Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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der Dauer des Contractes ihre ganze Zeit 
und Aufmerksamkeit dein ihnen überwiese 
nen Dienst zu widmen.» — Also kein Tag in 
der Woche gehört ihnen, nicht einmal der Sonntag, 
wenn ihr »Herr» nicht will. 
Aber wie lange dauert ein solcher Contract? 
Das ist eine Frage, die ihnen kein Mensch beant 
worten kann und die ganz von der Ehrlichkeit ihres 
Herrn abhängt. Will er sie aber hinhalten — wie 
das oft und oft geschehen ist — so kann derselbe zehn 
und zwanzig Jahre und noch länger dauern, und 
Vater und Mutter und Kinder können darüber zu 
Grunde gehen. 
Die gewaltsam aus einem solchen Vertrag befreiten 
Menschen, die ich in Brasilien sprach, waren zehn 
volle Jahre bei ihrem Herrn als Sclaven gewesen 
und, seinen Büchern nach, ihm noch bis über die 
Ohren verschuldet. Es hatte sich aber zufällig her 
ausgestellt, daß er seine Bücher falsch geführt, daß 
er nicht den halben Preis eingetragen, den er für 
seinen Kaffee bekommen, daß er ihnen, was die Un 
glücklichen nun einmal zum Leben nothwendig brauch 
ten, zu unverschämten Preisen berechnete, und anderes 
mehr, und den Gerichten wurden solche Beweise gege 
ben, daß sie zuletzt nicht mehr umhin konnten, die 
nur für ihre Passage zehn Jahre in Sclaverei 
gehaltenen Menschen zu befreien. 
Diese Colomen liegen meist alle weit im Innern 
— selbst die, wohin die Wasunger Auswanderer ge 
schasst werden sollten, lag nach Aussage des Agenten 
vierzehn Tagereisen weit von der Küste entfernt. 
Dorthinein muß also alles auf Maulthieren befördert 
werden, was selbst die einfachsten Bedürfnisse enorm 
vertheuert. Kleider, Branntwein, Tabak, Schuh 
werk rc. muß der Arbeiter aber von seinem Herrn 
in der Zeit, in welcher er für ihn arbeitet, entneh 
men, und wer will den Pflanzer controliren, wenn 
er dem armen Teufel l5 oder 20 Thaler für ein 
Paar Hosen ansetzt? 
Ich sage nicht, daß das immer geschieht, aber 
ss kann geschehen, und der Deutsche, der überhaupt 
>m Auslande vollkommen schutzlos dasteht, ist nach 
Unterzeichnung eines solchen Contractes vollständig 
nnd rettungslos in der Gewalt seines Herrn und hat 
Ipäter niemanden weiter anzuklagen, als seine eigene 
Dummheit, die ihn blind und toll in ein solches 
Dienstverhältniß hineinspringen ließ. 
Außerdem weiß er noch nicht einmal, wie tief er 
m Schulden sinkt, bis er nur an Ort und Stelle 
kommt, denn die Transportkosten werden ihm gewis 
senhaft angerechnet. Die Seereise läßt sich leicht be 
rechnen, aber von dem Moment an, wo er den frem 
den Boden betritt, ist es vollständig unmöglich, auch 
nur eine annähernde Berechnung fortzuführen. In 
dem Hafen angekommen, bleibt es nämlich völlig unge 
wiß, ja sogar sehr unwahrscheinlich, daß die nöthigen 
Maulthiere sogleich bei der Hand sind, eine solche 
Anzahl von deutschen Auswanderern mit ihren unprak 
tischen, riesenhaften Koffern und Kisten zu befördern. 
Vielleicht hat außerdem die Regenzeit gerade einge 
setzt, und die Wege sind grundlos. 
Wochen, ja Monate lang liegen die Auswande 
rer solcher Art dann oft in einem ungesunden Hafen 
orte, ehe sie befördert werden können, und zehren 
indessen auf ihre eigenen Kosten, denn was sie 
brauchen, gehört natürlich alles mit zur Reise und 
wird ihnen allerdings gegeben, aber auch berechnet, 
und vermehrt von Tag zu Tag ihre Schuldenlast. 
In diesem speciellen Falle that die meiniugische 
Regierung wirklich alles, was ihr noch zu thun übrig 
blieb, ja mehr, als wol irgend noch geschehen 
war, denn gewaltsam zurückhalten konnte sie die 
Auswanderer nicht. Sie sandte aber auf eigene 
Kosten einen Beamten nach Hamburg, um sich dort 
mit den Behörden in Vernehmen zu setzen nnd den 
armen Teufeln wenigstens jede Sicherstellung zu geben, 
die bei einem solchen Privatcontracte möglich war. 
Dort stellte es sich auch heraus, daß es die Aus 
wanderer in diesem Falle, wie es schien, mit or 
dentlichen Leuten zu thun hatten, nnd auch der Expe 
dient, Äug. Bolten, ein Mann sei, der sich von allen 
nicht reellen Geschäften fern halte. Es wurde mir 
geschrieben, daß seine Betheiligung an diesem Unter 
nehmen schon eine Gewähr dafür gebe, daß man es 
nicht mit einem der schmutzigen Geschäfte zu 
thun habe, die mit Recht in der letzten Zeit 
die öffentliche Aufmerksamkeit ans sich ge 
lenkt hätten. 
Was aber wußten die Auswanderer von Wasun 
gen davon, mit wem sie es dort zu thun bekamen, 
wem sie in die Hände geliefert wurden , als sie ihr 
Gepäck nach Hamburg schickten und ihm selber folgten 
und sich dadurch den Rückweg in die Heimath voll 
ständig abschnitten? Ebenso leichtsinnig werden aber 
noch in jedem Monat, in jeder Woche fast in Deutsch 
land ähnliche Contracte abgeschlossen, ähnliche Trupps 
von Unglücklichen auf's Gerathewohl in die Welt 
hinausgeschickt, nur zu oft dem Elend preisgegeben, 
und nicht eher wird dem ein Ende gemacht werden, 
bis man nicht daheim die Auswanderungs-Agenten
	        

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