Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

selber durch Kautionen zwingt, für Alles das, was 
sie den Auswanderern versprochen, auch mit ihrem 
eigenen Vermögen einzustehen. Daß dann die meisten 
dieser Herren zu Grunde gehen würden, wäre eine 
unausbleibliche Folge. 
Die Sendung der meiningischen Regierung hatte 
aber auch noch außerdem einen direkten Erfolg für 
die Auswanderer, denn während dieselben, diesem 
Contract nach, nach irgend einem Punkte der Pro 
vinz San Paulo geworfen, irgend einem der bärtigen 
Pflanzer oder Sclavenhalter überliefert werden konn 
ten, erwirkte der Bevollmächtigte für sie die Ueber- 
fiedelung nach der Plantage eines Mannes, auf der 
sich schon Verwandte von ihnen befanden, die sich, 
ihren Briefen nach, wohl befanden, und machte es 
ausdrücklich zur Bedingung, daß die ihnen etwa erwach 
senden Kosten einer unverschuldeten Verzögerung im 
Hafenplatze nicht angerechnet werden durften. 
Ganz unmöglich ist es, von hier aus durch einen 
Contract die Stellung der Arbeiter zu ihren Brod 
herren zu regeln, denn die anscheinend klarsten und 
einfachsten Aufstellungen lassen sich, wenn der Wille 
dazu da ist,- leicht umgehen oder gerade in das 
Gegentheil verkehren. Ich habe ein ähnliches Bei 
spiel schon früher mal erwähnt, wo den Arbeitern 
von einem dortigen Pflanzer ein Stück Land zu 
eigener Bearbeitung zugesichert war, das sie im 
U r w a l d e angewiesen bekamen, und das sie, als sie 
es urbar gemacht und zwei Jahre benutzt hatten, 
wieder hergeben mußten, um auf's Nene, angeblich 
für sich, in Wirklichkeit aber für ihren Herrn, eine 
neue Strecke auszuroden. Es soll übrigens jetzt von 
der brasilianischen Regierung ein Gesetz erlassen sein, 
das diese Arbeitsverhältnisse regelt. 
Meiningen ist noch außerdem den anderen Negie 
rungen darin mit einem guten Beispiele vorangegan 
gen, daß allen Agenten bei Vermeidung der Couces- 
sionsentziehung untersagt ist, Auswanderer auf der 
artige Privatverträge zu befördern, und das ist vor 
der Hand das einzige Mittel, diesem Unwesen zu 
steuern. 
Ich will gar nicht leugnen, daß solche Privat 
verträge in sehr vielen Fällen zum Segen und Ge 
deihen des Auswanderers ausschlagen können, und 
daß er, wenn er es mit einem rechtlichen Brodherrn 
zu thun bekommt, selbst vollständig mittellos sein 
Vaterland verlassen und sich in einem anderen Welt 
theile eine gesicherte Existenz gründen kann. Aber 
wer bietet ihm hier die Sicherheit, daß er es mit 
einem rechtlichen Manne zu thun bekommt? Wer kann 
ihm in einem solchen Falle, wo er auf eigene Hand 
einen Privatcontract abschließt, garantiren, daß er 
nicht auf Schritt und Tritt betrogen wird, während 
er durch seine Familie schon an den Fleck gebunden 
und machtlos der Willkür seines Brodherrn preisge 
geben ist? 
Er darf sich auch die Verhältnisse des dortigen 
Landes selbst nicht einmal nur annähernd so denken, 
wie die unsrigen. Er weiß noch nicht, was es heißt, 
vierzehn Tagereisen weit im Inneren eines wilden 
Landes zu sitzen, dessen Sprache er nicht einmal spricht, 
dessen Regierung ihn nicht schützen kann, sobald er 
selber freiwillig einen Privatcontract unterzeichnet hat, 
selbst wenn man annimmt, daß die dortigen Richter 
und Pflanzer nicht eigene Interessen hätten und eng 
befreundet wären. Eines deutschen Sclaven wegen 
würden sie sich aber wahrlich nichts zu Leide thun. 
Die Versprechungen hier klingen allerdings ver 
lockend genug. Es liegt schon darin ein eigener Reiz 
für den armen Mann, daß er sich dort Kaffee und 
Zucker — hier oft unerreichbare Luxusgegenstände für 
ihn — selber bauen kann. Andere Lockmittel kom 
men dazu, Vieh und Hühner, ein eigen Haus und 
eigen Land, und mit dem Ziel vor Augen hält er 
alles Andere für Kinderspiel. — Er kann das auch 
in der That in fremden Welttheilen alles erreichen, 
aber er muß es nur vernünftig anfangen und sich 
von vornherein nicht selber die Hände binden, sonst ' 
darf er sich nachher auch nicht beklagen, wenn er sich 
und seine Familie dem Unglück preisgiebt. 
Vor allem aber möchte ich darauf aufmerksam 
machen, daß das durch die Agenten gegen die armen 
unwissenden Auswanderer angewandte Verfahren hi»' 
sichtlich der Unterzeichnung eines solchen Contracts 
nicht geduldet werde. 
Man läßt sie nämlich nicht etwa in ihrer eigenen 
Heimath einen solchen Contract unterschreiben, wo 
es ihnen noch möglich wäre, zurückzutreten, wen» 
ihnen die einzelnen Bedingungen nicht gefallen. - 
Nein, das geschieht erst in der Hafenstadt. Der Aus 
wanderer muß daheim erst sein geringes VesitzthuM, 
was er vielleicht noch hatte, sein weniges Hausge- 
räth verkauft und seine übrigen Sachen verpackt und 
nach dem Hafen geschickt, wie mit dem letzten zusaM- j 
mengerafften Geld seine eigene Passage dorthin be 
zahlt haben — dann erst wird ihm der Contract > 
dort vorgelegt, und er muß ihn jetzt unterschreiben, 1 
was ihm auch darin zugemuthet wird, denn er i 
kann nicht mehr zurück. Die Brücke ist hinter 
ihm abgebrochen und er rettungslos den Händen derer <
	        

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