Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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dessen Ertragsfähigkeit der Besitzer mit Fug und Recht 
rühmen kann. Nehmt Euch Reiser davon und pfropft 
damit Eure hochfeinen Stämmchen um. Wendet Euch 
außerdem an die Commission für landwirthschaftliche 
Angelegenheiten zu Cassel, welcher viele der für unsere 
Oertlichkeiten am meisten passenden Obstsorten bekannt 
sind. Sie giebt Euch gern Reiser davon. In eini 
gen Jahren kann sie Euch, wills Gott, auch Stämm 
chen ablassen, denn sie hat eine große Bauntschule, 
einen s. g. pomologischen Garten, bei Cassel ange 
legt, in der sie all' diejenigen Obstsorten, welche 
für die verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes 
den höchsten Werth haben, in großer Menge ganz echt 
und rein in musterhafter Weise erziehen wird. Schon 
jetzt stehen viel tausend Stämmchen darin und wachsen 
ihrer Bestimmung lustig entgegen. 
Ihr klagt, lieber Vetter, daß es im Lande an 
Leuten fehle, die den Obstbau und was dazu gehört 
verstehen. Wenn man auch den besten Willen habe 
und wolle was Rechtes anlegen, so komme man aus 
diesem Grunde nicht weiter. Da habt Ihr mitten 
ins Schwarze geschossen. Daran hängts. Das ist 
ein weiterer Hauptgrund, warums mit unserem Obst 
bau nicht vorwärts will. Aber das wird sich in 
Zukunft auch schon zum Besseren wenden. Wie ich 
vernömmen, soll in dem gedachten pomologischen 
Garten alljährlich eine Anzahl junger Männer aus 
dem Stande der Landleute und Kleingewerbtreibenden 
demnächst Unterricht im Obstbau erhalten, es sollen 
s. g. Baumwärter daselbst herangebildet werden. 
Wenns dann einmal dahin gekommen ist, daß sich 
in recht vielen Orten Männer finden, die den Obst 
bau gründlich verstehen, die Jeder um Rath fragen 
und bei denen man sich im richtigen Baumsatz, im 
Ausputzen, Verjüngen, Veredeln, Umpfropfen rc. 
durch das Beispiel belehren kann, dann wird sich 
auch in unserm Lande der Obstbau schon heben. 
Aber ohne solche Baumwärter gehts nicht. Das 
lebendige Beispiel wirkt mehr und schneller, als die 
besten Bücher und selbst die praktischsten Rathschläge. 
Ich habe unser liebes Vaterland nach allen Rich 
tungen hin durchpilgert und habe dabei ans den Obst 
bau, der mir, wie Ihr wißt, gar sehr am Herzen 
liegt, stets ein besonderes'Augenmerk gehabt. Da 
hab ich denn gefunden, 'daß so ziemlich alle Fehler, 
die beim Obstbau vorkommen können, bei uns so 
recht zu Hause sind. Ich will sie Euch einmal kurz 
hernennen. Ihr werdet mir gewiß Recht geben. 
1) Ein sehr verbreiteter Fehler ist die Auswahl 
ungünstiger, besonders zu feuchterLagen für j 
die Pflanzung. Auf feuchtem Boden reift aber 
das Holz nicht aus und erfrieren meistens die Blü- 
thenknospeu. Daneben macht man gar häufig Miß 
griffe hinsichtlich der anzubauenden Obstgattung; > 
man pflanzt an Stellen, wo Kirschen trefflich gedeihen 
würden, Aepfel und Birnen, oder man pflanzt Aepfel, 
wo Birnen sicher gedeihen rc. 
Ein weiterer Fehler ist 2) die Anpflanzung 
zärtlicher Obstsorten in rauhe Lagen oder 
frühreifende Sorten an Straßen. Die Bäume 
der ersteren werden stets siech und krank und tragen 
den Besitzern niemals etwas ein. Daran schließt sich 
3) fehlerhafter Banmsatz. Die Bäume wer 
den meist zu dicht, in zu kleinen Gruben, die nicht | 
selten kaum 1\ Fuß tief und weit gemacht werden, 
gepflanzt. Außerdem setzt man sie zu tief in die Löcher. | 
Das alles bewirkt aber, daß die Bäume vor der Zeit 
altern und sich nie recht ausbilden können, in Folge 
dessen aber unfruchtbar werden. 
4) Unrichtiges Beschneiden der Zweige 
und Wurzeln; oft gänzliches Unterlassen desselben 
beim Pflanzen. 
5) Unterlassen des Zurückschneidens der 
Kronenzweige im den ersten Jahren nach 
der Pflanzung, obgleich dies das Hauptmittel ist, 
der Krone eine schöne Form und den einzelnen Zwei 
gen die gehörige Erstarkung zu geben. 
6) Mangel des Auflockerns des Bodens I 
um die Bäume herum, was bis zum zwanzigste» j 
Jahre nach der Pflanzung jährlich geschehen sollte, 
da dasselbe die Wurzelbildung gar sehr befördert, 
auch der Boden dadurch fruchtbarer gemacht wird. 
7) Mangelhaftes Anbinden und Mangel an > 
starken, glatten Baumpfähleu. Letztere sind oft krumm, ! 
voller Astspitzen und verletzen die. Rinde der Bäume, 
wodurch Brand und Krebs erzeugt werden. 
8) Ungenügendes Ausputzen der Baum 
kronen bei älteren Bäumen. Die Folge davon sind 
geringe Obsterträge und schlechtes Obst. 
9) Die Wunden der Bäume werden nicht 
verstrichen, es erzeugt sich, namentlich beimApfel- 
bäum, Brand und das blosgelegte Holz wird kernfaul. 
Jeder Baumbesitzer sollte stets Theer im Vorrat» 
haben, um alle größeren Wunden damit vor Lust 
und Nässe und der dadurch verursachten Holzfäule 
schützen zu können. 
10) DasAbkratzen der abgestandenenRinde, 
das Entfernen der Schmarotzergewächse, Moose und 
Flechten kennt man an gar vielen Orten gar nicht, 
I während dadurch die Lebensthätigkeit des Baumes >»
	        

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