Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Einige Bemerkungen über, das Dörren des Obstes. 
Wie oft ist ein gesegnetes Obstjahr Hilfe in der Noth, 
wenn eine ärmliche Getreide-Ernte voranging, wie mancher! 
wissen Brot wird erspart, wenn die Hausfrau die lachenden 
Aepfel oder Birnen, die süßen Zwetschen in den Zwischen 
stundenvertheilen kann! Wie gering achtet man oft die kost 
bare Baumfrucht in Jahren, da alle Zweige sich schwerbe 
lastet zur Erde biegen, und wie sehnt man sich in Jahren 
darnach, wo kaum ein Apfel verborgen in den Zweigen sitzt, 
kaum eine Zwetsche sich herabschütkeln läßt! — Und doch, 
wie leicht vermögen wir Mangel und Ueberfluß auszugleichen, 
wenn jede Hausfrau auch nur den eigenen Bedarf an Dörr 
obst für 1 bis 2 Jahre sammelt, hält es doch, gut getrocknet 
und gut aufbewahrt 6 bis 8 Jahre trefflich aus, und welche 
zuträgliche Speise für Kranke, welch treffliche Zuthat zu Mehl- 
und Fleischspeisen gewähret es! Wir dürfen bei der Wichtig 
keit der Sache daher wohl einen Augenblick bei dem Verfahren 
verweilen, gutes Dörrobst zu bereiten. Die hauptsächlichsten 
Erfordernisse sind: 
1) Gut ausgereiftes, gesundes, wurmfreies 
und schönes Obst. — Geringes, unreifes lohnt nicht die 
Mühe und Kosten, obschon man oft meint,' zum Dörren 
sei Alles recht. 
2) Paffende Sorten. Von Aepfeln und Birnen wählt 
wan die süßsäuerlichen am liebsten. 
3) Das Obst darfnur neben, nicht über einander auf die 
Horden gelegt werden und zwar mit dem Stielende nach oben. 
4) Der Dörrofen muß angemeffen sein, das heißt, man 
wuß Lust einströmen lassen können, die heiß über das Obst 
geht und mit dem Dampf des Obstes wieder fortzieht. Ohne 
Ableitung dieses feuchten Qualms findet kein Dörren Statt. 
Zmweise ist dieser Qualm nöthig, daher muß man ihn auch 
zusammenhalten können. Circulationsröhren mit Schiebern 
und bei besondern Dörröfen am besten dazu. Mangeln be- 
lonbere Dörreinrichtungen, so genügt der vorhandene Back 
ofen, Bratofen oder ein Holzkastenaufsatz über dem Herd. — 
Andringen von Rauch in die Oefen muß natürlich ganz ver 
ändert werden. 
. 5) Für Kernobst muß der Ofen Kochhitze haben, damit 
Dieses nach dem Einschieben siedet. Alsdann hält man die 
Me auf nur 40—50°. Steinobst wird dagegen bei geringer < 
eingesetzt, bis es am Stiele eingeschrumpft ist; alsdann 
kommt es in den heißen Ofen. 
Obst ist hinreichend dürr, wenn beim Druck mit 
Nagel kein Saft mehr hervortritt, stärkeres Dorren 
?^et dem Wohlgeschmack. 
^// Hierauf muß das.Obst sogleich aus dem Ofen, darf 
^ n erkalten, muß vielmehr an einem trockenen Orte rasch 
Jv* l en ""d darf erst nach 2—3 Tagen aufbewahrt oder 
verpackt werden. 
bJP* jf* bekannt, daß Mühe und Holzaufwand im Preise 
dipä .orrobstes nicht immer gehörig bezahlt werden, allein 
* kst eben nur bei geringerem Dörrobst der Fall, besonders 
g ^bhandeltes steht immer viel höher im Preise. Kosten 
für r !$ e dürre Zwetschen 8 kr. per Pfd., so zahlt man 
7* immer aus Frankreich kommende) französische 
^ Er.! Wir wollen deshalb einige besondere Be 
handlungsweisen kennen lernen: 
vorzüglich große Reinlichkeit der Geräthe und Abwischen 
der Messer anzurathen, 
b) Aepfel lassen sich auch gut ganz trocknen. Man 
schält sie nur und stößt das Kernhaus mit einem kleinen 
Hobleisen aus, oder läßt selbst dieses im Apfel. Solche ganze, 
gedörrte Aepfel haben gekocht ein sehr schönes Ansebn, sind 
deshalb sehr beliebt und werden gut bezahlt. Man trocknet so die 
kleinen Apfelsorten, als Borsdorfer, Peppings rc.; getrocknet 
packt man sie eng in Kästchen oder Fäßchen, die mit Papier 
ausgelegt sind. 
c) Die sogenannten Hutzeln werden aus den besten Birnen, 
Geishirtle und andern kleinen Sorten bereitet. Man wäscht 
sie, trocknet sie ab und dörrt sie dann ganz und ungeschält 
wie gewöhnlich. Sie erfordern längere Dörrzeit, sind aber 
sehr wohlschmeckend. 
tl) Französische, plattgedrückte Birnen und 
Aepfel bereitet man folgendermaßen: Man schält sie und 
schneidet den Butzen (Kelch) aus, schont aber den Stiel. 
Nun setzt man sie in einen breiten, irdenen Topf, worin 
fingerhoch Wasser ist, auf die Kelchseite, soviel als sich bequem 
aufsetzen läßt, überdeckt sie mit den Schalen und bringt 
sie mit dem Brot in den Backofen, und mit demselben wieder 
heraus. Alsdann setzt man sie auf Horden, bringt sie in 
den weniger heißen Ofen, bis sie welk sind, drückt sie vor 
sichtig platt und dörrt sie dann noch vollends im Ofen. Sie 
werden wie unter b) angeführt, verpackt und gewöhnlich 
sehr gut bezahlt (per Pfd. 18 bis 24 kr.). 
6) Französische candirte Birnen erhält man durch 
Schälen der ganzen Birnen, Bestreuen der Horden und 
Birnen mit feinem Zucker und Trocknen in mäßig warmem 
Ofen. Vor dem Eindrücken in Schachteln läßt man sie noch 
recht austrocknen. Sie werden sehr gut bezahlt und bei uns 
von manchen Kaufleuten selbst bereitet und als französisches 
Obst verkauft. 
f) Um dürre Zwetschen ohne Steine zu erhalten, drückt 
man diese, sobald die Zwetschen halb dürr sind, aus. Man 
entdeckt dabei leicht, ob etwa eine wurmige auf die Horde 
gekommen ist. Will man bei der Gelegenheit sehr große 
Zwetschen erhalten, so schiebt man in die größern, entstein 
ten — kleinere mit den Steinen ein und dörrt weiter (s. g. 
überzogene Zwetschen). 
g) Pru n ellen, d. h. geschälte und ausgesteinte dürre 
Zwetschen, Pflaumen oder Mirabellen werden erhalten, in 
dem man recht reife, fast am Baume gewelkte Früchte etwa 
V 4 -Stunde in warme Aschenlauge legt, die zerfressene Haut 
dann abdrückt und nun im lauen Ofen etwas abwelken läßt. 
Sofort drückt man die Steine heraus und dörrt nun bei 
stärkerer Hitze auf gewöhnliche Weise. Nachdem sie trocken sind 
und einige Tage gelüstet, verpackt man sie in Schachteln, 
die mit Papier ausgeschlagen sind. — Sie sind äußerst beliebt. 
Alles Dörrobst muß vorsichtig aufbewahrt und beim Ver 
packen sehr reinlich behandelt werden. Man verwahrt es 
am besten in luftig aufgehängten, nicht zu dichten Säcken 
auf, läßt es aber zum Verkaufe nicht zu alt werden, da es 
mit der Zeit viel an Gewicht verliert. 
Man erhält überhaupt dem Gewichte nach aus: 
unh ^wohnlich werden Aepfel und Birnen geschält, geschnitzt 
bas Kernhaus bei ersteren ausgeschnitten. Dabei if 
ist 
6 Pfund frischen Aepfeln 
5 „ „ Birnen 
3-4 „ „ Zwetschei 
4 „ „ Kirschen 
circa 1 Pfund dürre, 
1 „ „ 
1 „ „ 
1 /, //
	        

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