Full text: Rede auf Wilhelm Grimm und Rede über das Alter

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unausgerottete, chmals weitverbreitete witwenverbren- 
nung, die aussetzung der kinder und die tödtung alter 
yreise, der wir selbst in der vorzeit edler völker begeg- 
nen und die uns wilde stämme noch heute als einen vor- 
wurf wie im spiegel vorhalten. wahr ist, dasz alte greise 
heiter sich vom felsen niederstürzten, witwen freiwillig 
und freudig den scheiterhaufen bestiegen; das war einer 
grausamen sitte wahn und ist rein menschlichen begrif- 
fen von grund aus widerstrebend. 
Wie menschlich gedacht ist dagegen die äsopische 
fabel vom greis, der in den wald gieng holz zu fällen 
und nun von seiner bürde überwältigt und den tod her- 
beirufend sie hin zu boden warf. als der tod schnell 
nahte, hatte der greis nichts zu bitten, als dasz: er ihm 
die last wieder auf die schulter helfe. keinen alten, sagt 
man, giebt es, der nicht noch ein jahr zu leben gedächte. 
einigemal findet sich der widerwillen ausgedrückt, das 
vollbrachte leben noch einmal durchzuführen, der greis 
möchte nicht wieder ein kind werden und in der wiege 
schreien (repuerascere et ın cunis vagire). Hugo ruft: 
Got müeze mir ein sxligez ende geben, 
wan ich sö lenge niht wolde leben 
üäf erden als ich gelebet hän. Renner 21297, 
das ist wahr empfunden, aber eitle sorge, nimmer hat 
ein greis zum zweitenmal gelebt. kindisch werden mag 
er wol, nicht wieder zum kinde. 
Wir sind da angelangt, wo eingeräumt werden soll, 
was niemand leugnen mag. das alter liegt hart an des 
lebens grenze und wenn der tod in allen altern eintreten 
oder ansbleiben darf, im greisenalter musz er eintreten 
and kann nicht länger ausbleiben. wir wissen dasz der 
tod. in den ersten jahren ihres lebens eine menge un- 
schuldiger kinder wegraft, doch er schont ihrer oft, des
	        

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