Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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alle Tage bester zu machen. Aber, Johannes, die 
Gebote bleiben die alten und kein Titelchen wird daran 
vergehen, und hast du auch dein Korn unterm Dach, 
was hilft es dir, wenn du Schaden leidest an dei 
ner Seele? Für die kümmert euch nicht! rief Johan 
nes , und jetzt Burschen auf, gebunden was das Zeug 
hält, die Zeit wartet nicht. Johannes ! Johannes! 
hat das Mütterchen noch gerufen, aber vergebens, und 
während sie betete und weinte, führte Johannes Gar 
ben ein, Fuder um Fuder. Menschen und Thiere 
schienen mit Flügeln behaftet zu sein. Tausend Gar 
ben waren unter Dach, als die ersten Regentropfen 
stelen; schwer, als wären sie Pfundsteine, fielen sie 
auf die dürren Schindeln. 
Jetzt, Großmutter! triumphirte Johannes, indem 
er mit seinen Leuten in die Stube trat, jetzt ists unter 
Dach und alles ist gut gegangen. Mag es nun strö 
men, wie es will, und morgen schön oder bös Wetter 
sei», ich Habs unter meinem Dach! Johannes, aber 
über deinem Dach ist des Herrn Dach! sagte die 
Großmutter feierlich, und als sie das sagte, ward es 
hell in der Stube, daß man jedem in sein angstvoll 
Gesicht sehen konnte, und ein Donner schmetterte über 
dem Hause, als ob dasselbe mit einem Streich in 
Millionen Splitter zerschlagen würde. Herr Gott, 
rs hat eingeschlagen! rief der erste, der reden konnte; 
alles stürzte zur Thür hinaus. Das Dach stand in 
vollen Flammen, aus dem Dache heraus brannten 
bereits die eingebrachten Garben. Wie stürzte alles 
durcheinander und wie vom Blitz geschlagen war jede 
Besonnenheit. Die alte Großmutter allein behielt 
klare Besinnung; sie griff nach ihren beiden Krücken, 
sonst nach nichts, suchte die Thüre und einen sicheren 
Platz und betete: Was hülfe es dem Menschen, wenn 
vr die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden 
an seiner Seele! Dein und nicht mein Wille geschehe, 
a Vater. 
Bis auf den Boden brannte daS Haus ab, gerettet 
ü^urde nichts. Auf der Brandstätte stand der Bauer 
avd sprach: Ich Habs unter meinem Dach! Aber 
über deinem Dach ist des Herrn Dach, hat die Groß 
mutter gesagt.« 
, --Aber,« fuhr der Schusterkonrad fort, --hat sich 
Mcht etwas dem Aehnliches auch bei uns zugetragen? 
>ohr kennt ja drüben in unserm Nachbardorfe den 
--ckenbauer und seinen ältesten Sohn, den Michel, 
immer stumm und wie im Traume dahingeht und 
Mtt dem Kopfe zittert, als wenn ihn das Alter drückte. 
!~ ,e Ursach davon ist der Schlag eines Pferdes, das 
'hn mit dem frisch aufgelegten Hufeisen an die Stirne 
traf. Einstmals an einem Charfreitag war der Wagen 
schon zurecht gemacht und die Pferde standen schon 
angeschirrt, denn der Alte konnte an solchen Tagen, 
die er als halbe Festtage für nicht so heilig hielt, 
kaum die Zeit erwarten, bis die Kirche zu Ende war 
und er mit seinen Schwarzen auf den Acker kam. 
Sie sangen noch am letzten Vers, da sollte es zum 
Aofe hinausgehen; aber, ich meine, dem Bauer ver- 
gieng das Fahren. Sein Sohn, ein Knabe von 15 
Jahren, der geschwind noch etwas am Leverzeug zu 
rechtrücken wollte, lag mit aufgerißener Stirn und 
wie todt hinter dem Borderpferde. Acht Tage und 
acht Nächte lang wachte der Bauer an dem Bette 
des in den Händen des Todes liegenden Kindes, und 
wer weiß, wie viel tausendmal cs ihn gereut hat, 
an dem Sterbetage des Herrn auf dem Felde zu 
Handthieren. Der Sohn kam mit dem Leben davon, 
und seit der Zeit hat der Alte, so habe ich manch 
mal von ihm gehört, den Gründonnerstag und den 
Charfreitag wie ganze Festtage gehalten.« 
Und was hatte der Hofbauer von all seiner Soun- 
tagsarbeit, von seinem Scharren und Trachten nach 
dem Irdischen? Die Leute erzählten, ein kalter Trunk, 
den er an jenem Sonntage in der Hitze gethan, 
sei der Nagel zu seinem Sarge gewesen. Denn schon 
die nächsten Christtage trugen sie ihn hinaus auf den 
Kirchhof und wirbelnde Schneeflocken deckten ihm sein 
Grab zu. 
4. 
In dem Dorfe, darin der Schusterkonrad wohnte, 
sprachen viele dem Branntweinsglase fleißig zu. Und 
gerade die, welche am meisten auf ihrer Hände Arbeit 
angewiesen waren und darum auch am ersten ihre 
paar Heller hätten zusammenhalten müßen, sah man 
am häufigsten in dem Wirthshause zum grünen Baum. 
Nicht nur an dem Sonntag, von dem so mancher 
Thor in seinem Herzen glaubt, daß er zum Plaisir 
in der Wirthsstube der beste Tag in dev Woche sei, 
nein, auch an den Werktagen saß oft eine zahlreiche 
Gesellschaft von Arbeitern, Taglöhnern, geringen 
Handwerkern und kleinen Bauern um den Schenktisch 
versammelt. Da ward dann gegeße», getrunken, 
gespielt, geflucht, gelästert, gelärmt und getobt. Und 
von dem Lärm kams zum Streit und vom Streit zum 
Handgemenge, Tumult in der Stube, Tumult vor dem 
Hause, nicht anders, als ob alle bösen Geister losge 
laßen wären. Und wenns dann zum Bezahlen der Zech- 
kosten oderAmtökosten kam, da zog dann mancher ein lang 
Gesicht, und bei denen, die oft am wenigsten verschuldet 
hatten, war Schmalhans wochenlang Küchenmeister.
	        

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