Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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sich tymtm. Sein Aussehen ist düster und verdächtig. Er 
kommt von einem Familiengliede zum andern, blickt jedes 
unverwandt an, als ob er Hilfe für sein Leiden suchte. 
Allerdings sind diese Erscheinungen nicht der Art, als daß 
man sie für entschieden charakteristische (pathognomische) be 
zeichnen könnte; aber wie viel drückt sich schon in diesem 
ersten Bilde aus! Wenn diese Zeichen auch noch nicht hin 
reichen , um das Bestehen der Wuthkrankheit sogleich festzu 
stellen, so sind sie mindestens geeignet, die Besorgniß des 
Auftretens derselben rege zu machen. 
Eine der seltsamsten und beachtenswertesten Eigenthüm 
lichkeiten der Hundswuth liegt in der Fortdauer der 
Anhänglichkeit und Zuneigung, welche das Thier, 
selbst in der vorgerücktesten Periode der Krankheit, gegen 
die ihm nahestehenden Personen bewahrt. Diese 
Gefühle bleiben so mächtig, daß das unglückliche Thier selbst 
in voller Wuth sich der Angriffe gegen Diejenigen enthält, 
die es liebt. Hieraus entspringen die häufigen Täuschungen, 
denen sich die Eigenthümer wüthender Hunde bezüglich der 
Krankheit derselben hingeben. Wie sollte man an die Wuth 
denken bei einem Hunde, der sich immer noch freundlich und 
folgsam zeigt, und dessen Krankheit sich nur durch Traurig 
keit, Unruhe und ungewohntes Umherschweifen zu erkennen 
gibt? — Entsetzliche Täuschung! Denn dieser Hund, der 
so wenig Verdacht erregt, kann wider seinen Willen einen 
tödtlichen Biß versetzen, sei es nun, daß er auf einen Wider 
stand stößt oder daß er, wie dies hc^fig vorkommt, durch 
eine Züchtigung seines Herrn gereizt wird, dem er nicht 
schnell genug gehorchte oder durch dessen Drohung er durch 
eine widerstrebende (agressive) Geberde antwortet. Wenn 
die Herren der Hunde gebissen werden, so geschieht es in der 
Mehrzahl der Fälle unter den eben angeführten Umständen. 
Meistens aber verschont der wüthende Hund Diejenigen, welchen 
er zugethan ist. Wäre dem nicht so, dann würden Wuth 
anfälle beim Menschen viel häufiger vorkommen; denn häufig 
bleiben tolle Hunde noch 24 bis 48 Stunden bei ihrem 
Herrn, inmitten der Familie und der Dienerschaft, bevor 
man über die Art ihrer Erkrankung nur irgend welche Be 
sorgniß hegt. 
Im Anfangs-Zeitraume der Wuth und so lange die 
Krankheit noch nicht vollständig ausgebrochen ist, sowie auch 
in den Zwischenzeiten der Anfälle, beobachtet man bei dem 
Hunde eine Art von Irresein (Delirium), welches 
man als Wuthdelirium bezeichnen kann. Es kennzeichnet 
sich dasselbe durch seltsame Bewegungen, welche zu erkennen 
geben, daß das kranke Thier Gegenstände sieht und Geräusche 
hört, welche nur in seiner Einbildung bestehen. Bald näm 
lich bleibt das Thier unbeweglich und mit gespannter Auf 
merksamkeit stehen, wie aus der Lauer, fährt dann plötzlich 
auf und schnappt in die Luft, wie es ein gesunder Hund zu 
thun pflegt, wenn er eine Mücke im Fluge erhaschen will; 
andere Male fährt er auf und heult gegen die Wand hin, 
als ob er jenseit derselben drohende Geräusche gehört hätte, 
oder stürzt sich auf einen Feind, der nur in seiner Einbil 
dung vorhanden ist, so daß man zur Annahme berechtigt 
wird, hierin wirkliche Sinnestäuschungen (Hallucina 
tionen) zu sehen. Wie man indeß diese Erscheinungen auch 
auffassen mag, so viel ist sicher, daß sie von großem Werthe 
für dre Erkenntniß der Krankheit sind, und das Befremdende, 
was in ihnen liegt, muß an sich schon auf die drohende 
Gefahr aufmerksam machen. Wer indeß über die Bedeutung , 
dieser Erscheinungen nicht belehrt ist, wird ihnen keine be 
sondere Beachtung schenken, um so mehr, als sie sehr flüch 
tiger Art sind und in der Regel die Stimme des Herrn schon 
genügt, um das Thier zum Bewußtsein zurückzurufen. 
Dies die Erscheinungen, die man zu Anfang der Wuth 
bei den Hunden wahrzunehmen pflegt. Begreiflicherweise 
sind diese Symptome nicht bei allen Individuen die gleichen; 
ihr Ausdruck wechselt je nach der natürlichen Gemüthsart 
des Kranken. War das Thier vor seiner Erkrankung von 
freundlichem, hingebendem Wesen, so ist sein unruhiges 
Benehmen auffallend, es scheint das Mitleid seines Herrn 
anzurufen und in seinem Jrrwahne drückt sich keine Wild 
heit aus. Bei dem von Ratur aus wilden Hunde hingegen, 
sowie bei solchen, welche zur Vertheidigung abgerichtet sind, 
ist der Ausdruck der ganzen Haltung furchbar. Bisweilen 
zeigt sich die Bindehaut des Auges stark geröthet, 
in anderen Fällen jedoch kaum merklich in ihrer Farbe geän 
dert, die Augen jedoch von ungewöhnlichem, blen 
dendem Glanze, wie zwei feuerige Kugeln. 
In einer späteren Periode der Krankheit nimmt die 
Unruhe des Hundes zu; er geht, kommt, streicht unauf 
hörlich von einer Ecke zur andern; steht auf und legt sich 
und verändert fortdauernd seine Stellung. Er richtet sein 
Lager mit den Pfoten zurecht, wühlt es mit der Schnauze 
auf, um es auf einen Haufen zusammenzudrängen, auf 
welchen er dann gerne, wie es scheint, die Oberbauchgegend 
auflegt; plötzlich richtet er sich dann wieder in die Höhe und 
wirft Alles weit von sich. Ist er in Zeinen Behälter einge 
schlossen, so bleibt er darin nicht einen Augenblick ruhig und 
dreht sich unablässig in demselben Kreise herum. Im Zu- 
stände der Freiheit benimmt er sich, als ob er einen ver 
lornen Gegenstand suche; er durchwühlt alle Winkeln des 
Zimmers mit einer seltsamen Hast, die nirgends Ruhe findet. 
Dazu gesellt sich der sonderbare und sehr beachtenswerte 
Zustand, daß bei vielen Hunden die Zuneigung zu 
ihrem Herrn anscheinend zunimmt, was sie 
ihnen durch Belecken der Hände und des Gesichts 
bezeugen. Auf diese Eigenthümlichkeit der ersten Periode 
der Hundswuth kann man nicht oft genug hinweisen, da 
gerade aus ihr so viele gefahrvolle Täuschungen entspringen' 
Der Herr des Hundes ist schwer zu dem Glauben zu be 
wegen, daß dieses zur Zeit so sanfte, gehorsame und 
trauliche Thier, welches ibm die Hände beleckt und ihm 
durch so ausdrucksvolle Zeichen seine Anhänglichkeit zu er 
kennen gibt, schon den Keim der furchtbarsten Krankheit, 
welche wir kennen, in sich birgt. Daher jene Sorglosigkeit 
und Ungläubigkeit, welcher die Besitzer von Hunden nur zu 
oft als Opfer fallen. 
Die Annahme einer Wasserscheu gehört zu den ver 
hängnisvollsten Irrthümern, welche bezüglich der Wuth' 
krankheit bestehen, und man darf sagen, daß der Ausdruck 
Wasserscheu (Hydrophobie), welcher selbst in der 
Sprache des Volkes allmählig an die Stelle des Wortes 
„Hundswuth" getreten ist, eine der gräulichsten Ausgeburten 
der Sprachverbefferungssucht bildet. Jenes Wort schließt 
nämlich eine Vorstellung in sich, welche heutzutage im Publikum 
bereits feste Wurzeln gefaßt hat, obaleich sie von Grund 
aus falsch ist und sich durch die tägliche Erfahrung als falsch 
erwiesen hat. Der Bezeichnung „Wasserscheu" zufolge soll 
ein wüthender Hund Scheu vor dem Wasser haben. 
Daraus würde folgen, daß er nicht wüthend ist, wenn er 
sauft. Und diesem Schluffe gemäß geben sich Viele einer 
trügerischen Sicherheit hin, während sie mit wüthenden
	        

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