Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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aus dem kleinen Burschen ein gelehrter, und was noch 
mehr werth ist, ein frommer Mann. An der Uni 
versität zu Leipzig wurde er Professor, und hier that 
sich ihm ein großes Feld auf, durch Wort und Schrift, 
durch Lehre und Beispiel Vieler Herzen zum Guten 
zu führen und die Ungläubigen zu bekehren zu der 
Klugheit der Gerechten. Aus seinem Lehrzimmer und 
seiner Studierstube fanden seine Lieder, Erzählungen 
und Fabeln den Weg in alle deutschen Lande und 
noch weit hinaus über die Grenzen des lieben Vater 
landes. Da, wo er lehrte, versammelte sich Jung 
und Alt, um ihn zu hören und von ihm zu lernen, 
und von Nah und Fern dankte man ihm mit Worten, 
Briefen und Geschenken für die guten Vorsätze, die 
er befestigt, für die Herzensumwandlung, die er be 
wirkt, kurz für die schönen und heiligen Lehren, die 
man aus seinen Schriften und Vorträgen gezogen und 
mit fortgenommen habe. Sein Name war bald in 
Aller Munde und der Professor Gellert der Lieb 
ling des Volkes. Die angesehensten Personen suchten 
ihn auf, um ihm ihre Hochachtung zu bezeigen, und 
auch Friedrich der Große, der eben nicht viel auf die 
deutschen Gelehrten hielt, versagte es sich nicht, den 
gepriesenen Dichter zu sich zu rufen und sich lange 
mit ihm zu unterhalten. Bei aller äußeren Ehre aber, 
die ihm widerfuhr, blieb er stets bescheiden und voll 
Demuth, und das »Wohlzuthun und Mitzutheilen« 
der heiligen Schrift vergaß er keinen Augenblick seines 
Lebens. Was er verdiente oder was ihm von seiner 
knapp zugemessenen Besoldung übrig blieb, gab er den 
Armen und Kranken, und hatte er nichts mehr zu 
geben, so ging er zu Andern und mit seiner Fürbitte 
kam er selten leer nach Haus. Besonders hatten seine 
geistlichen Lieder, die er aus einem frommen und 
gläubigen Herzen gesungen, einen weiten Wiederhall 
in dem deutschen Vaterlande gefunden, und wer ge 
denkt nicht heute des frommen Dichters noch mit Dank 
und mit Freude, wenn er in der Kirche »Wie groß äst 
des Allmächt'gen Güte«, oder »Wenn ich, o Schöpfer, 
deine Macht«, oder »Auf Gott und nicht auf meinen 
Rath« mitsingt und in Andacht sein Herz daran 
erquickt und erbaut. Unter den Bauern — und das 
wollte ich hier gerade sagen — war aber Gellert 
auch ein guter Bekannter und man hielt ihn da hoch 
und werth; denn da hatte er manchmal den Nagel 
auf den Kopf getroffen und einem in das Gewissen 
geredet, daß der vor sich selbst erschrak und seinen 
Hochmuth und seine Unzufriedenheit, seinen Geiz und 
seine Mißgunst fahren ließ und stille wurde und in 
seinem Gott vergnügt. 
Einst, so wird erzählt, hatte der Bauer Wer 
ner — wo, das thut zur Sache nichts — den schö 
nen Spruch von Gellert gelesen: 
Genieße, was dir Gott beschieden, 
Entbehre gern, was du nicht hast; 
Ein jeder Stand hat seinen Frieden, 
Ein jeder Stand hat seine Last. 
Das schlug ein. Von Stund' an wurde der Bauer 
ein anderer; er hatte keinen Groll mehr auf seinen 
Nachbar Peter, daß der Dorfschulze war, auch war 
ihm jetzt nicht mehr seine Scheuer zu klein, und sei» 
Vieh erschien gerade so gut gehalten, als das der 
Andern im Dorfe auch. Und seine Frau , die Mar 
garethe, konnte sich nicht genug wundern, daß der 
Mann gar nicht mehr so knutterig war, wie vordem. 
Wie stieg aber ihr Erstaunen, als er eines Morgens 
in seinem blauen Sountagsrock vor sie trat, mit der 
Peitsche in der Hand, und sprach: »Ich fahre in die 
Stadt; der Gellert hat mir's angethan; draußen habe 
ich ein schön Stück Holz ans dem Wagen, dawnt 
will ich ihm zeigen, daß unser eins auch noch das 
Herz auf dem rechten Fleck hat.« Gesagt, gethan- 
Und wie lustig das zum Hofe hinausging und wie die 
Räder über den gefrornen Schnee knatterten, denn 
es war kalt, und der Bauer dachte, dem Herrn 
Professor käme das Holz zu solcher Jahreszeit recht 
zu Paß. In wenigen Stunden war die Stadt erreicht 
und das Haus, wo Gellert wohnte, auch bald gefun 
den. Ohne erst zu fragen und sich lange zu besinnen, 
machte sich der Bauer an das Abladen, und wie das 
Hol; auf dem Hofe durcheinander polterte, trat de> 
Diener — oder wie ein solcher damals bei einem 
Professor hieß — der Famulus Gellerts in die 
Thüre und fragte voll Verwunderung, wem das Holl 
gehöre. 
»Dem Professor Gellert. Wem anders?« war 
die Antwort des Bauern. 
»Der hat aber keins gekauft!» erwiderte der Fa 
mulus. 
„Thut auch nichts!« entgegnete der Bauer. 
soll's doch haben!« und dabei leerte er den Wagon 
bis aufs letzte Scheit. 
Und nicht lange, so stand der Bauer vor dein 
frommen Dichter selbst und sagte ihm unter derboi 
Händedruck, wie er durch seine Schriften von bo>e^ 
Wegen abgebracht worden sei, und wie er nicht an 
ders gewußt habe, ihm seinen Dank abzustatten, a 
durch das Fuder Holz, bei dem auch nicht ein Scho 
an einer guten Klafter fehle.
	        

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