Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Wachtel. Zu ihm kommt endlich der Nachbar, und 
sagt: Freund, begreift Ihr nicht, daß mir Euer 
Lärmmacher, Euer Tambour da, sehr ungelegen sein 
kann, wenn ich Morgens noch ein Ständlein schlafen 
möchte, und daß Ihr Euch unwerth macht bei der 
ganzen Nachbarschaft?" — Ihm erwiederte der Nach 
bar: "Ich begreife das Gegentheil. Jst's nicht aller 
Ehren werth, daß meine Wachtel der ganzen Nachbar 
schaft den Morgen umsonst ansagt, die Gesellen weckt, 
auch sonst Kurzweil macht, und ich trage die Atzungs 
kosten allein?« Als alle Vorstellungen nicht verfangen 
wollten, und die Wachtel immer früher schlug und 
immer Heller, kommt endlich der Nachbar noch einmal 
und sagt: "Freund, wär' Euch Eure Wachtel nicht feil?-- 
Der Nachbar sagt: »Wollt Ihr sie todtmachen?-- 
«Das nicht,-- erwiederte der Andere. »Oder fliegen 
lassen?-- — »Nein, auch nicht.-- — --Oder in eine 
andere Gasse stiften?« — «Auch das nicht, sondern 
hier vor mein Fenster will ich sie stellen, damit Ihr 
sie auch noch hören könnt alle Morgen.-- Der Nachbar 
merkt nichts, denn er war nicht der Klügere von 
beiden. Ei, dachte er, wenn ich sie vor deinem 
Fenster umsonst hören kann, und bekomme noch Geld 
dazu, so ist's besser. »Ist sie Euch ein Zweigulden 
stück werth? -- fragte er den Nachbar. Der Nachbar 
dachte zwar, es sei viel Geld, doch sollt's ihm nicht 
verloren sein, und noch in der nämlichen Stunde 
wurde die Wachtel umquartiert. 
Am andern Morgen, als sie ihren vorigen Besitzer 
aus dem Schlafe erweckte, und er eben denken wollte: 
Ei, meine gute Wachtel ist auch schon munter! — 
halbwegs des Gedankens fällt's ihm ein: Nein, es 
ist meines Nachbars Wachtel. — »Das undankbare 
Vieh, sagte er endlich am dritten Morgen, ein Jahr 
lang hat sie bei mir gelebt und gute Tage gehabt, 
und jetzt hält sie es mit einem Andern, und lebt mir 
zum Schabernack. Der Nachbar sollte verständiger 
sein, und bedenken, daß er nicht allein in der Welt 
ist, wenigstens nicht allein in der Stadt.« Nach 
mehreren Tagen aber, als er es vor Verdruß nimmer 
aushalten konnte, redete er hinwiederum den Nachbar 
an: »Freund,-- sagte er, --Eure Wachtel hat in der 
vergangenen Nacht wiederum kurzen Schlaf gehabt.-- — 
"Es ist ein braver Vogel,-- erwiederte der Nachbar, 
--ich habe mich nicht daran verkauft.« — --Er ist recht 
brav worden in Eurem Futter -- fuhr Jener fort. — 
"Was verlangt Ihr Aufgeld, daß er Euch wieder 
feil werde?-, Da lächelte der Andere und sagte: 
"Wollt Ihr sie vielleicht todt machen?« — »Nein.« — 
»Oder fliegen lassen?» — »Das auch nicht.« — 
»Oder in eine andere Gasse vermachen?« — »Auch 
das nicht. Aber an ihren alten Platz will ich sie 
stellen, wo Ihr sie ja eben so gut hören könnt, wie 
an dem jetzigen.« — »Freund,« erwiederte ihm hierauf 
der Nachbar, »vor Euer Fenster kommt die Wachtel 
nimmermehr, aber gebt Ihr mir meine zwei Gulden 
wieder, so lasse ich sie fliegen.« Der Nachbar dachte 
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bei sich: »Wohlfeiler kann ich sie nicht los werden, 
als für sein eignes Geld.» Also gab er ihm die 
zwei Gulden wieder, und die Wachtel flog. 
Der geneigte Leser wolle hieran gelegentlich er 
kennen, wenn er es nöthig hat, was für ein großer 
Unterschied es sei, ob Etwas vor dem eigenen Fenster 
und in dem eignen Haus geschieht, oder in einem 
anderen; ferner — denn es braucht keine Wachtel 
dazu — ob Einer in einer Gesellschaft selber pfeift 
und auf den Tisch trommelt, oder ob ein Anderer 
es anhören muß; item: ob Einer selber bis Nachts 
um 10 Uhr eine langweilige Geschichte erzählt, und 
ob ein Anderer dabei sein, und von Zeit zu Zeit sich 
verwundern und Etwas dazu sagen muß, gleich als 
ob er Acht gäbe; item ob der Nächste dir ein Unrecht 
zufügt oder du ein Unrecht dem Nächsten. Im letzten 
Falle frage dich einmal: Hat da nicht öfters dein 
eigenliebiges Ich mit Junker Alexander in jener 
Gellert'schen Geschichte vom Junker und vom 
Bauer alsbald gesprochen: »Halt, Bauer, das ist 
ganz was anders!-- Spricht aber der Mund der ewigen 
Wahrheit und Gerechtigkeit ebenso? —Nein, sondern: 
»Alles, das ihr wollt, das euch die Leute 
thun sollen, das thut ihr ihnen!« (Mth. 7,12.) 
Pfarrer Henke in Duisburg. 
Der Pfarrer Henke hatte eine sehr schlechte 
Stelle, aber eine sehr gute Stellung, und war ein 
gesegneter, hochbegnadigter Herold des Evangeliums, 
zu welchem von weit und breit her heilsbegierige Seelen 
in die Kirche gingen. Eines Tages trifft er einen Land 
mann, der ihm frendig die Hand reicht, für viele 
Erbauung, die er durch ihn empfangen, herzlich dankt 
und hinzusetzt) „Es thut mir nur leid, daß ein solcher 
Mann auf einer solchen Hungerleiderstelle leben muß, 
wie Ihre Pfarrei ist." 
Henke erwiedert nichts und geht mit dem Manne 
weiter. „Also das ist Euer Hof?" — „Ja." — 
„Und das Euer Feld?" — „Ja." — „Und diese 
wundervollen Wiesen gehören Euch auch, sammt dem 
schweren Vieh darinnen?" — „Alles mein", erwiedert 
der Bauer. — „So sagt mir denn", entgegnete Henke, 
„wie ist es möglich, daß ein so reicher Mann, wie 
Ihr seid, seinen Knechten nicht satt zu essen geben 
kann, wie mir von Euch kund geworden ist?" 
Nun aber heißt es einen Bauern an seiner empfind 
lichsten Stelle berühren, wenn man ihm vorwirft, 
er gebe seinen Leuten nicht satt zu essen. „Herr," 
ruft der Gefragte aus, und das rr schnarrt noch 
einige Takte nach, wie das Rollen eines Donners, 
„wer ist der Mensch, der solche Dinge von mir gesagt 
hat, — er soll's beweisen vor Gerichte, oder ich 
werfe ihm einen Jnjnrienproceß an den Hals, von 
dem Kindeskinder reden sollten!"
	        

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