Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

81 
eines sagte zum andern: Sieh doch, wie der Mann 
dort gar so traurig und verstört aussieht; und sie 
blieben in seiner Nähe stehen. Sie hörten jetzt, daß 
ein Bekannter ihn fragte, was er da thue, und erfuh 
ren hierdurch seine Noth. Sie besprachen sich nun 
mit einander, boten auf den Schubkarren und erhielten 
ihn zu etwa 3 Thlr. zugeschlagen. Jedermann ver 
wunderte sich und lachte, daß so vornehme Frauen 
zimmer einen Schubkarren kauften. Sie erlegten so 
gleich d».s Geld und sagten dem Manne, er möge 
ihnen den Schubkarren heimfahren, sie würden ihn 
besonders dafür bezahlen. Er bat sie aber dringend, 
das sitzt nicht zu verlangen, weil er ein Geschäft 
habe, wovon Tod und Leben abhänge; er wolle nämlich 
geschwind etwas zu eßen kaufen für seine Familie. 
Da sie jh„ nun fragten, wo er wohne, sagten sie, 
er mache keinen Umweg, gerade dahin solle erfahren, 
iliun that er es. Doch mußte er auf dem Wege 
anhalten, bis seine Begleiterinnen Kartoffeln, Brot 
"ad Holz und einen Topf voll Reis gekauft und auf 
den Schubkarren geladen hatten. Als sie an die 
Wohnung des Mannes kamen und er meinte, er 
werbe noch weiter fahren müßen, nahm er seinen Hut 
ab und sagte: „Erlaubet mir, daß ich einen Augen 
blick da einkehre.« 
Die Fräulein gingen ihm nach in die Stube und 
iahe» nun das entsetzliche Elend. Die Frau lag wie 
lobt am Boden und der Knabe, rief: „Mutter, gib 
"sie zu eßen, gib mir zu eßen.» Der Mann meinte, 
me Frau sei todt, und fing bitterlich zu weinen an. 
«"ein eins der Fräulein gab ihm Geld, um Wein 
holen. Sie goßen der Frau etwas von dem stär 
kenden Tranks ein, machten Feuer im Ofen und gaben 
dem Knaben zu eßen. Und der Knabe aß und schaute 
holder Freude seine Gcberinncn an; die Frau 
aber kam bald wieder zu sich. Nun erst sagten sie 
sein Manne: „Der Schubkarren und alles, was drauf 
m, gehört Euch, und Ihr sollt kein solches Elend 
mehr leiden. Wir wohnen da und da, kommt nur 
miemal hin, wenn Ihr an dem Nöthigen Mangel 
babt.„ Dem Manne war es, als könnte er nicht 
gmuben, was er hörte, und konnte kein Wort her 
anbringen, sondern nur Thränen des Dankes und 
b» Freude weinen. 
q. Für das kranke Kind aber versprachen sie einen 
. nzt zn schicken, und gingen dann fort und redeten 
^"go auf dem Wege nichts mit einander, weil beider 
„-ttlen zu tief bewegt waren. Aber später sagte die 
andern: „Es gibt doch keine größere Freude, 
^ so ein Helfer in der Noth zu sein.„ 
Auch die Gäste des Schusterkonrads blieben eine 
Zeit lang ernst und schweigend. Dann aber nahm der 
Bachkaspar das Wort und sprach: „Können wir denn 
nicht, was die beiden Mädchen gekonnt haben? Diese 
Geschichte mahnt uns laut und eindringlich: Gehet 
hin und thuet desgleichen. Fehlt es uns denn an dem 
Nöthigen? Haben wir nicht Betten und Holz, nicht 
Fleisch und Brot? Und nimmt jeder etwas von dem 
Seinigen und gibt es dahin, wo die Armuth darbt, 
so retten wir den Lindenschmidt ans großer Noth und 
vielleicht vom Tod. Und gleich diesen Abend noch 
müßen wir ihm für eine warme Stube sorgen und für 
ein ordentlich Bett.» „Brav gesprochen, Kaspar,« 
rief der Schusterkonrad, und reichte ihm mit lachen 
dem Auge die Hand. „Mich deucht, und ich glaub', 
ich irre mich nicht, bei dem Lindenschmidt ist nur 
Hunger und übermäßige Anstrengung die Ursache der 
Krankheit. Hört der Mangel auf, so kehrt auch seine 
Heiterkeit wieder zurück und mit der Heiterkeit seine 
Kraft. Ja Freunde , gehet hin und thut desgleichen.« 
Und sofort gingen die Versammelten an das Sama 
riterwerk, und die andern, die davon hörten, wollten 
nun auch nicht hinter ihren Nachbarn zurückbleiben. 
Mit den reich gespendeten Gaben kam ein nie gese 
hener Wohlstand in des Lindenschmidts Haus. Und 
was der Schusterkonrad vorher gesagt hatte, traf ein. 
Der Kranke genas wieder zur Freude seiner Frau 
und Kinder, und nach nicht langer Zeit konnte der 
junge Mann mit gestärkter Kraft wieder das Weber 
schiff und die Holzaxt schwingen. 
Gellert und der Bauer. 
Es war de» 4. Juli im Jahr 1715, da wurde 
dem Pfarrer Gellert zu Hahnichen im sächsischen 
Erzgebirge zu seinen vielen Kindern noch ein Söhnlein 
geboren, und selbiges empfing in der heiligen Taufe 
den schönen Namen Christian Fürchtegott. Der 
kleine Gellert hatte von Natur einen zarten und schmäch 
tigen Körper; und die Stelle des Vaters war auch 
nicht dazu geeignet, daß den vielen Essern das Brot 
noch einmal so groß in die Hand geschnitten oder so 
ohne Sorgen den dreizehn Kindern Kleidung und 
Unterricht herbeigeschafft werden konnte. Aber in dem 
zarten Knaben steckte ein mächtiger Geist; der ließ sich 
durch kein Hinderniß niederhalten und brach sich Bahn 
zum Weiterkommen. Mit unermüdlichem Fleiß arbei 
tete er Tag und Nacht, und durch Abschreiben im 
Hause oder auf dem Amte verschaffte er sich die 
Mittel, um etwas Richtiges zu lernen, und so ward
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.