Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Australien ist auch kein Ziel für unsere deutschen 
Auswanderer, denen besonders daran liegt, sich mit 
geringen Mitteln ein kleines eigenes Besitzthum zu 
gründen. Das billigste Land dort, das von der 
Regierung abgegeben wird, kostet ein Pfund Ster 
ling, nicht ganz 7 Thaler der Acker, und für den 
Preis sind nur große Strecken zu haben. Wo 
das Land irgend etwas werth ist, wird es auf das 
Vier-, Sechs- und Zehnfache hinaufgeschraubt, und 
der Deutsche bezahlt dort für ein paar Acker sehr 
mittelmäßigen und wasserarmen Boden den nämlichen 
Preis , wofür er in irgend einem Theile des südlichen 
Amerikas eine schöne fruchtbare Besitzung kaufen könnte 
— das noch gar nicht gerechnet, daß er in Australien 
am anderen Ende der Welt sitzt und wenigstens fünf 
Monate gebraucht, nur um an Ort und Stelle zu 
kommen. 
Wer auswandern will, mag sich irgend einen 
Staat im südlichen Theile von Südamerika aussuchen, 
Chile, La Plata, Uruguay, Süd-Brasilien, ja selbst 
die Hochebenen von Jbarra und Quito in Ecuador 
würde ich für meine Person Australien vorziehen. 
Aber zehn und zwanzig Mal mögen es sich alle über 
legen, ehe sie hier in Deutschland einen Contract 
unterzeichnen, der sie irgend einem Pflanzer in Bra 
silien als Arbeiter überliefert. 
Das rechte Recht. 
Es hat einmal ein armes Bauernweib den Chur 
fürsten Johann von Sachsen um »das rechte 
Recht» gebeten. Summum jus, summa injuria, 
sagt der Lateiner; zu Deutsch: »das größte Recht, 
das größte Unrecht.« Doch kehrt sich's auch wohl 
UM: summa injuria, summum jus, das größte 
Unrecht, das größte Recht. Und der Leser wolle 
einmal anhören, wie Jemandem sein Recht geschehen 
auf unrechte Weise. 
Am 31. December 1817 ging ein tüchtiger 
Bauersmann Abends spät aus der Stadt zurück auf 
seinen Meierhof. Er hatte eben in der Stadt 
abgerechnet und bezahlt, was der Kaufmann zu 
fordern hatte, dessen Kunde er war. Denn ein 
guter Bauer scheut nichts mehr als Schulden, hält 
sich besonders gern die sogenannten Klapperschulden 
vom Leibe und das Sprüchwort in Ehren: Wer 
seine Schulden bezahlt, bessert sein Gut. 
Und obgleich zwischen Anno 1817 und 1848 noch 
ein gutes Weilchen lag und der Bauer also noch 
nicht mit einem fremden Jagdrechte beschenkt war, 
trug er doch Doppelgewehr, Holster und Schrotbeutel, 
und ein schöner Hühnerhund schritt in munteren 
Sprüngen vorauf, denn er besaß eigene Jagd. Neben 
ihm aber ging ein Knäblein, das die Feiertage aus 
dem Lande zubringen durfte und den braven Schulzen 
allezeit, auch noch jetzt, in hohen Ehren gehalten hat 
und hält. 
Es war eine kalte, schneidend kalte Nacht; droben 
funkelten die Sterne so klar, als haftete noch etwas 
von der »Klarheit Gottes» aus der Weihnacht an 
ihnen, unter den Füßen der Wanderer knisterte der 
Schnee in scharfen Tönen. Von den Thürmen rings 
umher schallte das Festgeläute durch die Nacht. 
Der alte Schulze hatte seine Freude am Geläute, 
und das Knäblein nicht minder. »Hörst du,« sprach 
Jener, »die Stadtglocken kann man kaum mehr ver 
stehen, dafür kommen neue Glocken dazu, je mehr 
wir uns den Dörfern nähern. Die groben dort 
hinten her sind die von St. Reinoldi in Dortmund; 
von rechts her sind's die aus dem schiefen Thurme 
zu Kamen, links rufen die von Opherdicke in's 
Sauerland hinüber, von wo andere ihnen antworten. 
Ei, ei, wie laut sprechen die odemlosen, todten 
Metalle zu uns: „Alles, was Odem hat, lobe den 
Herrn!« Siehe die Sterne an und gedenke, was 
der heilige König David gesagt hat: »Die Himmel 
erzählen die Ehre Gottes, und die Veste verkündigt 
seiner Hände Werk.« »Ein Tag sagt es dein 
Andern, und eine Nacht thut es kund der Andern." 
»Es ist keine Sprache, noch Rede, da man nicht 
ihre Stimme höre.« 
Wie gesagt, es war eine kalte Nacht, hie und 
da krachte auf einem Weiher das Eis, oder es 
donnerte im Walde, wenn ein Baum zerfroren aus- > 
einanderriß: aber dennoch wurde es Einem bald 
warm, also, daß ihm der Schweiß auf die Stirne 
trat. Denn des Schulzen Hund schlug plötzlich an. 
Der Eigenthümer hieß leise den Knaben stehen bleiben 
und sein warten, nahm das Gewehr und schritt dem 
Hunde nach. »Bleibt stehen und Euch geschieht kein 
Leid!« rief der Bauer plötzlich einen: hinwegeilenden 
Menschen nach, und zugleich hatte diesen der Hund 
erreicht und zeigte bellend sein scharfes Gebiß. Der 
Mann stand stille, und der Bauer vor ihm. „Ihr' 
seid in meinem Walde am Holzstehlen? Wißt Ihr 
nicht, daß es Sylvester ist, und hört Ihr die 
Glocken nicht? Wie könnet Ihr das alte Jahr mit 
einem Diebstahl beschließen und wie zu Neujahr Euch 
am gestohlenen Holze wärmen wollen? Wißt Ihr 1 
nicht, daß das erste Gewitter im Frühjahre Euch
	        

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