Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

im 
Aber es war das, wie schon erwähnt, nicht eitle 
Ehre, nach der er strebte, nicht Ruhmsucht, die ihn 
dazu trieb. Er selbst verwahrt sich gegen einen 
solchen Vorwurf, wenn er sagt: das kann ich mit 
gutem Gewissen bezeugen, daß ich meine höchste 
Treue und Fleiß darinnen erzeiget und nie keinen 
falschen Gedanken gehabt habe, denn ich habe keinen 
Heller dafür genommen, noch gesucht, noch damit 
gewonnen. So habe ich auch meine Ehre nicht 
darinnen gemeint, das weiß Gott, mein Herr, sondern 
ich habe es zu Dienst gethan den lieben Christen 
und zu Ehren Einem, der droben sitzt, der mir 
alle Stunden so viel Gutes thut, daß, ob ich auch 
tausendmal soviel und fleißig dollmetsche, ich dennoch 
nicht eine Stunde verdient hätte, zu leben, oder ein 
gesund Auge zu haben. Es ist alles, was ich bin 
und habe, seiner Gnade und Barmherzigkeit, ja es 
ist seines theuren Blutes und sauren Schweißes. 
Darum soll es auch alles ihm zu Ehren dienen mit 
Freuden und von Herzen. 
Die Uebersetzung der"Bibel war die bedeutendste 
und folgenreichste Arbeit für die von Luther begonnene 
Reformation, sie ward der kräftigste Halt- und Stütz 
punkt für sein heiliges Werk. Die Ursprachen, in 
denen die Bibel die Geschichte und Lehre Gottes 
erzählt, waren der großen Masse des Volkes, ja den 
meisten Gelehrten der damaligen Zeit unbekannte 
und unverstandene Dinge. Jetzt aber konnte auch 
der gewöhnliche Mann Gottes Strafen und Gerichte 
in der Sprache lesen, in der er geboren und groß 
geworden war, jetzt traten ihm auch die göttlichen 
Dröstungen und Verheißungen, Gottes Gnade und 
Barmherzigkeit und alle seine Thaten und Veran 
staltungen zur Erlösung der Menschen in den Lauten 
entgegen, die ihm vernehmlich und verständlich 
klangen; jetzt konnte er verstehen und begreifen, mit 
eigenen Augen sehen und forschen, ob das, was 
Luther gelehrt und gepredigt, im Einklang stehe mit 
den Worten des tbeueren, werthen Evangeliums, 
kknd da man nun in Luthers deutscher Bibel nichts von 
einem zu Rom befindlichen Mann, der eine dreifache 
Krone trage und über Leib und Seele der Menschen 
gebieten könne, nichts von Mönchen und Klöstern, 
von Bann und Fegfeuer, von Ablaß und Messelesen, 
von Kreuzzügen und Ketzerverfolgungen las, so traten 
auf einmal in allen Landen unzählige Menschen 
wüthig und kühn hervor, warfen von sich das uner 
trägliche Joch des Pabstthumö und stellten ihren 
Glauben, ihre Hoffnung, ihre Zuversicht, ihr Leben 
und ihre Werke allein auf Gottes Wort. Die Bibel 
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Luthers war die nie wankende, ewige Grundlage der 
deutschen Kirche! Mit welcher Begierde wurde jetzt 
die heilige Schrift gelesen, die bis daher fast den 
meisten ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch 
gewesen war. Sie konnte Seelen so recht erquicken 
und mit unversiegbarem Troste erfüllen, konnte auch 
dem Ungelehrten die dunklen Fragen des Lebens mit 
Bestimmtheit und Klarheit lösen; was waren dagegen 
die lateinischen Messen und Predigten. Daher kam 
sie, durch die Buchdruckerkunst vervielfältigt, bald in 
vieler Millionen Hände; auf drei Pressen wurden 
täglich tausende von Bogen gedruckt. Im Jahr 
1555 gab es schon 17 Wittenberger, 13 Augsburger, 
12 Baseler, 1 Erfurter, 1 Grimmaer, 1 Leipziger, 
13 Straßburger Abdrücke von Luthers Uebersetzung. 
Von Antwerpen gingen auf einmal drei Schiffe voll 
Bibeln nach Spanien, ja sogar nach Asieil kam 
Luthers Bibel. Auch dem Unbemittelten war jetzt 
das heilige Buch zugänglich. Hatte früher eine ge 
schriebene Bibel 300 Thlr. (eine Summe, welche in 
unseren Tagen gewiß 1000 Thlr. ausmacht) gekostet, 
so konnte man jetzt eine gedruckte für einen meißnischen 
Gulden bekommen. 
Zum Schlüsse stehe noch das Wort des Fürsten 
Georg von Anhalt, der zugleich Domprobst zu 
Magdeburg war: Luther hat die Bibel nicht anders, 
denn aus sonderlicher Gnade und Gabe des heiligen 
Geistes so reinlich, klar und verständlich in unsere 
deutsche Sprache gebracht! 
So wollen auch wir sprechen und den Gott der 
Barmherzigkeit für dieses theuere Kleinod Lob und 
Dank sagen ewig und immerdar. 
Der Geiz macht hart und elend. 
_ Es war Sonntagnachmittag, und wiedernm saßen 
viele aus dem Dorfe bei dem Schusterkonrad 
versammelt und sprachen von diesem und jenem, von 
dem neuen Pfarrer und dem gestrengen Herrn Amt 
mann, von Hochzeiten, Güterverkauf und Viehsterben, 
von Mißwachs und Ernte. Und als sie des reichen 
Segens gedachten, den Gott das Jahr zuvor auf 
die Felder gelegt hatte und der in vollen Garben, 
so daß einem das Herz im Leibe lachte, unter Dach 
gebracht worden war, und die Jähre durchgingen, 
in denen Gott sich ebenfalls nicht unbezeugt gelassen 
und mit milder Hand seine Gaben gespendet hatte, 
kamen sie auch an das Noth- und Hungerjahr von 
1817, welches bei manchem noch in recht lebhafter 
Erinnerung stand. Anhaltende Nässe und Kälte
	        

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