Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Wie ein Sonnenstrahl fuhr es bei' diesen Worten 
des ehrlichen Bauern über das Antlitz des milden 
Mannes, und seine Lippen zitterten vor innerer Bewe 
gung. Und wie sie so dastanden, die beiden, der 
Professor und der Bauer, und hielten sich wie alte 
Bekannte die Hände umfaßt, da war's für einen jeden 
ein heiliger und feierlicher Augenblick, den wohl keiner 
von ihnen in seinem Leben wieder vergessen hat. 
Sie hatten sich beide — verstanden. 
Der Kirchenschlüßel. 
Es steht ein lieber, frenndlicher Greis mir noch 
"> frischer Erinnerung, und sein Andenken wird, so 
iange ich lebe, nicht aus meinem Herzen weichen. 
Ein schwarzes Sammetmützchen bedeckte sein silber 
weißes Haupt, und unter der hohen Stirn leuchteten 
»wei helle Augen, aus denen mehr Güte und Wohl 
wollen, als Ernst und Strenge blickten. Manches 
3ahr lag schon hinter ihm, aber seine Gestalt war 
»och ungebeugt, und mit Kraft und Rüstigkeit verrich 
te er immer noch sein schweres Tagewerk. Gar 
oftmals hat er mich, sein Enkelkind, auf den Knieen 
geschaukelt, das ABC mich gelehrt und mir die Hand 
üun Schreiben geführt. Und wie lauschte ich seinen 
Worten, wenn er mir aus der heiligen Geschichte 
von den Männern Gottes erzählte, von Noah, Abra 
ham und Moses, und von dem Hirtenknaben David, 
oer den Löwen und Bären schlug und den gewaltigen 
miesen Goliath, und von dem Jesuskinde, das zur 
Erde herniedertäm in der Nacht, da die Engel sangen: 
Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und 
os>' Menschen ein Wohlgefallen. Auch aus seinem 
^!t>vegten Leben, das mit in jene Zeit der fran 
zösischen Schreckensherrschaft und der tiefen Erniedri- 
?ung, aber auch der glorreichen Erhebung des deut 
en Vaterlandes fiel, machte er mich mit manchen 
Begebenheiten bekannt, die meistens nicht heiterer, 
vielmehr oft gar ernster Natur waren. Noch sehe 
^ ihn, wie er Sonntags in kurzer manchesterner Hose, 
leidenen Strümpfen und Schnallenschuhen und mit 
oinem großen Schlüße! in der Hand zur Kirche ging, 
|* m die heiligen Räume zu öffnen und alles zu ordnen 
Kr Abhaltung des sonntäglichen Gottesdienstes. Denn 
Kein Großvater war Lehrer in dem Dorfe, wo ich 
as Licht der Welt erblickte, und hatte außer den 
Verrichtungen, die ihm als Kantor und Küster ob 
igen, auch noch die Verpflichtung, an jedem zwei 
te Sonntage den Gottesdienst selbstständig zu leiten, 
a der Pfarrer bei seinem ausgedehnten Kirchspiel 
nicht alle Filialgemeinden allsonntäglich mit der Ver 
kündigung des göttlichen Wortes versorgen konnte. 
Und diesen Theil seines Berufes pflegte mein Groß 
vater mit aller Liebe und Hingebung in Einfalt des 
Herzens, und darum gelang es ihm auch, wenn er 
mit seiner lauten, wohlklingenden Stimme den aus 
gewählten Bibelabschnitt und die daran sich schließende 
Auslegung und Betrachtung vorlas, die Herzen seiner 
Gemeindeglieder zur Andacht und Erbauung zu führen. 
Außerdem wachte er mit treuer Sorgfalt über 
das Gotteshaus und den um dasselbe sich hinziehen 
den und mit einer Mauer umgebenen Kirchhof, der 
nach alter Sitte die Gräber der Verstorbenen mit 
den einfachen, schlichten Leichensteinen in sich schloß. 
Daneben erfuhr auch die Dorflinde, welche zwischen 
her Kirchhofsmauer und dem Schulhaus auf einem 
freien Platze stand, seine besondere Aufmerksamkeit. 
Es war aber auch ein herrlicher, prächtiger Baum, 
diese Linde. Während sein mächtiger Stamm weithin 
seine starken und knorrigen Wurzeln in das Erdreich 
streckte, erhob sich sein Wipfel licht und stolz zum 
blauen Himmel. Die zahlreichen Aeste waren in vier 
über einander sich erhebende und nach oben immer 
kleiner werdende Bogen künstlich gezogen; der untere 
Bogen aber ruhte auf acht hölzernen Pfosten und 
bildete ein weites, gegen Sonne und Regen schützendes 
Dach. Rings um den Stamm lief noch ein steinerner 
Sitz, der nach den Mühen des heißen Sommertages 
in schattiger Kühle zum Ausruhen und zur Erholung 
einlud. Niemals zweigten sich die Aeste des Baumes 
wirr durcheinander oder dehnte sich sein Blätterkleid 
ungebürlich aus, immer gaben Scheere und Meßer 
ih»n ein schmuckes, zierliches Aussehen. 
Gleichwie Seele und Leib, Geist und Körper 
unzertrennlich mit einander verbunden sind, so gehören 
auch, möchte ich sagen, in jedem Dorfe Kirche und 
Linde aufs engste zusammen. Denn wie die Kirche 
hinauf zum Himmel zeigt und die Güter des ewigen 
Lebens pflegt, so weiset die Linde herab auf die Erde 
und pflegt die irdische Seite des menschlichen Lebens. 
Sie ist für Jeden im Dorfe ein wichtiger, bedeu 
tungsvoller, geliebter Baum, ist wie das Gotteshaus 
mit seinen Erinnerungen verwachsen. Die Linde hat 
wohl manchen Tauf- und Brautgang gesehen, aber sie 
ist auch wieder Zeuge gewesen von so manchem Grab 
geleite; bald hat sie die Männer versammelt zu ernster 
Rede und sorgender Berathung, bald zu Luit und 
Freude, zu Scherz und Fröhlichkeit; alle im Dorfe, 
Männer und Frauen, Bursche und Mädchen, Jung 
und Alt haben unter ihr geseßen und bald den rau- 
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