Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Psalmen 24, 25 und 26, Iesaias 53, Johannes 14, 
15, 16 u. 17, Römer 5 ff. Als sie geendet hatten, 
sprach der Sterbende vernehmlich: „Ich habe stets 
vor mir den Spruch Johannis von dem Sohn Gottes, 
meinem Herrn Jesu Christo: „Die Welt nahm ihn 
nicht auf, wie viele ihn aber aufnahmen, denen hat 
er Macht gegeben, Gottes Kinder zu werden, allen, 
die an seinen Namen glauben." Dann betete er leise 
vor sich hin. Die Professoren, welche an diesem 
Nachmittage zu lesen hatten, stellten ihre Vorlesungen 
ein und forderten die Studenten zum Gebete auf. 
Es ging eine theilnehmende Bewegung durch ganz 
Wittenberg, allgemein war die Trauer. Drinnen 
im Hause lag Melanchthon im Todeskampfe. Er 
antwortete fast nichts, wenn man ihn fragte, doch 
war er Lei vollem Bewußtseyn. Als ihn sein Schwie 
gersohn fragte, ob er etwas begehre? antwortete er: 
„Nichts als den Himmel, darum laßt mich 
mit solchen Fragen hinfort zufrieden." — Als man 
sah, daß er dem Ende zugehe, sank der Pfarrer auf 
die Kniee, betete gar tröstlich für den Sterbenden, 
alle Anwesenden aus den Knieen beteten ihm nach. 
Besonders die Sprüche, die ihm im Leben lieb 
gewesen waren, aus Joh. 15, 16, 17, sowie Röm. 8, 
wurden jetzt gesprochen. Es war 6 Uhr Abends, 
er lag ganz still, da erhob sich ein Diakon und sprach 
über ihn den Segen. Der Doctor und Professor 
Veit W i n d h e i m rief ihm die Psalmworte zu: 
„In Deine Hände befehle ich, Herr, meinen Geist, 
Du hast mich erlös't. Du getreuer und wahrhaftiger 
Gott", und auf die Frage, ob er es höre? ant 
wortete er Allen vernehmbar: „Ja!" Jetzt sprach 
der Diakonus den Glauben und das Unser Vater, 
und dreimal die Worte: „Herr Jesu Christe, in 
Deine Hände befehle ich meinen Geist!" Beim 
dritten Male regte der Heimfahrende die Lippen, 
es war, wie wenn er betete; mehr als 20 Personen 
waren zugegen. Gerade Abends 7 Uhr ging er 
heim zu seinem lieben Herrn Jesu Christo, den 
er stets mit Herz und Mund gelobet und gepreiset 
hat. Bei dem hat er nun auch ohne Zweifel ewige 
Freude und Herrlichkeit sammt allen Auserwählten. 
Zu der helfe uns Jesus Christus, der Sohn 
Gottes, allen miteinander auch gnädiglich und ver 
leihe uns ein seliges Stündlein und einen fröhlichen 
Abschied zu seiner Zeit, wenn es ihm gefällig ist. 
Amen! So wünscht der alte Bericht der Universität 
Wittenberg, und wer möchte nicht von Herzen das 
mitwünschen? 
Die Nachricht von dem tödtlichen Hingange des 
theueren Lehrers verbreitete sich rasch durch die Stadt. 
Die Studenten kamen in großer Anzahl, ihn zu 
sehen. Keine Entstellung im Gesichte, keine Ver 
änderung der Züge war eingetreten, es war noch 
das alte, liebe Melanchthons-Antlitz. Auch eine 
Menge anderer Menschen strömte herbei. Manche 
berührten sein Haupt, Andere nahmen seine Hand und | 
drückten sie, wieder Andere küßten ihn unter Thränen. 
Die Eltern brachten ihre Kinder, daß sie einst sagen 
könnten, was das für ein Mann gewesen. 
Am 21. April fand die Beerdigung Statt. Paul 
Eber hielt die Leichenpredigt aus 1. Thessal. 4. 
In der Schloßkirche, nicht weit von Luthers Grab, 
senkte man die entseelte Hülle in die Gruft. 
Noch jetzt sieht man Melanchthons Grab. Wir 
bitten aber Gott von Herzen, daß er die Tage er 
neuern wolle, wie vor Alters, und sich eine ewige 
christliche Kirche unter dem menschlichen Geschlechte 
sammeln und erhalten wolle, durch seinen lieben Sohn 
Jesum Christum, unsern Herrn und Heiland. 
(Nach Carl Friedrich Ledderhose.) 
Die abgelehnte Bürgschaft. 
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Ein schlichter Landgeistlicher, der allein an einer 
großen Gemeinde arbeitet, und sich nicht begnügt mit 
Predigen und Kinderlehrhalten, sondern fleißig in 
seiner Gemeinde umhergeht. Kranke besucht, Traurige 
tröstet, Nothleidenden hilft und guten Rath ertheilt, 
wo er darum angegangen wird, sitzt nachdenkend in 
seinem Studierstüblein und neben ihm ein bekümmerter 
Handwerksmann. "Wirklich,« spricht wiederholt der 
Pfarrer, "ich kann Euch jetzt nicht helfen, denn ich 
habe so viel Geld nicht vorräthig.« »Ach!« seufzt 
der Arbeiter, "wie soll's dann gehen? Die reichen 
Bauern leihen mir nichts auf eine Handschrift, die i 
sprechen immer gleich von gerichtlicher Schuldverschrei- j 
bung, und das möchte ich nicht gern, weil das Gericht 
nichts umsonst thut und weil ich hoffe, das Geld in 
höchstens zwei Jahren wieder zurückgeben zu können.« 
»Halt!« rief erfreut der Pfarrer, »da kommt mir 
ein guter Gedanke. Da ist unser wackerer B., der 
nicht nur in seiner Wirthschaft ein Muster für alle 
Landwirthe ist, sondern in jeder Beziehung als ein 
gutes Beispiel vorangeht, der wird Euch helfen. Ich 
will an ihn schreiben und mich für Euch verbürgen.« 
Wer war froher, als unser bedrängter Handwerker. 
Der Pfarrer schrieb an den Landwirth, theilte ihm 
genau die bedrängten Umstände des Mannes mit und 
fügte schließlich bei, daß er sich für die Summe von 
100 Thalern nebst Zinsen verbürge. Der brave B. 
ließ nicht lange auf sich warten. Er schrieb in seiner 
einfachen Weise: »Der Mann soll das Geld haben, 
aber nur unter der Bedingung, daß Sie, lieber Herr 
Pastor, nicht Bürge werden; denn ein Pfarrer, der 
2400 Seelen auf dem Gewissen hat, soll sich nicht 
auch noch mit einer Bürgschaft beschweren." 
Die Wachtel. 
Zwei wohlgezogene und ehrbare Nachbarn lebten 
sonst miteinander immer in Frieden und Freundschaft, 
jetzt zwar auch noch, aber einer von ihnen hatte eine
	        

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