Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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Einstmals kam der Schusterkonrad dazu, wie der 
Dorfsattler am hellen Mittag betrunken auf der Straße 
lag und sich lallend und mit den Händen fechtend 
gegen einen Kinderschwarm vertheidigte, der lachend und 
neckend um ihn herum tanzte. Der Konrad faßte den 
Trunkenen am Kragen und half ihm wieder auf die 
Beine. Aber kaum war dieser in der Höhe, so wehrte 
er ihm den ferneren Beistand und stammelte voll Eifer: 
Laßt mich! Ich kanns allein fertig bringen! Auf der 
Stelle! Denn das »Auf der Stelle!» war so seine ge 
wöhnliche Redensart, die er immer anbrachte, sie 
mochte passen oder nicht. Er schwankte jetzt ein paar 
Schritte hin und her, that dann einen Satz zurück, um 
sich im Gleichgewicht zu erhalten, und schlug dann hart 
an dem Rande des durch das Dorf fließenden Baches zu 
Boden. Von neuem jauchzte die Kinderschar und helle 
Stimmen riefen: Ha, der Sattler schubbelt ins Waßer! 
Auf der Stelle! Der Schusterkonrad gieng seinesWeges 
und dachte: Nun, wenn du nicht hören willst, so leide 
dafür. Am Abend aber, da es sich gerade traf, 
machte er vor seinen Bekannten seinem Herzen Luft, 
denn es war ihm schon lange ein Ärgernis, daß der 
Branntweinsgeist so viele ergriffen und zu seinen wil 
ligen Knechten gemacht hatte.- »Seht,» sprach er, 
nachdem er die Geschichte mit dem Sattler erzählt 
hatte, »so weit kann der Mensch kommen, daß er 
das Gespött der Kinder und Mägde wird. Das edelste 
und beste Geschöpf Gottes, der Mensch, der allein 
Vernunft hat, stellt sich unter das Thier; das hört 
doch auf, wenn es satt ist und seinen Durst gestillt 
hat. Der Trinker aber schüttets so lange in sich hin 
ein, bis kein gesunder Gedanke mehr in ihm ist, bis 
er nichts mehr von sich weiß und er umfällt wie ein 
Stück Holz. Und was verthut einer mit dem Brannt 
weinsglase die kostbare Zeit! Im Rausche denkt er 
an keine Arbeit nnd nach dem Rausche ist er nicht 
dazu aufgelegt. Es gibt Unfrieden und Zank im 
Hause, die Kinder haben -ein schlechtes Beispiel vor 
Äugen und die Armuth schreitet langsam, aber desto 
sicherer hinter dem Trinker her, und das Ende ist, 
daß er den: Spittel verfällt oder das Gnadenbrot 
der Gemeinde eßen muß. Ja, der Branntwein — 
das ist schon tausendmal gesagt, aber keiner will es 
verstehen und sich gesagt sein laßen — ist ein Gift 
für Leib und Seele. Drüben in Amerika nennen ihn 
die Wilden Feuerwaßer; wahrhaftig, man sollte ihn 
Teufllswaßer nennen. Wie ruinirt er den Körper! 
Der wird dick und aufgedunsen und ein Zittern zuckt 
durch alle Glieder. Und sieht man einem Trunken 
bold ins Angesicht, so steht da mit großen Buchstaben 
zu lesen: Er ist frühe auf zum Trinken nnd hat seine 
Lust am Schlemmen. Der Appetit vergeht, der Schlaf 
bleibt aus, und zuletzt, wenn er nicht selbst Hand an 
sich legt, bereitet ihm der Säuferwahnsinn ein schreck 
liches Ende! Und was will nun so einer dem ewigen 
Richter antworten? Er hat das göttliche Ebenbild 
an sich geschändet, und während er seinem Leibe voll 
auf gab, hat er seine unsterbliche Seele darben und 
schmachten und sie versinken laßen im Schmutz und 
Schlamm der Sünde. Möchte darum jeder Trinker 
noch in sich schlagen und die Hand Gottes ergreifen, 
die er allzeit ausstreckt, um uns von dem Verderben 
zu retten. Dazu, wie einer sich aufmacht nnd für 
den Rest seiner Tage unserm Herrgott sich wieder 
zuwandte, will ich Euch noch ein Beispiel erzählen.« 
»In einem Städtchen im Sächsischen lebte ein 
Töpfermeister. Er verstand sein Handwerk vortreff 
lich und hatte auch Lust zu Gottes Wort. Er malte 
auf seine Schüßeln und Teller für Bürger und Land 
mann , die von ihm gerne kauften, am liebsten Bibel 
verse und schöne alte Gesangbuchsreime, damit sie, 
wenn die Schüße! anfängt, leer zu werden, lesen 
können von dem, der sie wieder füllt und ihnen auch 
noch mehr gibt, als leibliche Speise. Dabei war er 
bieder und treu, schlecht und recht, wie Gottes Knecht 
im Lande Uz (Hiob 1). Er hatte keine eigenen Kin 
der, aber eine Menge Stiefkinder. Als diese erwachse» 
waren, verheiratheten sie sich bis auf eins. Wen» 
Stiefkinder dahin gekommen sind, wird gegen die Stief 
eltern gewöhnlich der große Kettenhund losgelaßen- 
Ihr kennt ihn doch? Er hat seine Hütte gleich vor» 
unter dem Oberstübchen, und diese Hütte muß ja recht 
zugehalten werden, sonst passirt, was Jacobi 3, 5 
von der Zunge geschrieben steht. Des Töpfers erwach 
sene Stiefkinder hatten aber nie über ihren Vater 
gebelfert, sie hatten im Gegentheil oftmals gesagt! 
Er hat uns erzogen, wie eigene Kinder, wir habe» 
nie einen Stiefvater gehabt. Auch das Vermögen der 
Kinder hatte sich, obgleich noch sehr arme Verwandte 
von-ihm lebten, unter seinen Händen namhaft ver 
mehrt. Wer sollte es nun glauben, daß dieser Man» 
nach und nach ein völliger Knecht des Branntweins 
wurde. Er hatte es täglich bis zu zwei Schoppe» 
gebracht. Sein Handwerk litt darunter, der Haus 
friede bekam einen harten Stoß, die Kinder schloße» 
sich immer enger an die Mutter an und er ward 
immer fremder in der Familie. Die Frau hatte sich 
ihn genommen, damit er ihr ein Helfer im Beruft 
und in der Erziehung der Kinder sein sollte. Ru» 
ließ er das Geschäft zu Grunde gehen und die Kinder
	        

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