Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

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geschickt, ihm die Früchte auf dem Felde gerathen 
laßen, seinen Viehstand gesegnet, ihm Weib und Kind 
und alle Güter gegeben, die das Herz erfreuen. Aber 
es ist so, als ob die Leute das Gute gar nicht 
vertragen könnten. „Die Ehrbarkeit und Gottesfurcht 
wandert aus, und übermuth und ungeberdiges Wesen, 
'Müßiggang und Rauflust, wüste Gelage und Kleider 
staat, Schlägereien und allerlei schlechte Händel sind 
dagegen im Schwange, verdüstern das Herz, stören 
den Frieden und machen den Beutel leer. Und gehts 
so fort, so wohnen in dem sonst so wohlhabenden 
Orte nichts als Lumpen und Bettler. Aber was ich 
dazu thun kann, dieser verkehrten und thörichten Art 
die Augen zu öffnen, das soll mit Gott und seiner 
Gnade von mir geschehen.« 
Der Schusterkonrad hatte schreiben und lesen ge 
lernt und den Inhalt vieler guter Bücher, insonder 
heit der heiligen Schrift, nicht bloß in den Kopf, 
sondern auch in das Herz aufgenommen; er wußte 
, seine Worte gut zu setzen und konnte gleich dem Pfarrer 
auf der Kanzel einem in das Gewißen reden. Daher 
holte mancher aus dem Dorfe bei ihm sich Raths 
oder hörte seinen Erzählungen, die er bald aus seinem 
Eigenen nahm, bald von dem, was andere zum Nutzen 
und Frommen des Nächsten gedacht und geschrieben 
hatten, gern und mit Wohlgefallen zu. An den 
dunklen Winterabenden oder den Sonntagnachmittagen 
sammelte sich meist ein Kreis von Bekannten und 
Nachbarn um ihn, und waren es im Anfang nur 
Männer, die da kamen, so fanden sich auch bald 
Weiber, junge Bnrsche und Mädchen unter seinen 
Zuhörern. Und der lahme Konrad saß dann wie 
ein Vater unter seiner Familie und von den Alten 
wie von den Jungen erlaubte sich keiner, wenn er 
sprach, durch einen Scherz oder eine muthwillige 
Neckerei den Lauf seiner Rede zu hemmen. Viele 
nahmen aus diesen Zusammenkünften ein gutes Körn 
lein mit hinweg, das später in dem Herzen zur gesunden 
Frucht emporwuchs, andere schlugen das Gehörte doch 
auch bald wieder in den Wind und ließen eö leicht 
sinnig in den Wogen des Lebens zerrinnen. 
2. 
An dem Sonntage, von dem hier der Kalender 
mann schreibt, saß der Schusterkonrad vor der Thüre 
seines Hauses und schaute mit Behagen in die blü 
hende Landschaft hinaus. Denn der Frühling war 
wieder ins Land gekommen mit all seiner Frische und 
glänzenden Pracht. In Busch und Baum jubilirte 
und musicirte es, daß eö eine Freude war; Fink und 
Amsel und all die andern fröhlichen Sänger wollten 
noch vor Schlafengehen dem Herrn ihr Danklied 
bringen, der sie nährt und ihnen Speise gibt, ohne 
daß sie säen und ernten und in die Scheunen sam 
meln. Sein Auge ruhte bald auf der gelben Butter 
blume in der nahen Wiese, bald schweifte es zu den 
fernen Höhen. welche die sinkende Sonne mit goldnem 
Licht umsäumte. 
Da auf einmal nahten Schritte seiner Hütte und 
weckten ihn aus seinem stillen Sinnen. «Guten Abend, 
Konrad!« rief es von mehreren Seiten. «Ist es 
erlaubt, noch ein wenig bei Euch vorzusprechen?« 
»Ist wohl erlaubt!« erwiderte er den nachbarlichen 
Gruß und lud die Gäste mit gewohnter Freundlichkeit 
zum Sitzen ein. 
Die wie mit Gold umfloßenen Berge und das 
lachende Wiesenthal mit dem still dahinziehenden Fluße 
verfehlten ihres Eindrucks auf die Angekommenen nicht 
«Ach, hier ist es doch schön,« nahm Eckhardts Phi- 
lipp, ein verständiger und wohlgesinnter Bauer, das 
Wort und machte sichs bequem auf der steinernen 
Bank, während die andern sich die hölzernen Schemel 
aus dem Hause holten, »ja, hier ist es schöner, als 
in der Wirthsstube im grünen Baum, wo Brannt 
weinfusel und Tabaksqualm die Köpfe benebeln und 
Zank und Streit mit zu Tische sitzen. Königs Anton, 
der, wenn er bös wird, sich selber nicht kennt und 
wie ein Toller tobt und rast und ein Maul am Kopfe : 
hat wie ein Schwert, hat eben an dem Alles vom 
Berg seinen Meister gefunden. Wahrlich, man muß ' 
sich darüber wundern, was der Leinweber für eine ! 
Kraft in den dürren Knochen hat. Mit einem Stuhl 
bein hat er ihm den dicken Buckel tüchtig gedroschen, 
und jetzt tragen sie ihn in seinem Blute und mehr 
todt als lebendig nach Haus. Doch der Alles kann 
sich vor dem Anton in Acht nehmen, der gedenkts i 
ihm Jahr und Tag!« »Ja, was man einbrockt," ; j 
meinte darauf der Schusterkonrad, »muß man auch 1 
ansehen, und wie man in den Wald ruft, so schalltS i 
einem entgegen. Aber es ist doch, meine Freunde, l 
ein Jammer! Als ob der liebe Sonntag nur da 
wäre zum Trinken und Raufen und Balgen. Der 
Zorn ist ein freßend Feuer, und in der Hitze thut > 
einer nicht, was recht ist und dem Herrn gefällt. ! 
Jesus Sirach sagt: ein zorniger Mensch zündet Hader - 
an, und wer jäh ist zum Hader, zündet Feuer an, und > 
wer jäh ist zum Zanken, vergießt Blut. Machte es | 
der Anton und machten es alle andern so wie jener > 
Hitzkopf, der Bastian, so bewahrten sie ihren Leib 
vor Schlägen und ihr Herz vor Sünde. Man muß °
	        

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