Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

Geschlecht dem andern verkündigen wird, verließ 
Luther die Versammlung. Acht Tage darauf zog er 
von Worms ab und reiste unter dem starken Geleite 
unseres Landgrafen Philipp durch Oberhessen über 
Grünberg und Friedberg, kam durch Alsfeld und 
wurde in Hersfeld von dem Abte, der ihm sein 
eigenes Schlafzimmer für die Nacht darbot, und von 
der gesammten Bürgerschaft herzlich empfangen und 
herrlich bewirthet, ja am fünften Morgen genöthigt, 
alda in der Stiftskirche zu predigen. Unterdessen 
nun seine Feinde ihre Pfeile gegen ihn schmiedeten, 
um ihn zu verderben, brachte ihn der Gott, unter 
dessen Schutz er sich von Anfang an gestellt hatte, 
auf eine unerwartete Weise in Sicherheit. Nachdem 
er nach einem Besuche in Möhra, wo noch Verwandte 
seiner Eltern lebten, am vierten Tage in die Nähe 
des Schlosses Altenstein gekommen war, brachen auf 
einmal Reisige aus dem Wald hervor, überfielen 
seinen Wagen und bemächtigten sich seiner mit schein 
barer Gewalt. Er ward auf ein Pferd gehoben, 
ein Reitermantel ihm umgeworfen und aus Umwegen 
nach der Wartburg geführt, wo man erst gegen 
Mitternacht anlangte. Denn nach dem Willen seines 
Landesherrn, des edlen Kurfürsten Friedrich von 
Sachsen, mit dem Beinamen des Weisen, sollte diese 
feste Burg dem kühnen Vertheidiger des evangelischen 
Glaubens vorerst eine sichere Zufluchtsstätte bieten. 
Und so lebte Luther, nur seiner nächsten Umgebung 
bekannt, hier 10 Monate lang in stiller Abgeschieden 
heit unter dem Namen Junker Jörg. Zugleich aber 
brachte man das Gerücht aus, er sei durch Mörder 
hände gefallen und herumziehende Leute sprengten 
aus, man habe seinen Leichnam, von Blut und Wunden 
bedeckt, im Walde gefunden. Während man draußen 
im Reiche glaubte, Luther befinde sich nicht mehr 
unter den Lebenden, schuf sein Geist auf der herrlichen 
Durg ein Werk, das seinem Rainen ein ewiges Ge 
dächtniß sicherte und seinem Werke die kräftigste 
Stütze wurde. Das Wort, durch das er den erstor 
benen Glauben wieder entzündet und in die verwe 
sende Kirche wieder neues Leben gebracht hatte, war 
unch in der Burg- und Waldeseinsamkeit seine 
liebste Beschäftigung, und mit der ganzen Innigkeit 
fluies tiefen Gemüthes versenkte er sich in die Offen 
barung seines Schöpfers und Erlösers. Unv nachdem 
der Entschluß, die heilige Schrift — die in hebräischer 
und griechischer Sprache abgefaßt ist — in die 
putsche Sprache zu übersetzen und dieselbige so seinem 
Bolke zu verdollmetschen und sie ihm in seiner Sprache 
zu lesen zu geben, bei ihm fest stand, rief er in 
freudiger Zuversicht: "Dieses Buch muß aller Menschen 
Zungen, Hände, Augen, Ohren und Herzen erfüllen.« 
Nun arbeitete er mit. rastlosem Eifer, mit »Forschen 
Vergleichen« und Untersuchen Tag und Nacht an 
dem heiligen Werke, und Gott erhörte das Flehen 
und Bitten seines Herzens, daß er es ihm wohl 
gelingen lassen möchte. Ihr könnt euch aber denken, daß 
die Bibel, wie sie jetzt auch iu der geringsten Hütte 
als das nothwendige Gut des Lebens gefunden wird, 
nicht in solch kurzer Zeit, als der Aufenthalt Luthers 
auf der Wartburg dauerte, verdeutscht worden ist. 
Luther vollendete daselbst nur das neue Testament, 
und als er die Wartburg verließ, nahm er die Ueber- 
setzung mit nach Wittenberg, um sie seinem Herzens 
freunde, dem sanften und gelehrten Melanchthon, 
vorzulegen. Und nachdem er sie mit diesem nochmals 
eifrig und fleißig durchgegangen hatte, da erst übergab 
er sie dem Drucke. Der ehrsame und fromme 
Wittenberger Bürger und nachmalige Bürgermeister, 
Hans Lufft, übernahm es, Luthers neues Testament 
zu drucken, und dafür wurde ihm denn der Ehren 
name des Bibeldruckers zu Theil. Welches Leben 
und welche Rührigkeit mag. nun in dem Jahre 1522 
in dieser Buchdruckerei geherrscht haben, wie viele 
Setzer und Drucker mögen da beschäftigt, wie viele 
Pressen in Thätigkeit gewesen sein. Denn es wurden 
an einem Tage nicht weniger, denn 10,000 Bogen 
gedruckt. Und so geschah es, daß in demselben Jahre 
noch nicht nur die erste, sondern auch die zweite 
Ausgabe fertig wurde. Doch zwölf Jahre lang 
dauerte die Arbeit des Uebersetzens, erst im Jahre 
1534 ward die ganze Bibel (sammt den Apokryphen) 
im Druck vollendet. Bugenhagen war aber auch 
über die Vollendung des großen Werkes so erfreut, 
daß er in seinem-Hause ein eigenes Fest der über 
setzten Bibel veranstaltete und mit seinen Kindern 
und Freunden Gott dankte für den theuren und 
seligen Schatz, den nun jedermann in der dargebo 
tenen Gabe besitze. Es war eine mühsame, schwierige 
und sorgenvolle Arbeit, diese Bibelübersetzung, ein 
Werk, das die größte Umsicht, den ausdauerndsten 
Fleiß verlangte. Hören wir, wie Luther selbst 
darüber an einen seiner Freunde schreibt. Wir arbeiten 
jetzt an den Propheten, sie zu verdeutschen. Ach 
Gott, wie ein. groß und verdrießlich Werk ist es, 
die hebräischen Schriftsteller zu zwingen, deutsch zu 
reden! Wie sträuben sie sich und wollen ihre hebräische 
Art gar nicht verlassen und den groben Deutschen 
nachfolgen. Es ist, als ob eine Nachtigall ihre lieb 
liche Melodie verlassen und dem Kuckuk nachsingen
	        

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