Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

das zu der schweigsamen Wuth des 
Gegensatze steht und bemüht sich seinen Kopf, auf welchen 
die Angriffe zumeist gerichtet sind, demselben dadurch zu 
entziehen, daß es ihn tief unter die Streue und unter seine 
Pfoten verbirgt. Ist einmal dieser erste Wuthausbruch vor 
über, so gibt sich das wüthende Thier n uen Liebkosungen 
hin, auf welche jedoch bald wieder ein neuer Wuthanfall folgt. 
Im Zustande der Freiheit schießt der tolle Hund vor sich 
her und zwar anfangs noch mit ganz unbehinderten Bewe 
gungen; er befällt alle lebende Äesen, die er antrifft, mit 
besonderer Vorliebe aber den Hund, so daß es für den 
Menschen, der sich auf seinem Wege findet, ein glücklicher 
Zufall ist, wenn sich gerade in seiner Nähe ein Hund zeigt, 
an dem das tolle Thier seine Wuth stillen kann. Nicht 
lange jedoch erhält sich der freie Gang des tollen Hundes. 
Erschöpft durch sein Herumschweifen, durch die Wuthaus 
brüche, denen er sich auf dem Wege hingegeben hat, durch 
Hunger, Durst und ohne Zweifel auch durch die Einwirkung 
der Krankheit selbst, wird er nach kurzer Zeit von Schwäche 
der Glieder befallen. Sein Gang verlangsamt sich nun und 
wird wankend, der hängende Schweif, der gesenkte Kopf, 
das offenstehende Maul, aus dem eine bläuliche, mit Staub 
beschmutzte Zunge hervortritt, geben ihm ein ganz eigen 
thümliches Aussehen. In dieser Periode der Wuth ist der 
tolle Hund viel weniger gefährlich, als zur Zeit seiner ersten 
Wuthanfälle. Macht er jetzt noch Angriffe, so geschieht dieses 
nur dann, wenn sich auf der Linie, welche er durchläuft, 
Gelegenheit zur Befriedigung seiner Wuth darbietet. Er ist 
jedoch nicht mehr so erregbar, daß er seine Richtung verließe, 
um einen Menschen oder ein Thier anzufallen, welche ihm 
nicht gerade im Wege stehen. 
Bald erreicht seine Erschöpfung einen solchen Grad, daß 
er genöthiget ist, seinem Laufe Einhalt zu thun. Dann 
kauert er sich in den Straßengräben nieder und bleibt da 
selbst stundenlang tm Zustande krankhaften Schlafes. Wehe 
aber dem Unvorsichtigen, der seinen Schlummer stört! Aus 
seinem dumpfen Hinbrüten erweckt, findet das Thier oft noch 
Kraft genug, um ihn zu beißen. 
Das Ende des tollen Hundes ist immer die Lähmung. 
AuS dieser Auseinandersetzung geht hervor, daß viele, 
ja die meisten durch die Hundswuth verursachten Unglücks 
fälle, welche nur zu häufig Angst, Schrecken und Ver 
zweiflung in der Gesellschaft hervorrufen, darin begründet 
sind, daß die Eigenthümer der Hunde aus Mangel an ge 
nügender Belehrung sich über die ersten Erscheinungen, durch 
welche der Wuthzustand sich zu erkennen gibt, keine Rechen 
schaft zu geben wissen; daß sie aus den Warnungen, welche 
ihnen die unglücklichen Geschöpfe durch unzweifelhafte und 
leicht verständliche Zeichen äeben, keinen Nutzen zu ziehen 
wissen; daß sie mit einem Worte nicht frühzeitig genug jene 
Maßregeln ergreifen, mit deren Hilfe das drohende Unheil 
abzuwenden wäre. In dieser Unwissenheit liegt die haupt 
sächlichste Quelle des Uebels; ihr muß man mit allen Kräften 
entgegen wirken. Zu diesem Zwecke suche man die Erkenntniß 
der Krankheit in die weiteste Kreise zu verbreiten und die 
Aufmerksamkeit des Publikums durch wiederholte Darlegung 
der betreffenden Thatsachen wach zu erhalten. 
Auf diese Weise werden die Vorurtheile, welche hinsicht 
lich der Hundswuth noch so sehr verbreitet sind, allmälig 
verschwinden. Man wird nicht mehr die Wasserscheue als 
ein untrügliches Zeichen betrachten, bei dessen Mangel man 
sich einer vollen Sicherheit hingeben kann; man wird besorgt 
werden, wenn ein Hund sich unaufhörlich und ohne augen 
scheinlichen Zweck hin und her bewegt, wenn er eine ver 
kehrte Freßlust zeigt, der Klang seiner Stimme verändert 
ist, wenn er in den Kundgebungen der Zuneigung gegen 
seinen Herrn das gewöhnliche Maß überschreitet, gegen Lhiere 
seiner Art eine ungewöhnliche Bissigkeit an den Tag legt, 
unter dem Schmerze der ^Züchtigung stumm bleibt u. s. tp. 
Und die Folge dieser Belehrung wird sicher eine Abnahme 
der Wutherkrankungen sein. Möge Jeder sich selbst schützen 
durch die Kenntniß dessen, was zu seiner Selbsterhaltung 
nöthig ist; hierin liegt die beste, die wirksamste Verdauung. 
Unter den polizeilichen Maßregeln gegen die Hundswuth 
empfiehlt sich allein nur das Anlegen von Maulkörben 
für alle Hunde, wenn anders diese Maßnahme streng 
und angemessen gehandhabt wird. 
Der Maulkorb in seiner heutigen Gestalt und Anwendung 
aber ist nur eine Ausflucht, ein Mittel, durch welches man 
sich den Anschein gibt, die Verordnung zu befolgen, indem 
man ihr aus dem Wege geht. 
Es ergibt sich demnach die Aufgabe, um den Kopf des 
Hundes einen Apparat anzulegen, welcher — indem er dem 
Athmen durch den Mund volle Freiheit gewährt — ihn den 
noch verhindern würde, mit den Kiefern anzugreifen und zu 
beißen. Das einfachste und sicherste Mittel, diese Aufgabe 
zu lösen, bestünde darin, daß man um den Kopf des Hun 
des ein Drahtgitter befestigte, welches geräumig genug wäre, 
nur innerhalb desselben den Kiefern freien Spielraum zu 
lassen. Das Anlegen eines Zwangsapparates um den KM 
des Hundes, der sich dem Abziehen der Kiefer entgegenstellt, 
ist schon an sich ein Mißgriff. Bei dem Hunde sind nämlich 
die Nasenhöhlen zu enge, um ihm das Athmen durch dre 
Nase allein zu ermöglichen, wie dieses bei dem Pferde des 
Fall ist; der Hund muß mit offnem Maule athmen, er muß 
durch die Zunge und die ganze Mundschleimhaut trans- 
spiriren, er muß daher im Stande sein, die Kiefer zu öffnem 
Zwei Arten von Maulkörben, beide nach demselben be 
danken hergestellt, sind erst kürzlich erfunden woroen; dre 
eine von Professor Goubaux in Alfort, die andere von 
Herrn Charriere in Lausanne. Muster dieser Maulkörbe 
konnte man bei der letzten Hundeausstellung in Paris ftbem 
Beide Arten von Maulkörben gestatten es, das Thier seiner 
Kiefer zu entwaffnen, während sie ihm gleichzeitig die Frei 
heit gewähren, bei offenem Maule und heraushängendes 
Zunge zu athmen. Diese Maulkörbe bestehen aus zw^ 
durch Gelenke beweglichen Stücken, welche länger sind, aw 
die Kiefer des Hundes, für den sie bestimmt sind, und die 
selben in einem Kreise (peripherisch) umgreifen; die beiden 
Stücke des Maulkorbes können nun durch die Wirkung der 
das Maul öffnenden Muskeln von einander abgezogen werden 
und treten, sobald sich das Maul wieder schließt, vermog 
einer sehr einfachen federnden Vorrichtung wieder in iyr 
ursprüngliche Lage zurück. Diese sinnreichen Apparate ge 
statten es, die Verordnung bezüglich des Anlegens von Mam 
körben strenge zu vollziehen, während sie gleichzeitig de 
Hund des unerträglichen Zwangs der bisher im GebraM 
gewesenen, wenn nicht blos auf Täuschung berechneten Mau 
bänder überheben.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.