Full text: Amtlicher Kalender für das Kurfürstenthum Hessen // Amtlicher Kalender für Kurhessen // Amtlicher Kalender für den Regierungsbezirk Cassel (1860-1873)

plötzlich nach allen Seiten hin in wilder Flucht sich 
aufzulösen. 
Auch Tallard ward in diese, in der Richtung 
nach Hochstädt hin, mit fortgerissen. Nach seiner 
Gewohnheit und seinem eitlen Wesen entsprechend 
auch an diesem Tage wieder einen milchweißen, pracht 
voll mit Gold und Purpur aufgezäumten Schimmel 
hengst reitend und in ein kostbares Gewand von 
Goldstoff gekleidet, darüber her das breite himmel 
blaue Band des Ordens vom heiligen Geiste und 
auf dem Haupte einen reich mit Goldborden besetzten 
Hut, von welchem lange weiße Flaumfedern herab 
wallten, leuchtete er somit aus der Masse der Flücht 
linge weithin sichtbar hervor. 
So geschah es, daß hierdurch zu seinem Unstern 
auch die Aufmerksamkeit zweier Dragoner vom Regi 
ment Erbprinz auf ihn gelenkt wurde, welche sich 
unter den hitzig Verfolgenden am weitesten in die 
flüchtigen Feinde hineingewürgt hatten. Tallard 
erblicken, erkennen wer es sei und keinem andern 
Gedanken mehr Raum geben, als ihn zu erreichen 
und ihn niederzumachen, war für beide Dragoner um 
so mehr die Eingebung eines Augenblicks, als heute 
und an diesem Tage von den Regimentern Erbprinz 
und Auerochs überhaupt kein Pardon gegeben wurde. 
Niemand wollte sich durch Gefangene oder Beute 
machen aufhalten lassen, sondern unter dem unab 
lässigen wilden Rufe: „Revange für Speier 
bach!" ward mitleidlos alles niedergemacht, was ihr 
Schwert erreichen konnte. So bekümmerten sich denn 
auch jene zwei Dragoner um nichts weiter, was um 
sie her vorging, sondern verfolgten fort und fort 
seine Spur wie zween hungrige Wölfe, die den Edel 
hirsch jagen, und suchten sich zu ihm hindurch zu 
arbeiten. 
Dies Benehmen war zu auffällig, als daß Tallard 
es nicht hätte bemerken sollen. Da nun das Gewirre 
und Getümmel der vor und um ihn herum jagenden 
Reiter ihn hinderte, rasch vorwärts zu kommen, so 
lenkte er, da wo sich dem linken Donanufer entlang 
ein weiter Wiesenplan gen Sondernheim hin erstreckt, 
links ab, in der Hoffnung über diesen hin auf seinem 
trefflichen Renner sich leicht den zwei ihm immer 
unheimlicher werdenden Gesellen entziehen zu können. 
Aber dieser Wiesenplan war vielfach mit Sumpfstellen 
durchzogen, nnd da Tallard blöden Gesichts war, 
vermochte er nicht, diesen auszuweichen, sondern 
gerieth in eine solche hinein uud bemühte sich ver 
gebens mit seinem Rosse sich wieder aus derselben 
heraus zu arbeiten. Freilich konnten auch seine 
Verfolger aus deinselben Grunde nicht an ihn Hera«, jj 
da aber diese sich anschickten, sich schußfertig auf ih« j 
zu machen, so schwingt sich Tallard, als er daS <3 
sieht, von seinem Rosse herab, um zu Fuß und g 
jenes am Zügel führend die böse Stelle zu passim« sj 
Doch schon nach wenigen Schritten versinkt er bis j, 
unter die Arme in Sumpf und Moor, während sei« g 
sich hoch aufbäumendes Roß den Zügel zerreißt und, 
davon eilt. So sieht er sich denn gänzlich unfähig, (j 
vor- oder rückwärts zu kommen, und wehrlos seine« k 
Verfolgern preisgegeben; diese aber, versichert, das 
er ihnen nunmehr so leicht nicht entkommen könne, 3 
haben sich ebenfalls von den Pferden geschwunge« ^ 
und beginnen, sorgsam die trügerische" Rasendecke 
prüfend, langsam zwar, aber immer näher und näher 
durch Sumpf und Moor sich zu ihm hinzuarbeiten. . 
Nur zu deutlich kündet ihr ganzes Wesen ihre Absicht ^ 
an, ihr grimmiger Blick sagt ihm, was er von ihnen j 
zu erwarten habe. Tallard war bei aller Eitelkeit „ 
und Hochmuth sonst ein tapferer Mann; aber auch ( 
der Muthigste wird bei dem Gedanken, wehrlos ab- e 
geschlachtet zu werden, sich mit Grausen erfüllt sehen, fl 
und so gewann denn auch bei Tallard das Entsetzen „ 
die Oberhand über den Stolz. Wiederholt und immer | 
flehender in Ton und Geberden rief er daher in, 
gebrochenem Deutsch jenen Dragonern zu: „Pardon! t 
Pardon! für einen Marschall von Frank- „ 
reich, Pardon!" Aber er ruft es tauben Ohren ^ 
zu, denn mit keiner Miene verrathen die beiden r 
Dragoner, daß sie solchen zu gewähren geneigt seien. 0 
Sie mochten denken, damals am Speierbache hätten j 
auch so viele brave Hessenkinder keinen Pardon be- , 
kommen, und auch Prinz Philipp von Hessen- * 
Homburg habe da sein junges Leben lassen müssen, ^ 
somit brauche es auch dem Franzosen da nicht besser ^ 
zu gehen, wenn er auch der Marschall Tallard 1 t 
selber wäre, zumal da ja der Erbprinz die Parole ^ 
„Revange für Speierb ach!" gegeben habe., \ 
Da, gerade im letzten Augenblicke der höchsten Noth, « 
führt das Geschick dem Marschall zum Glücke best; 5 
Rittmeister Adam Heinrich v. Gr äsender ff von> 
Regiment Erbprinz-Dragoner zur Stelle, der befiehlt t 
den beiden Dragonern, ihm Pardon zu geben und - 
ihm aus dem Moraste herauszuhelfen. , ( 
So ward ihm denn, wenn auch um den Preis <, 
der Freiheit, das Leben erhalten, worauf er dcw >, 
inzwischen auch noch herbeigekommenen General-Adju- s 
kanten des Erbprinzen, Oberstlieutenant Carl vo« t 
Bohneburgk, überantwortet wurde, der seine« d 
Degen in Empfang nahm und ihn zum Erbprinzen
	        

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