Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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den Streit nicht auflommen laßen und nicht Zorn 
halten, man muß vergeben und vergehen!" 
"Wie meint Ihr das, Konrad," fiel ihm der Schulze 
ein, der auch unter seinen Gästen war und jetzt mit 
gewichtiger Miene den Finger an die Nase legte, "daß 
wirs machen sollen-, wie der Bastian! Erzählts uns 
lieber, wie's der machte!" »Ja, erzählts uns!« 
riefen alle wie mit einer Stimme. 
»Nun, so hört,« winkte bereitwillig der Schuh 
macher, »und dann urtheilt selbst, ob ich Recht habe.« 
»Sebastian geht mit rothem Gesicht und großen 
Schritten zum Dorfe hinaus und spricht: das heiß 
ich einen Grobian! So sich aufführen! So dicke 
ausschimpfen! Mit der Faust mich unter die Nase 
stoßen! Und das vor der ganzen Gemeinde. Und 
warum? Weil ich in aller Güte seinen verderblichen 
Rath widerlegt habe. Nein, da könnte eine Geduld 
wie ein Heuseil zerreißen. Es ist gut, daß sich der 
Vetter dazwischen gelegt hat; diesmal hätte ich für 
nichts gestanden. Aber soll ichs ihm schenken? Soll 
ich ihn auf mir herumtreten laßen, wie auf einem 
Pflastersteine? Mich unter die Nase stoßen, das ist 
ja doch nicht erlaubt! Ich meine, dem wüsten Kerl 
möchts nichts schaden, wenn man ihm einmal ordentlich 
ausbezahlte. Er geht langsamer. Dumme Seele, 
wie wird ein Christenmensch denn raufen und schlagen." 
»Aber ich wills ihm einbringen! Der Lästerer! 
Will meinen Namen stinkend machen vor allen Leuten, 
Rchtet mir Sachen an, als ob ich dem Zuchthaus 
Entlaufen wäre! Und die Menschen glaubend wohl 
gar! Nachbar, sie wißen noch gar nicht alle deine 
saubern Stücklein. Jetzt will ich ihnen erst die Decke 
don.den Augen nehmen, jetzt will ich dich einmal hin 
stellen! Es heißt freilich beim neunten Gebot: wir 
sollen unserm Nächsten keinen bösen Leumund machen; 
°ber hätte der Doctor Luther den Unmenschen gekannt, 
wöcht er eine Ausnahme zugelaßen haben. Nein, 
°ei einem solchen Kunden brauchts keiner Barmher- 
Weit mehr. Doch erwirb nachdenklich und spricht: 
ed wär mir drum lieber, wenn die Ausnahme habet 
mmb. Was hab ich auch davon, wenn ich ihn noch 
ichlechter mache; er ist so schon schlecht genug. Was 
w'rd man auch viel seinen albernen Schmähungen 
Dauben, sie kennen dich wohl beßer. Laß ihn laufen. 
Wer Pech angreift, besudelt sich. Ja, grober Rach 
er , ich will dich nicht wieder schimpfen, will nicht 
!" deine schmutzigen Fußtapfen treten; aber das kann 
sch dir redlich sagen, daß ich dein Freund gewesen 
dm. Es steigt mir gallenbitter auf, wenn ich nur 
klu dich denke.« 
Er dreht den Kopf und horcht. »ES hat sich 
wohl nur der Wind in meinem Ohr gefangen. Das 
ist aber ein besonderer Wind, der bläst: vergebet, 
so wird euch vergeben. Hm! Hm! Also wärs noch 
nicht genug, daß ich nicht wieder schlage, daß ich 
nicht wieder schelte, daß ich ein siebenfaches Schloß 
vor mein zorniges Herz lege? Also soll ich gar ver 
geben, vergeßen, allen Brand in meinem Herzen aus 
löschen? Das wär doch zu viel! — Aber, Bastian, 
hast du nicht den lieben Gott schon viel ärger belei 
digt ? Wärs dir recht, wenn er darüber Zorn hielte? 
Oder möchtest nicht lieber da droben ein Herz voll 
lauter Barmherzigkeit? Vergebet, sagt er, so wird 
euch vergeben. Besinne dich lang oder nicht lang. 
Es wird nicht anders. In Gottes Namen hinaus 
mit dir, Zornteufel! Hebe dich von mir, Satan, 
und ersäufe dich im tiefsten Meere! Gottlob, jetzt 
wirds mir wohler und leichter. Er hätt mich freilich 
nicht so arg traktiren sollen, hab ich ihm doch immer 
alle Lieb und Hilfe erwiesen. Verlangte er nicht noch 
erst meinen Schimmel auf morgen früh, und sagt ich 
nicht mit aller Freundlichkeit: ja, Nachbar, auf den 
ganzen Tag. Nun, der Schimmel wird wohl morgen 
im Stall bleiben; man muß seine Güte einhalten, 
wo sie nicht wohl angewendet ist und erst nicht erkannt 
wird. Aber feind bin ich ihm immer. Er bleibt 
stehen und besinnt sich, doch fährt er fort: Halt still, 
Bastian, ich fürcht, du fährst mir noch nicht ganz 
im rechten Gleis. Du wirst ihm doch morgen den 
Schimmel leihen müßen, wenn er ihn verlangt. Freilich, 
ein Christ muß feurige Kohlen auf seines Feindes Haupt 
sammeln. Und wenn er ihn nicht verlangt? Da 
wendet er sich rasch um und schließt sein Selbstge 
spräch: Dann denk ich, will ich selber kommen und 
an sein Fenster klopfen und hineinrufen: Nachbar, 
der Schimmel ist-fertig! »Wahrhaftig, Konrad,» 
riefen die Bauern, »der Bastian ist ein respectabler 
Kerl, der gefällt uns!» »Nun, so geht hin," mahnte 
der Schuhmacher mit den Worten des Herrn, »und 
thut desgleichen!» 
3. 
Es war wieder Sonntag und bei dem Schuster 
konrad Versammlung. Da klatschten Peitschenhiebe 
im Dorfe und ein stattliches Viergespann zog einen 
hoch mit Korn beladenen Wagen die Riedgaße hinauf. 
Es gehörte dem Bauer Rüßing, der sich nicht wenig 
darauf zu gute that, daß er von seinen Voreltern 
einen adligen Hof mit Zehnten und Gefällen ererbt 
hatte. Die ganze Woche fast hatte es geregnet; am 
Sonnabend aber war das Wetter umgeschlagen und den
	        

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