Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

33 
sahen an ihm nur Greuel und Aergernis. Er fühlte 
das selbst und es drückte ihn hart. Wenn er nüchtern 
war, konnte er bittere Thränen darüber vergießen. 
Aber alle Thränen schützten ihn nicht, daß er nicht 
am nächsten Tage dem alten Götzen gedient hätte. — 
Eines Morgens geht er aus. Aus einem Geschäfts 
gänge wird ein Weg in die Trinkstube. Bald ist er 
seiner Sinne nicht mehr mächtig. Nur das fühlte 
er noch, daß er, wenn er jetzo nach. Hause käme, 
den Kindern Aergernis, der Frau aber Trauer und 
Herzeleid mitbrächte. Er getraut sich d^rum nicht 
nach Hause. Aufgeregt und verwirrt, mit einem hüb 
schen Sümmchen Geldes in der Tasche, stürmt er 
zum Stadtthor hinaus, ohne Weg und Steg, durch 
Felder und Graben, durch dick und dünn, auf die 
nächste Stadt zu. Die Nacht bleibt er in der Nähe 
dieser Stadt auf dem Felde liegen. Am Morgen — 
denn der Gedanke an die Rückkehr nach Hause ward 
ihm immer schwerer — geht er wieder in die Schenke 
und treibts, wie gestern. Endlich wankt er fort und 
eine Kutsche nimmt ihn mit nach Dresden. So oft 
seine Gedanken und Sorgen sich durch den Nebel 
durcharbeiten wollen, werden sie mit Schnaps ersäuft. 
Er bleibt die Nacht in der großen Stadt. Ohne zu 
wißen, was er beginnen soll, durchwandert er am 
Morgen die Straßen. Er kommt auf die Brücke und 
s^>äut auf die Fluthen hinunter, die schon so manches 
Säufers Grab geworden find. Er hat auch seine 
eigenen Gedanken; es ist ihm, als ob ihm einer ins 
Dhr riefe: Mach, daß du hinunter komnist, hier oben 
dist du nichts mehr nütze. Nach Hause kannst du 
uicht wieder, wo willst du hin? Indem er diesem 
Gedanken nachgeht, tritt ein Jüngelchen mit offenem 
und freundlichem Gesicht, reinlich gekleidet, etwa 6 
dis 7 Jahre alt, neben ihn und schaut auch in die 
gellen, aber sicher mit anderen Gedanken. Der 
Trunkenbold zieht den Beutel und ein Glas heraus, 
gibt dem Kleinen einen Sechser und bittet ihn, ihm 
aus dem nächsten Laden Schnaps zu holen. Der 
fdhabe sieht ihn groß an und spricht: Mein Vater 
winkt gar keinen Branntwein. Er sagt: der Brannt 
wein macht dumm, wüst und gottlos. Trinke 
du auch keinen mehr. Da hast du deinen Sechser 
wieder. Den Töpfer, der nicht wußte, wohin er wollte, 
^'greifen diese Worte wie eine Gottesstimme. Er 
-nutz sich von dem Kinde wegkehren, die Thränen 
drechen, ihm mit Gewalt hervor. Der Kleine ist 
unterdes seines Weges gegangen, ihm aber gehen die 
Augen auf, es wird jetzt ihm klar, was noth sei. 
Tchne Zögern machte er sich auf zu den Seinen. 
Demüthig, mit viel Gebet und Thränen, aber doch 
auch wieder getrost, durchwandert er das Feld, das 
er zwei Nächte vorher ohne Sinn und Verstand durch 
rannt hatte. Mit der Morgendämmerung, denn er 
will sich vor keinem Menschen sehen laßen, pocht er 
an die Hausthür. Verweint und verwüstet tritt er 
ein. Die Seinigen hatten ihn den ganzen Tag rings 
umher suchen laßen und hatten endlich gemeint, er 
sei im Trünke irgendwo verunglückt und ihn ziemlich 
sicher für todt gehalten. Als sie alle um ihn ver 
sammelt sind, erzählt er ihnen seine Irrfahrt, aber 
auch sein Gelübde, das er vor Gott gethan habe, 
fortan den Branntwein zu meiden, wie Gift. Und 
er hielt es, denn er ward wieder ein stiller, fleißiger 
Hausvater, wie zuvor. Außer alten Sprüchen malte 
er noch fleißig auf seine Schüßeln: Die Trunkenbolde 
werden das Reich Gottes nicht ererben, und: Wehe 
denen, die des Morgens früh auf sind, des Saufens 
sich zu befleißigen. Der Friede Gottes wohnte wie 
der in der Familie und der alte Riß zwischen ihm 
und den Seinigen heilte wieder zu. In des Mannes 
Gedanken ist jener Knabe fast zu einem Engel Gottes 
geworden; er hat auch freilich Engeldienst an ihm gethan. 
Wir alle aber wollen bitten, daß der Herr mehr armen 
Verirrten solche Engel entgegenschicken wolle. 
Regeln für den Hausstand. 
1) Bet und arbeite. Bet heißts zuerst; das 
ist der Morgensegen und der Tagessegen und der 
Abendsegen. Wo das Gebet das Tagewerk beginnt, 
fortsetzt und endet, da hilft Gott arbeiten. Es geht 
frisch und freudig von der Hand und gibt ein ordent 
liches Stück. Da ist das "Arbeite» keine Last und 
Bürde, sondern eine Lust und Würze. Das Sprich 
wort: Handwerk hat einen goldnen Boden, sagt mir 
auch nicht, es bringt Gold ein, sondern der goldene 
Boden ist die wahre Frömmigkeit des Herzens, auf 
dem das Handwerk ruhen muß; dann aber nährt es 
seinen Mann und die ganze Haushaltung mit. Das 
Beten allein thuts nicht, aber das Arbeiten ohne 
Beten thuts gar nicht, denn dem fehlt der Segen 
Gottes. Darum beides zusammen und ungetrennt, 
das ist das Rechte und Echte. Die Alten wußten 
recht gut aus Erfahrung, warum sie das Morgen 
gebet Morgensegen und das Abendgebet Abendsegen 
nannten. Probiers nur einmal. Du lernst dann 
auch, warum es so heißt. 
2) Halt zu Rath früh und spat, so jeder 
etwas übrig hat. Das reicht dem ersten die Hand
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.