Volltext: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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zurück, ohne ihm jedoch das geringste Leid zuzufügen. Als 
man diesem Pferde aber ein Schaf darbot, verfiel es augen 
blicklich in den heftigsten Wuthanfall, erfaßte das arme 
Thier und zermalmte es mit seinen Zädnen. Dieses Beispiel 
ist vielleicht nur eine Ausnahme; weitere Erfahrungen müssen 
erst lehren, ob es zulässig sei, hierin den Ausdruck eines 
Gesetzes zu sehen, ob wir zu der Annahme berechtigt seien,- 
daß jene Thiere, welchen die Wuthkrankheit durch Ein 
impfung beigebracht worden ist, nur auf den Anblick solcher 
Thiere in die gedachte Rückwirkung gerathen, aus deren 
Gattung das eingeimpfte Gift entnommen worden war. 
Beispiele, wie das vorangeführte, werden allerdings nicht 
so leicht wiederkehren, weil die Übertragung der Wuth- 
krankbeit von Pflanzenfressern äußerst selten ist. Halten wir 
indeß an der Thatsache fest, daß es in der weit überwiegen 
den Mehrzahl der Fälle die der Hundegattung ungehörigen 
Individuen sind, durch deren Anwesenheit wuthkranke Thiere 
in Aufregung versetzt werden. 
Von welcher Wichtigkeit die Kenntniß dieser Thatsache 
ist und welchen Nutzen die Eigenthümer der Hunde aus ihr 
Ziehen können, ist leicht einzusehen. Wie häufig erfahren 
wir von Personen, welche uns wüthende Hunde zuführen, 
daß sich diese, bevor sie noch einen Angriff gegen den Men 
schen gemacht haben, bei dem Anblicke eines anderen Hun 
des im höchsten Grade aufgeregt gezeigt haben und auf diese 
losgestürzt sind, selbst wenn sie bislang von der friedfertigsten 
Gemüthsart waren. Gleichwohl erregt diese so bedeutungs 
volle Eigenthümlichkeit in den meisten Fällen keinen Verdacht 
bei Demjenigen, der sie beobachtet und zwar nur deshalb, 
weil dem Herrn sowie den Angehörigen des Hauses gegen 
über der Charakter dieses Hundes, den der Anblick eines 
Thieres seiner Gattung in so ungewöhnliche Aufregung ver 
setzt, sich nicht verändert hatte. Bouley erzählt hierüber 
emen sehr interessanten Fall aus eigner Wahrnehmung und 
schließt denselben mit der Aufforderung, einen jeden Hund, 
der gegen seine Gewohnheit und sonstige Gemüthsart plötz- 
uch anfängt, über Thiere seiner Gattung herzufallen, als 
w hohem Grade der Wuth verdächtig anzusehen. 
Endlich kommt häufig vor, daß der Hund beim 
ersten Auftreten der Wuthkrankheit vom Hause 
entweicht und verschwindet. Fast möchte man glau 
bn, daß er das Bewußtsein seiner gefahrbringenden Krank- 
heit in sich trägt und daß er, um Schaden zu verhüten 
diejenigen flieht, denen er zugethan ist. Wie es sich nun 
nuch mit dieser Deutung verhalten mag, so viel ist gewiß, 
baß er sehr häufig das Haus seines Herrn verläßt und man 
wn nie mehr wiedersieht, sei es nun, daß er an irgend 
etnem entlegenen Orte stirbt, oder daß er, wie es an be 
völkerten Plätzen gewöhnlich geschieht, durch seine Bissigkeit 
gegen Thiere und selbst Menschen als wüthend erkannt wird 
und auf der Straße seinen Tod findet. In anderen, leider 
?. Ur zu häufigen Fällen kehrt das arme Thier, nachdem es eins 
zwei Tage lang hcrumgeirrt und der Verfolgung entgangen 
lnT c * ner unheilvollen Anziehung gewissermaßen folgend — 
n das Haus feines Herrn zurück Und kaum ist er wieder 
^wgekehrt, so drängen sich Alle um ihn, beeifert ihm Hülfe 
VhJPu ’ denn meistens bietet er dann ein höchst elendes 
zustehen dar, ist auf das Aeußerste abgemagert und mit 
und Blut bedeckt. Aber wehe dem, der sich ihm 
«S?*/ ^ enn * n dieser Periode der Krankheit ist bei ihm der 
beißen so"mächtig geworden, daß er selbst das 
esühl der Zuneigung, wenn es noch so lebhaft ist, 
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herrscht und nur zu oft läßt er sich von diesem Triebe hin 
reißen, die Liebkosungen und die Sorgfalt, welche man ihm 
widmet, mit Beißen zu erwiedern. Man hat somit Ursache, 
denjenigen Hund mindestens für wuthverdächtig zu halten, 
der, nachdem er einen oder zwei Tage von Hause entfernt 
gewesen ist, wieder in dasselbe zurückkehrt, insbesondere wenn 
er den oben angedeuteten Zustand des Elendes darbietet. 
Dieses sind die Erscheinungen und Eigenthümlichkeiten, 
welche den Wuthzustand bei dem Hunde kennzeichnen. Aus 
der gegebenen Darstellung ist ersichtlich, daß die Hundswuth 
keineswegs eine Krankheit ist, in welcher fortwährend Raserei 
den Grundzug bildet. Das Publikum, welches noch immer 
in dieser Anschauung befangen ist, beurtheilt die Krankheit 
nur nach den in der letzten Periode derselben auftretenden 
Erscheinungen. So lange diese noch fehlen, glaubt es ge 
wöhnlich nicht an das Vorhandensein der Wuth. Aber bevor 
diese Erscheinungen sich entwickeln, bevor der tolle Hund sich 
vollkommen rasend zeigt, verstreicht ein ziemlich langer Zeit 
raum, während dessen sich das Thier harmlos benimmt, 
obgleich seine Krankheit bereits deutlich ausgesprochen ist. 
Dieses Verhalten ist es, welches wir ganz besonders hervor 
heben wollten. Würde sich das Publikum diese Wahrheit 
zu Herzen nehmen, würde es den Werth der frühesten Er 
scheinungen der Wuthkrankheit erkennen lernen, so konnten 
die meisten tollen Hunde bei Seite geschafft werden, bevor 
sie noch Zeit gehabt haben, ein Unglück zu verursachen. 
Ist die Krankheit in jene Periode gelangt, welche man 
das eigentliche Wuthstadium nennen kann, d. h. jener Zeit 
raum, welcher sich durch die Ausbrüche der Raserei kenn 
zeichnet, dann wird der Gesichtsausdruck des Hundes furchtbar. 
Sein Auge leuchtet von einem unheimlichen Glanze, der 
selbst dann Schrecken einflößt, wenn man das Thier durch 
das Gitter seines Käfigs betrachtet. Hier ist es in unauf 
hörlicher Bewegung; auf den geringsten Reiz hin stürzt es 
gegen den Beschauer los, indem es sein charakteristisches 
Geheul ausstößt; wüthend beißt es in die Stangen seines 
Käfigs, so daß das Knarren seiner Zähne dabei hörbar 
wird. Bietet man ihm eine Stange von Holz oder Eisen 
dar, so fällt es über sie her, erfaßt sie mit vollen Kiefern 
und beißt hinein. Auf diesen Zustand der Aufregung erfolgt 
bald eine tiefe Ermattung. Erschöpft zieht sich das Thier 
in den Hintergrund seines Käfigs zurück und bleibt daselbst 
einige Zeit unempfindlich gegen alle Versuche, es zu reizen. 
Plötzlich erwacht es wieder, springt vor und bricht in einen 
neuen Anfall aus. 
Bringt man einen Hund in den Käfig dieses im vollen 
Wuthanfalle befindlichen Thieres, so wird er von demselben 
nicht sogleich angefallen und gebissen. Im Gegentheile wird 
im wüthenden Hunde durch die Gegenwart des unglücklichen 
Opfers, welches man ihm überliefert — sei es nun ein 
männlicher oder weiblicher Hund — zunächst der Geschlechts 
trieb erregt, was sich durch Liebkosungen und Berührungen, 
deren Bedeutung nicht zweifelhaft ist, zu erkennen gibt. 
Zuerst nämlich beschnüfelt und beleckt der tolle Hund die 
Geschlechtstheile des armen Thieres, welches man mit ihm 
in Berührung gebracht hat. Dann tritt er noch näher an 
dasselbe heran und beleckt auch dessen Kopf. Während dieser 
leidenschaftlichen Kundgebungen hat das unglückliche ypfer 
gleichsam ein Vorgefühl der entsetzlichen Gefahr, die ihm 
droht; es drückt seinen Schrecken durch Zittern am ganzen 
Körper aus und sucht sich in einen Winkel des Käfigs zu 
ducken. Und in der That, kaum ist eine Minute verflossen, 
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