

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