Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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und wenn der Mensch satt ist, geht auch die Arbeit 
besser und die Kälte spürt man nicht so. Der 
Nachbar war ein wohlhabender Mann und seine 
Felder hatten vor allen andern reichlich getragen. 
Aber es war auch ein harter Mann, denn er wollte, 
wie er sagte, seine Frucht nicht verschleudern, sondern 
diesmal etwas Rechtschaffenes daraus lösen. Er 
hatte sich seinen Satz gemacht; der Scheffel sollte 
acht Thaler kosten, und unter dem sollte kein Kern 
vom Boden herunter. Und damit er ja bei seinem 
Vorsatz bleibe, hätte er an seine Stubenthür eine 
große Acht mit Kreide gemalt. — Der Drechsler 
suchte sein lang gespartes Geld zusammen: Orts 
thaler, Weißpfennige, Achter, Sechser, Kreuzerstücke, 
just sowie er es mit seiner Drehbank verdient hatte. 
Doch an den acht Thalern fehlten noch einige Albus. 
Bescheiden trat er vor den Bauer, bat ihn um einen 
Scheffel Korn und zählte seine Armuth auf den 
Tisch. Der aber schüttelte verächtlich den Kopf und 
sprach: Sparet nur die Mühe und streicht eure 
Heller wieder zusammen, der Scheffel kostet acht 
Thaler, das ist mein Satz und dabei bleibe ich, und 
Zudem muß es auch ordentlich hart Geld sein. Das 
elfjährige Söhnchen des Bauern, das auch in der 
Stube war, zupfte den Vater am Aermel, daß er 
doch dem armen Manne helfen möchte; aber der 
Alte blieb bei seinem harten Sinn. Mit Thränen 
im Auge und mit bittrem Weh im Herzen verließ 
ber Arme die Wohnung des Reichen. Da kam am 
Abend desselbigen Tages der Bote für Stadt und 
Land — die Zeitung, welche der Bauer las — in 
seinem Hause an. Einen Blick hinein und er fand, 
was er finden wollte — das Korn acht Thaler. 
Voll Freude zündete er sich ein Licht an, stieg damit 
auf den Boden, um sich seine Vorräthe zu besehen 
"ud zu überschlagen, wie viel Viertel er wohl des 
andren Tages zur Stadt verfahren könnte. Indem 
er aber so zwischen seinen Reichthümern hinschritt, 
was geschah? Er strauchelte über einen umgestürzten 
^ack und siel zu Boden, und aus der Hand flog ihm 
°as Licht. 
. Die Flamme ergriff daneben liegendes Stroh, und 
kurzer Zeit stand nicht blos das Dach, sondern 
J 1 ,? ganze Haus in heller Gluth. Ungefähr um 
chtttternacht, 4 Stunden nachher, nachdem er auf 
letnett Satz gekommen war, stand er auf dem Schutt 
leines Hauses, an dem Grab seiner ganzen Habe. 
Und die Brandmale, die ihm das Feuer an Händen und 
^stcht zurückgelassen hatte, mußte er sein Lebtag als die 
Zeugen seiner Unbarmherzigkeit mit sich herumtragen. 
»Wie hieß denn der Bauer, Konrad!" fragten einige 
Neugierige aus der Versammlung. 
»Ob ihr den Namen wißt oder nicht,» erwiderte 
mit ernstem Gesicht der Erzähler, »das thut nichts 
zur Sache, der im Himmel hat ihn sich aufgeschrieben; 
das Beste ist, daß ihr dem Bauer im Heilbacher 
Grunde nicht gleichet!« 
Der Kaiser und der Amtmann. 
Das Königreich Böhmen ward zu der Zeit, da 
Kaiser Joseph II. regierte, von einer großen Theuerung 
heimgesucht, und die Folge davon war eine Hungers 
noth, die von Tag zu Tag zunahm. Doch der Kaiser 
Joseph war in rechter landesväterlicher Weise für 
seine Unterthanen besorgt. Um die Noth der armen 
Böhmen zu lindern, ließ er eine Menge Korn und 
andere Lebensmittel nach dem Königreich schaffen, 
und reiste dann selbst ins Land, um mit eigenen 
Augen zu sehen, wie es da zugehe und wie die Gabe 
vertheilt werde, und überhaupt, ob die Beamten das 
thäten, was er in wahrhaft väterlicher Fürsorge be 
sohlen hatte. Der Kaiser liebte es, ungekannt hier 
und da sich einmal einzufinden und nachzuforschen. 
So kam er denn auch in einfacher Offizierskleidung, 
nur von einem Bedienten begleitet, von Prag aus 
in eine kleine böhmische Stadt. Vor dem Amthause 
stand eine ansehnliche Zahl Wagen und Karren, die 
alle mit Frucht hoch beladen waren, und um die 
Wagen herum standen wieder leere Wagen, Karren 
und Schubkarren und viele Bauern mit leeren Säcken, 
die mit Sehnsucht auf das Abladen der Früchte und 
auf ihre Vertheilung warteten. Trotzdem wurde 
nichts gethan, die armen Leute zu befriedigen. Der 
Kaiser sah das aus den Fenstern des Gasthofes mit 
an und konnte gar nicht begreifen, woran die Schuld 
dieser Verzögerung liege. Er trat endlich heraus 
und unter die Leute und fragte einen alten Mann: 
»Vater, wie lange wartet Ihr denn schon auf das 
Vertheilen der Früchte?» »Ach, leider schon acht 
volle Stunden,« sagte der Bauer, »und wir und 
unser Vieh verspüren nachgerade großen Hunger, 
denn wir haben nichts mit uns genommen, weil wir 
glaubten, bald abgefertigt zu werden. Außer uns 
warten aber auch die hungrigen Bewohner der Stadt 
selbst auf die Vertheilung.» »Aber aus welchem 
Grunde geschieht denn so etwas?« fragte unwillig 
der Kaiser. »Der Herr Amtmann hat, wie 
ich gehört habe, große Gesellschaft,« sagte, weh 
müthig die Achseln zuckend, der Bauer, 'ck>a will
	        

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