Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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das Wichtigste aber in vorbauender (prophylaktischer) Bezie 
hung bleibt jedenfalls die Kenntniß der Thatsache, daß die 
Stimme des tollen Hundes immer verändert ist, 
und daß sein Bellen stets in einer von dem natürlichen 
Dellen abweichenden Art vor sich geht. Der Besitzer eines 
Hundes muß daher stets Mißtrauen fassen, wenn die ihm 
bekannte Stimme desselben plötzlich eine Veränderung erken 
nen läßt und sich in Lauten ausdrückt, welche schon durch 
ihre Fremdartigkeit auffallen. 
Eine höchst sonderbare Eigenthümlichkeit des Wuthzustan 
des, welche für die Erkennung der Krankheit von großem 
Wertbe sein kann, liegt darin, daß das Thier unter der 
Einwirkung von Schmerzen stumm bleibt. Welchen Leiden 
nur immer dasselbe unterzogen wird, es läßt weder das 
Nasenpfeifen hören, durch welches sich die Furcht des Hun 
des zuerst ausdrückt, noch den grellen Schrei, durch welchen 
es lebhafte Schmerzen zu erkennen gibt. Der wüthende Hund 
bleibt stumm, man mag ihn stoßen, stechen, verwunden, 
selbst brennen; nicht etwa, daß er unempfindlich wäre; nein! 
er sucht den Schlägen rc. zu entweichen. Hat man unter 
ihm die Streue seines Behälters angezündet, so entflieht er 
von der brennenden Stelle und kauert sich in eine Ecke, 
um sich den Angriffen der Flamme zu entziehen. Hält man 
ihm eine Stange aus rothglühendem Eisen vor und stürzt 
er in seiner Raserei auf dieselbe los, so weicht er augen 
blicklich wieder zurück, nachdem er dieselbe erfaßt hat; ebenso 
flieht er, wenn man mit dem glühenden Eisen seine Pfoten 
berührt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Thier unter 
düsen verschiedenen Umständen Schmerz empfindet, dies drückt 
sich schon in seinen Zügen aus; aber trotz dem Allen läßt 
es weder einen Schrei, noch irgend einen Schmerzenslaut 
hören. Gleichwohl ist bei dem wüthenden Hunde die Empfind 
lichkeit, wenn auch keineswegs erloschen, doch jedenfalls 
geringer, als in dem gesunden Zustande. Wirft man z. B. 
brennendes Werg unter ihn, so weicht er nicht sofort vom 
Platze; er läßt sich Zeit dazu und, wenn er sich endlich 
entschließt, zu entfliehen, so hat ihm das Feuer schon tiefe 
Verletzungen zugefügt. Manche Hunde — diese bilden indeß 
die Ausnahme — lasten selbst die Stange von rothglühen 
dem Eisen, welche sie mit dem Munde erfaßt haben, nicht 
los. Diese Thatsachen berechtigen zur Annahme, daß die 
von der Wuth befallenen Hunde schmerzhafte Empfindungen 
nicht in demselben Grade wahrnehmen, wie im gesunden 
Zustande. Hieraus erklärt sich auch, wie es geschehen kann, 
daß sie ihre Wuth an sich selbst auslasten. Bouley hat 
(im Recueil de medicine veterinaire) die Geschichte eines 
dem Grafen Demiboff ungehörigen Jagdhundes erzählt, 
welcher in einem Wuthanfall seinen Schwanz zernagte und 
ihn endlich vom Rumpfe abtrennte. In anderen Fällen 
schinden sich die Thiere nur die Haut auf und die Wunden, 
welche aus dem fortgesetzten Beißen hervorgehen, gleichen 
auf das Täuschendste den frischen Flechten, welche man so 
häufig an Hunden beobachtet. Hierin liegt eine weitere 
Quelle von Irrthümern hinsichtlich der Erkenntniß der Wuth 
krankheit, gegen welche Irrungen man sich nicht genug 
hüten kann. 
Aus dem so eben Gesagten ergibt sich, daß man einem 
Hunde mißtrauen soll, der sich gegen den Schmerz nicht in 
dem Maße empfindlich zeigt, wie er es gewöhnlich ist; des 
gleichen einem solchen, der an seinem Körper frische Haut 
abschürfungen darbietet, welche plötzlich aufgetreten sind. 
Diese Warnungen werden vielleicht den Meisten zu strenge 
erscheinen, aber in solchen Dingen ist ein Uebermaß von 
Vorsicht nur allzusehr gerechtfertiget. Denn es kommt häufig 
vor, daß Personen, welche wüthende Hunde zum Thierarzte 
bringen, über dieselben Angaben machen, wie etwa die 
folgende: „Mein Hund ist seit einigen Tagen traurig und 
hat mir, was bei ihm ganz ungewöhnlich ist, die Zähne 
gezeigt; ich habe ihn mit der Peitsche gezüchtiget und obgleich 
er sonst bei solcher Gelegenheit sogleich in ein klägliches 
Geschrei ausbricht, hat er dieses Mal die Hiebe hingenommen, 
ohne auch nur einen Laut hören zu lassen." Eine solche 
Thatsache hat begreiflicherweise für denjenigen, der ihren 
Werth nicht kennt, keine Bedeutung, und wie viele Unglücks 
fälle könnten verhütet werden, wenn jeder Eigenthümer eines 
Hundes, der diese Erscheinung wahrnimmt, sie alsbald richtig 
auffaßte. Dasselbe gilt in Hinsicht auf das erpichte Nagen 
eines Hundes an seinem Körper. Es wird dies gewöhnlich 
einem einfachen Jucken zugeschrieben, was in der That die 
alleinige Ursache sein mag. Die Erfahrung lehrt jedoch, 
daß diese Erscheinung eine ganz andere und zwar eine furcht 
bare Bedeutung haben kann. 
Der Wuthzustand kennzeichnet sich ferner durch eine höchst 
sonderbare und sehr wichtige Eigenthümlichkeit, nämlich den 
Elndruck, welchen auf den von der Wuth befal 
lenen Hund der Anblick eines anderen Thieres 
seiner Gattung ausübt. Dieser Eindruck ist ein 
so gewaltiger, daß er augenblicklich den Aus 
bruch eines Wuthanfalles zur Folge hat. Mit 
Recht kann man daher sagen, daß der Hund das sicherste 
Prusungsmittel abgibt, um bei einem Hunde, dessen Wuth 
noch im Verborgenen schlummert, die Krankheit zu entdecken. 
der großen kaiserlichen Thierarzneischule zu Alfort be 
dient man sich täglich dieses Mittels, um in zweifelhaften 
Fallen zur Gewißheit zu gelangen, und in der That, nur 
äußerst selten hat dieses Mittel im Stiche gelassen. Sobald 
der wuthverdächtige Hund sich einem Individuum seiner 
Gattung gegenüber befindet, drängt es ihn, wenn er wirk 
lich wuthkrank ist, sich auf dasselbe loszustürzen und, wenn 
er zu ihm gelangen kann, es mit Wuth zu beißen. Noch 
auffallender aber ist, daß auf alle wüthenden Thiere, welcher 
Gattung sie nur immer angehören mögen, die Gegenwart 
des Hundes denselben Eindruck macht. Alle werden beinr 
Anblicke des Hundes in Aufregung und Raserei versetzt, 
stürzen auf ihn los und greifen ihn mit ihren natürlichen 
Waffen an —das Pferd mit seinen Hufen und Zähnen, der 
Stter mlt seinen Hörnern, ebenso der Widder. Selbst das 
Schaf entäußert sich unter der Herrschaft der Wuthkrankhn 
seines angebornen Kleinmuthes und, weit entfernt, sich bet 
dem Anblicke des Hundes zu fürchten, flößt es demselben 
vielmehr Schrecken ein und treibt ihn in die Flucht. . 
Wenn schon dieses Verhalten ein sehr auffallendes lst, 
so muß uns das sogleich anzuführende noch mehr besremoen. 
Es scheint nämlich, daß die dem Hunde zukommende Eigen' 
thümlichkeit, durch seine bloße Anwesenheit bei wuthkranken 
Thieren eine» Ausbruch der Raserei hervorzurufen, nur sn> 
jene Fälle Geltung hat, in weichen die Krankheit der letzteren 
vom Hunde herrührt. Ein Pferd, welchem Renault die 
Wutbkrankheit eingeimpft hatte, bot die Krankbcit in W et 
entsetzlichsten Form dar, indem er in solche Raserei,verfiel, 
daß es die Haut seiner eigenen Vorderbeine mit seinen Zahne» 
zerfetzte. Auf dieses Thier machte der Anblick eines Hunde» 
keinen aufregenden Eindruck; der Hund, den man in st«»' 
Krippe warf, blieb verschont; es stieß ihn mit dem Kopn
	        

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