Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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überantwortet, die seine Beförderung übernommen 
haben. 
In den meisten Hafenstädten, besonders in Ham 
burg und Bremen, ist indessen ein Nachweisungs 
bureau der Auswanderer-Behörde errichtet worden, 
worin den Auswanderern unentgeltliche Auskunft 
, über alles ertheilt wird, was sie in Betreff der Aus 
wanderung selber zu wissen wünschen. Für Hamburg 
befindet sich dies Nachweisungsbüreau aus dem Bahn 
hof der Berlin-Hamburger-Eisenbahn und an der 
Landungsbrücke der Harburger Dampfschiffe, und in 
Bremen, wenn ich nicht irre, ebenfalls auf dem Bahnhöfe. 
Dort sind Beamte znm Schutz und Rath der 
Auswanderer den ganzen Tag stationirt; die ewige 
Klage aber ist, daß sie so wenig in Anspruch genom 
men werden, und entweder wissen die Auswanderer 
nicht, daß sie dort Leute treffen, die sich ihrer unei 
gennützig annehmen, oder — sie sind auch wol von 
anderer Seite, aus leicht zu errathenden Gründen, 
vor solchen Bureaux gewarnt worden. 
Im Interesse der Auswanderer liegt es nun ganz 
besonders, sie auf diese Nachweisnngsbüreaux in den 
deutschen Hafenstädten aufmerksam zu machen und ihnen 
wieder und wieder zuzurufen, derartige Plätze auszu 
suchen. Sie erfahren dort nicht allein, wo sie am 
besten und billigsten logiren können und zu welchem 
Preis, sondern auch, was die Bedürfnisse kosten, die 
'sie auf der Seereise brauchen, was sie für den Trans 
port ihres Gepäcks zu zahlen haben rc. rc. Außer 
dem werden den Auswanderern nicht allein gedruckte 
Rathschläge für ihr Verhalten bei der Ankunft an 
überseeischen Landungsplätzen gegeben, sondern die 
Beamten sind ihnen auch zur raschen Erledigung etwai 
ger Beschwerden behülflich. Wünschenswerth wäre es, 
wenn sich diejenigen unserer Landsleute, die es beson 
ders auf dem Lande und in kleinen Städten mit den 
Auswanderern zu thun haben, der Sache ein wenig 
annähmen und die Abreisenden auf diese Nachwei- 
sungsbureaux ernstlich aufmerksam machten. Es ist 
ja doch das Einzige, was sie ihren bisherigen Lan 
deskindern mitgeben können, einen wirklich guten Rath. 
Ganz genau das Gegenstück zu diesen Privat 
verträgen bilden in neuerer Zeit einige Ankündigun- 
Aen in kleinen Städten, die zur Auswanderung nach 
Australien mit vollkommen freier Passage und ohne 
weitere Verbindlichkeit einer irgend zu leistenden Arbeit 
auffordern. Mit der "vollkommen freien Passage" 
'st es nun allerdings nicht so ganz richtig, denn 5 Thaler 
Handgeld für den Agenten und andere Spesen fallen 
allerdings noch davon ab, wie außerdem die Reise 
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bis zum Hafenplatz und die Einrichtung an Bord, 
was sich, der Angabe nach, auf circa 25 Dollars 
für eine Person beläuft, aber selbst damit bleibt die 
Verlockung noch eine ganz große für den armen Mann, 
der sich hier in Sorgen und Noth herumquält und 
der plötzlich eine Gelegenheit geboten bekommt, ver- 
hältnißmäßig sehr billig nach einem fernen Welttheile 
auszuwandern und damit der Sorgen daheim frei und 
ledig zu werden. Und doch möchte ich allen denen, 
die hier auch nur noch die Möglichkeit haben, sich zu 
erhalten, abrathen, selbst unter solchen Bedingun 
gen nach Australien zu gehen. 
Ich will ihnen einfach sagen, weshalb. Australien 
ist seit der Entdeckung des Goldes das Ziel von Tau 
senden von Auswanderern gewesen, und noch jetzt 
suchen es viele auf und befinden sich wohl dort. 
Weshalb aber bietet man da noch deutschen Arbei 
tern freie Passage?— Weil die Stationshalter dort 
an einzelnen abgelegenen Stellen in Bnsch und Wild- 
niß keine Arbeiter freiwillig bekommen können und 
nun zu diesem Mittel ihre Zuflucht nehmen. Der 
Einwanderer hat, dort angekommen, keine Verpflich 
tung weiter, als sich selber am Leben zu erhalten, 
aber um das zu thun, muß er Arbeit suchen, und 
an der Stelle, wo er gelandet wird, findet er die 
nur bei den dortigen Stationshaltern. Fort von da 
kann er nicht wieder ohne Mittel. Eine Fußwande 
rung in jenem Welttheile, aus einem District in den 
andern, liegt außer jeder Möglichkeit, die Schiffe 
nehmen ihn nicht wieder mit fort, und er muß also dort 
gerade aushalten und Schäfer oder Hüttenwächter werden. 
Oft und oft habe ich schon das elende Leben 
dieser Art Leute geschildert, zu denen der Deutsche 
nun einmal vor allen anderen Nationen -gar nicht 
paßt, und bringt er gar Familie mit, so möchte die 
Frau im einsamen --Busch" drinnen mit den Kindern 
gar verzweifeln. Aber cs bleibt ihm, wie gesagt, 
nichts Anderes übrig, und er ist gezwungen, eine 
solche Stellung für sich und die Seinigen anzuneh 
men und darin auszuhalten, bis er sich selber nach 
Jahren genug verdient hat, von dort wieder fortzu 
kommen und in bevölkerten Districten ein neues Leben 
zu beginnen. Er ist dort allerdings nicht der Gefahr 
ausgesetzt, von betrügerischen Pflanzern hintergangen 
und übervortheilt zu werden. Der englische Stations 
halter giebt ihm den festen ^bestimmten Preis für seine 
Arbeit — etwa 24 Pfund Sterling jährlich und seine 
Ration an Mehl, Thee und Zucker, aber er wird sich 
trotzdem elend und unglücklich fühlen und die Stunde 
segnen, wo er jenen Ort wieder verlassen kann.
	        

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